
-
Der ländliche Raum Brandenburgs verliert seit der Privatisierung der DDR-Landwirtschaft in historisch nicht gekannten Dimensionen Einwohner. Besonders in der Uckermark, die von Demografen und Historikern intensiv erforscht wird.
Nur in der Phase der DDR gab es hier durch Nachkriegsflüchtlinge und Agrarproduktion für die Versorgung Ostberlins einen Bevölkerungszuwachs. Während Prognosen bis 2030 eine dramatische Entvölkerung ankündigen, blühen Dörfer wie Wallmow bei Prenzlau wieder auf. Historiker der Humboldt-Uni mahnen, auch solche Entwicklungen zu studieren und nicht nur den Niedergang.
Manuskript:
Wallmow, bei Prenzlau. Ein Dorf mit gut 300 Einwohnern inmitten der Uckermark. Während ringsum immer mehr Menschen auf der Suche nach Arbeit abwandern, sind hier viele neue hergezogen. Ein Konfliktstoff zwischen Demografen und Historikern.
Auch der Sohn Max von Bauer Wendt ist nach dem Studium zurückgekommen – gerade junge Uckermärker suchen sonst ihr Glück in der Fremde.
O-Ton Hans-Peter Wendt:
Landwirt
„Das ist der Hof meiner Familie. Die ist hier nachweislich seit dem 30-Jährigen Krieg. Das war eine entvölkerte Region.“
Nach 1650 hatten Hugenotten die Landwirtschaft modernisiert. Auf den guten Lehmböden gediehen später Tabak, Kartoffeln- und Weizen. Dafür wurden viele Arbeitskräfte gebraucht. Auch die Wendts belieferten Berlin und machten gute Geschäfte.
1870 lebten 125.000 Menschen in der Uckermark. 1945 kamen viele Vertriebene, bis zum Ende der DDR blieben 170000 Menschen. Nun sehen Demografen eine Talfahrt durch den Wegzug junger Frauen und Kindermangel. Historiker teilen diesen Pessimismus nicht.
O-Ton Dr. Leonore Scholze-Irrlitz:
Humboldt-Universität Berlin
„Wenn man sich überlegt, 1860 hätte jemand prognostiziert, wie sich die Bevölkerung in den nächsten 40 oder 50 Jahren in Brandenburg entwickelt, dann ist da die Industrialisierung nicht enthalten, dann ist der Erste Weltkrieg nicht enthalten. Oder wenn wir sagen, 1910 ist diese Prognose erstellt worden, dann ist der ganze Zweite Weltkrieg nicht enthalten mit der enormen Zuwanderung, die dann erfolgt ist. Insofern sind die Modelle auf so schmaler Basis gebaut, dass es überhaupt nicht möglich ist, die nächsten 50 Jahre zu übersehen.“
Zu DDR-Zeiten erlebte die Uckermark den stärksten Bevölkerungszuwachs, weil es Arbeit gab. Die Kornkammer der DDR-Hauptstadt brachte vielen Genossenschaftsbauern Kindergärten, Schulen, Wohnungen. Rückblickend gilt die stark rationalisierte Landwirtschaft als einer der leistungsfähigsten Teile der DDR-Wirtschaft. Modernisierungsbedürftig, aber konkurrenzfähig.
In Wallmow lag die LPG auf Flächen des Wendt-Hofs, der nach 1945 enteignet worden war. Wie alle Güter, die mehr als 100 Hektar hatten. Zur DDR-Zeit gehörte der Familie ein Bauernhof in West-Berlin.
Hans Peter Wendt heute und Anfang der 90-er Jahre. Damals wurde er von einigen Wallmowern ermuntert, den Betrieb der Altvorderen zurück zu kaufen. Ein günstiger Zeitpunkt, denn in Bonn waren nicht große Genossenschaften, sondern bäuerliche Betriebe nach westdeutschem Vorbild das Maß aller Dinge. Die hastige Privatisierung der ostdeutschen Genossenschaften in nur neun Monaten veränderte auch in Wallmow alle Lebensverhältnisse.
„Der Betrieb ist verkauft.“
Wegen der hohen Altschulden der LPG.
„Man wir sind hier in Wallmow geboren, wir wissen, was hier läuft.“
Viele, die über Jahrzehnte in der Landwirtschaft beschäftigt waren, stürzten in die Arbeitslosigkeit. Vier Fünftel der landwirtschaftlichen Arbeitsplätze in der Uckermark brachen weg. Von der Abwanderungswelle hat sich die Region nicht erholt. Bis zu diesem Punkt ist die Geschichte Wallmows typisch für die Uckermark. Doch: Wallmow gehört nun zu den wenigen Dörfern, die den Anschluss an die neue Zeit geschafft haben. Verblüffend nur für Statistiker, weniger für Historiker.
O-Ton Dr. Leonore Scholze-Irrlitz:
Leiterin der Landesstelle für Berlin-Brandenburgische Volkskunde
„Es gibt eben nicht nur die Gemeinde, die durch Wegzug gekennzeichnet sind, sondern es gibt auch sehr viele Gemeinden, die durch Zuzug gekennzeichnet sind. Die Frage ist natürlich an das politische Feld, aber auch an die Wissenschaft zu stellen, warum steht eigentlich Wegzug, totgesagter Raum im Mittelpunkt und warum wird nicht die Untersuchungslinse auf die funktionierenden Beispiele gerichtet.“
Ein Forschungsprojekt der Berliner Humboldt-Universität hat dem Wallmower Erfolgsgeheimnis nachgespürt. Entscheidend: Eine schöne Landschaft, aber vor allem viele Eigeninitiativen im Ort. Die neuen Bewohner, viele Berliner, haben hier eine private Schule organisiert und bauen sogar eine neue Kita. Es gibt neue Arbeitsplätze, auch im nahen Prenzlau, und auch ein kleiner Laden blieb erhalten. Auch die regionale Landwirtschaft rückt wieder ins Bewusstsein.
O-Ton Hans-Peter Wendt:
Landwirt
„Unser Markt sind Zentren, und das Zentrum für uns hier in der Region ist Berlin und das müssen wir erobern. Es ist bisher eher erobert gewesen vom Rest der Bundesrepublik. Jetzt versuchen wir da aus der Region hereinzukommen, weil wir meinen, das ist unsere Hauptstadt.“
Die Wallmower Kinder wachsen in eine Welt ganz neuer Brüche. Einerseits nimmt bis 2030 in der Uckermark die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter noch um die Hälfte ab: Ein Risiko für die Wirtschaft. Andererseits wächst so die Chance für gut ausgebildete Berufsanfänger und Menschen mit Eigeninitiative und ökologischem Bewusstsein.
O-Ton Hans-Peter Wendt:
Landwirt
„Nachdem ich hier wieder begonnen habe mit der Landwirtschaft, war auch klar dass sich einer der Söhne für die Landwirtschaft interessieren sollte und müsste.“
Ein Sohn will den Betrieb übernehmen, ein anderer ging in die regionale Energieindustrie. Wenn eines Tages auch die globalisierte Landwirtschaft in Frage steht – und die Berliner wie einst Lebensmittel auch wieder aus der Uckermark wollen - könnte diese totgesagte Landschaft also doch lebendig bleiben.
Ein Bericht von Wolfgang Albus.

