Frau riecht an Parfumflakon (Quelle: rbb)

- Kannst du mich riechen?

Wasserflohweibchen vermehren sich asexuell und äußerst effektiv. Bei Stichlingen geht es nur zu zweit, die Partnerwahl ist stressig und die Nachkommenschaft viel geringer. Warum aber hat sich die aufwändigere geschlechtliche Vermehrung bei fast allen Lebewesen durchgesetzt?

Evolutionsbiologen machten eine sensationelle Entdeckung: Düfte spielen eine viel größere Rolle als bisher gedacht. Was also ist das richtige Parfüm für mich?

Manuskript:

Ich kann Dich gut riechen – der Spruch ist aktueller denn je. Denn Evolutionsbiologen haben bei ihren Forschungen den Zusammenhang von Eigenduft und Partnerwahl entdeckt.

O-Ton Prof. Manfred Milinski:
Evolutionsbiologe, MPI Plön
“Also ich hätte mir vor 15 Jahren nicht vorstellen können, dass ich mal über die biologische Bedeutung der Parfümbenutzung forschen würde.“

Am Anfang stand die Königsfrage der Evolution: Warum pflanzen sich heute fast alle Lebewesen sexuell fort, wo doch – wie bei Wasserflöhen - die ungeschlechtliche Vermehrung viel effektiver ist. Das Weibchen produziert immer neue Eier, die Population wächst schnell auf das Tausendfache. Stichlinge brauchen einen Partner, die Suche nach dem Richtigen ist stressig und die Nachkommenschaft viel geringer. Welchen Vorteil also hat Sex?

Das haben die Forscher vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön in Schleswig-Holstein untersucht.

O-Ton Prof. Manfred Milinski:
Evolutionsbiologe
“Der Sinn der sexuellen Fortpflanzung und Partnerwahl scheint darin zu bestehen, dass wir immer wieder neu in jeder Generation das Immunsystem für unsere Nachkommen neu optimieren, weil Krankheitserreger sich ständig ändern. Und wenn wir das nicht täten, dann hätten wir in Kürze den Wettlauf mit unseren Krankheitserregern verloren.“

Vor Bakterien, Viren, Parasiten schützt also ein gutes Immunsystem. Doch wie funktioniert das? Aus Gewebeproben wurden die DNA extrahiert und die Immun-Gene analysiert. Jeder Fisch hat andere Varianten: Der obere nur zwei, der untere fünf. Vermischen sich bei der Paarung die verschiedenen Gene von Männchen und Weibchen zu einem neuen, vielseitiger reagierenden Immunsystem, erhöht das die Fitness der Nachkommen.

Fesszellen patrouillieren durch den Körper, erkennen fremdes Eiweiß, wie hier von Parasiten und nehmen es auf. Im Inneren der Fresszellen gibt es sogenannte MHC-Moleküle, grün und blau. Sie zerlegen das Parasiteneiweiß und docken an. Beide passen ineinander wie Schlüssel und Schloss. Das ist das Geheimnis. Das fremde Eiweiß ist geschnappt und wird an der Zelloberfläche ausgeschieden. Dort verrät es die Qualität des Immunsystems. Wie aber kommt das Weibchen an diese Information?

O-Ton:
„Nun es ist ganz erstaunlich, dass Stichlinge diese MHC-Gene an potentiellen Partnern geruchlich feststellen können.“

Der Beweis: Ein Weibchen bekommt zwei verschiedene „Männerdüfte“ serviert. Schnell entscheidet es sich, schwimmt zielsicher zu dem Duft, der ihr eigenes Immunsystem am besten ergänzt. Und der riecht ganz anders als sie.

O-Ton Prof. Manfred Milinski:
Evolutionsbiologe
„Da das Immunsystem bei allen Wirbeltieren fast identisch ist, sollte es genauso zum Beispiel auch beim Menschen funktionieren.“

Die Wissenschaftler ließen Frauen an getragenen Männer-T-Shirts schnuppern. Auch sie mochten den Immungeruch von Männern, der sich deutlich von ihrem eigenen unterschied.

Inzwischen gelang es, die Immunduftnote von Frauen künstlich herzustellen. Probandinnen, deren Immun-Typ bekannt war, wurden damit getestet. In den Fläschchen - eigener und fremder Duft. Welcher würde ihnen in einem Parfüm für sich selbst gefallen?

Das erstaunliche Ergebnis: Alle mochten den Eigenduft am liebsten.

O-Ton Prof. Manfred Milinski:
Evolutionsbiologe
„Wir kennen jetzt sogar das Zentrum im Gehirn, das diese Entscheidung zwischen Fremd- und Eigenpeptiden geruchlich machen kann.“

An der Universitätsklinik Dresden wurden Frauen eigene und fremde Immungerüche in die Nase gesprüht. Der Magnetresonanztomograf zeigt die Reaktionen im Gehirn. Und tatsächlich: Der eigene Geruch aktivierte besonders Areale im mittleren Frontallappen, der für die Selbstwahrnehmung zuständig ist.

Doch zerstören Parfüms nicht den natürlichen Mechanismus der Partnerwahl? Schon in den 1930er Jahren hatten Wissenschaftler vermutet, dass sie gar nicht unangenehme Ausdünstungen überdecken sollen, sondern den natürlichen Körpergeruch verstärken. Jetzt gibt es dafür den Beweis.

O-Ton Prof. Manfred Milinski
Evolutionsbiologe
„Offenbar diktieren unsere Immun-Gene auch, welche Parfümingredienzien wir an uns gut finden, und zwingen uns, das Parfüm an uns zu benutzen, dass unser eigenes immungenetisches Geruchssignal unterstützt. Und deswegen sind wir so selektiv, wenn es um die Auswahl des eigenen Parfüms geht.“

Ob ich mit dem zu mir passenden Parfüm aber auch den richtigen Partner finde - ist ein anderes Kapitel.

Ein Bericht von Iduna Wünschmann.