Alter Schriftzug (Quelle: rbb)

- Goethes erotischer Wortschatz

Bei ihren Forschungen zum Goethe-Wörterbuch stießen Sprachwissenschaftler auf ausgekratzte Textstellen. Entfernt auf Befehl der Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar, die Goethes Nachlass veröffentlichen ließ und sich an vielen erotischen Formulierungen stieß.

Buch-Tipps

Der Traum von Arkadien

Hrsg: Berthold Heinecke, Michael Niedermeier
Kultur-Landschaft Haldensleben-Hundisburg e.V. 2007
ISBN 978-3-00-020890-4

Erotik in der Gartenkunst

Eine Kulturgeschichte der Liebesgärten
Michael Niedermeier
Verlag Edition Leipzig, 1995
ISBN 3361004365

Johann Wolfgang Goethe

Venezianische Epigramme. Eigenhändige Niederschriften, Transkriptionen und Kommentar
Insel-Verlag, 1999
ISBN-Nr. 13-978-3458169178

Goethe als Naturforscher sah in Vulva und Phallus antike Sinnbilder des ewigen Naturkreislaufes. In der Epoche der Aufklärung war die sexuelle Freizügigkeit früherer Kulturen und fremder Völker wiederentdeckt worden.

Manuskript:

Johann Wolfgang von Goethe – er nutzte so viele Worte wie kein anderer deutscher Schriftsteller oder Gelehrter. Doch nicht alle sind überliefert. Viele erotische Worte und Sprachbilder sind verschwunden. Wurden aus den Manuskripten herausgeschnitten, ausgekratzt. Auf Befehl der Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar, die den Nachlass im späten 19. Jahrhundert in der sogenannten Sophienausgabe veröffentlichen ließ.

Die Goethe-Zeit war die Epoche der Aufklärung. Vor allem Intellektuelle und Künstler hatten die sexuelle Freizügigkeit früherer Kulturen wieder entdeckt. Neue archäologische Funde in Italien erzählten vom ungezwungenen Alltagsleben in der Antike. Wie manch anderer besaß auch Goethe eine Erotika-Sammlung. Darunter der Thesaurus Brandenburgicus selectus mit den antiken Fruchtbarkeitsgöttern. Wie Priapus, der zugleich den Garten schützte, Gesundheit verhieß. Phallus und Vulva waren für Goethe als Naturforscher antike Sinnbilder des ewigen Naturkreislaufes. Sie regten ihn zu eigenen Zeichnungen an. Aufgeklärte Geister interessierten sich für die natürlichen Sexualbräuche fremder Völker.

Doch es war auch eine Zeit der Prüderie. Pädagogen meinten, diese Freizügigkeit wecke frühe Sexuallust bei Mädchen und Knaben. Onanie galt als „Selbstbefleckung“, die zu Schwachsinn führe. Dagegen helfen sollten Gartenarbeit und Sport.

So gab es eine strenge Zensur in Kunst und Literatur. Goethes Venezianische Epigramme waren besonders von den Ausradierungen betroffen. Während seiner Italienreisen beeindruckte den Dichterfürsten das dortige Liebesleben. Seine Sehnsucht nach der aus einfachen Verhältnissen stammenden, natürlichen und sinnesfreudigen Christiane Vulpius regte ihn zu erotischen Gedanken an.

„Es ist mein Körper auf Reisen und es ruhet mein Geist stets in der Geliebten Schoß.“


Von den rund 530 Versen der Epigramme verschwanden 60. Einige konnten anhand schwach durchscheinender Tintenstriche rekonstruiert werden. 30 aber sind unwiederbringlich verloren. Seit 50 Jahren arbeiten Experten der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften an einem Goethe-Wörterbuch, um den außergewöhnlichen Sprachschatz zu erhalten. Dabei entdecken die Forscher immer wieder neue Manipulationen.

O-Ton Dr. Michael Niedermeier:

Literatur- und Sprachforscher, BBAW Berlin
„Unsere Arbeit ist mitunter sehr, sehr zeitaufwändig und sehr, sehr detailliert. Beispielsweise finde ich hier in der Sophien-Ausgabe in der Handschrift 56 folgt Blatt 1 ein unleserliches Epigramm. Gib mir statt der….und dann bricht das ab. Wenn ich aber in die Handschrift hinein kucke, sehe ich ganz eindeutig, gut leserlich „Gib mir statt der Schwanz ein ander Wort o Priapus.“ Das zeigt also, dass die Bearbeiter sich nicht getraut hatten, das Wort Schwanz auszuschreiben und dieses Epigramm überhaupt in die Weimarer Ausgabe, Sophienausgabe aufzunehmen.“

Auch hier ließen die Tugendrichter nur den Anfangsbuchstaben stehen. Ein Blick in Jakob Grimms Wörterbuch zeigt jedoch, dass „fotz“ eigentlich zu jener Zeit „unter dem Volk ein unschuldiges, leichtes Schimpfwort war, ohne alle Gedanken an das Geschlechtliche.“

Vieles gibt noch Rätsel auf.

O-Ton Dr. Michael Niedermeier:
Literatur- und Sprachforscher, BBAW Berlin
„Und als ich endlich sie zur Kirche führte, gesteh ich’s nur vor Priester und Altare. Vor Deinem …, dann ist es ausgepunktet. Verzeih mir Gott, es regte sich der Iste.“

Was mag das sein, was fehlt? Im Archiv ist alles, was Goethe je schrieb, genau erfasst. 3,2 Millionen Belege lagern hier, sortiert nach Buchstaben und Worten.

„Iste“, haben die Wissenschaftler herausgefunden, gebrauchte Goethe als Synonym für Penis. Und statt der Punkte stand „blutströmiger Christe“. Ein Zusammenhang, der so nicht stehen bleiben durfte.

O-Ton Dr. Michael Niedermeier:
Literatur- und Sprachforscher, BBAW Berlin
„Goethe war kein Pornograf, er wollte auch nicht provozieren. Mit dem Reim Christe gegen Iste versuchte er sich von dem Reliquienkult der Kirche abzusetzen und an diese Stelle den Phallus als Symbol der Liebe, der Natur zu stellen als einen immer währenden Kreislauf, der von der Befruchtung über das Werden und Vergehen der Natur reichte.“

„Nun vereinzelt schwellen sogleich unzählige Keime. Hold in den Mutterschoß schwellender Früchte gehüllt. Und hier schließt die Natur den Ring der ewigen Kräfte“, schrieb er im Liebesgedicht an Christiane Vulpius „Metamorphose der Natur“.“

2025 soll das Wörterbuch fertig sein. Bis dahin hoffen die Wissenschaftler noch auf die Wiederentdeckung von so manch verschollenem Wort.

Ein Bericht von Iduna Wünschmann.