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Wachsende Verelendung, 12-Stundentag, fehlender Arbeitsschutz, Frauen- und Kinderarbeit prägten den Beginn des Industriezeitalters.
In Berlin konnten zunächst durch Kanalisationsbau und die Entdeckungen von Robert Koch Typhusgefahr und Säuglingssterblichkeit gesenkt werden. Die Arbeitskämpfe der Sozialdemokraten und Kommunisten unter anderem zum 8-Stundetag brachten dann in den 1920iger Jahren einen weiteren Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung. Heute liegt sie in Deutschland bei über 70 Jahren.
Manuskript:
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts lag die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in Preußen bei nur 35 Jahren. Viele starben bevor ihr Leben richtig begann. Wie dieser in einem Totenbuch eingetragene Berliner Arbeiter an Tuberkulose mit nur 20 Jahren. Oder jener Schuhmachergesellensohn an Abzehrung im Säuglingsalter von nur einem halben Jahr. Wer 45 Jahre alt wurde – wie dieser Schneidermeister - hatte schon ein langes Leben.
Der frühe Tod kam oft durch Infektionskrankheiten, Hunger, Seuchen. Die Lebenszeit war unsicher.
O-Ton Dr. Rolf Gehrmann:
historischer Demograf
„Damit ist gemeint, dass das Sterberisiko in allen Altersgruppen vorhanden war im Vergleich zu heute und dass von Zeit zu Zeit Krisen auftraten, die viele Menschen dahinrafften.“
Mit der Industrialisierung begann die Lebenszeit zu wachsen. Vor allem für das Bürgertum. Doch die Arbeiter in den Städten verloren. Bis zu 14 Stunden Schufterei in Hitze und Dreck. Sogar Kinder ab dem 12. Lebensjahr durften zehn Stunden arbeiten. Die Maschine bestimmte den Arbeitstakt. Es gab wenig Pausen. Kaum Zeit für Essen und Trinken. Für Frauen wollte der Arbeitstag nie enden. Nach der Fabrik warteten Kinder und Hausarbeit.
Dunkel und feucht war es in den zahlreichen Mietskasernen, wo die Arbeiterfamilien hausten. Auf engstem Raum. Denn der karge Lohn reichte oft nur für eine einzige Stube. Und die Krankheit wohnte immer mit: Tuberkulose, Keuchhusten, Typhus, Diphtherie. Es fehlte an sauberem Wasser und Hygiene.
Auf den Zusammenhang von Armut, Krankheit und Tod machte der Berliner Arzt Rudolf Virchow Ende des 19. Jahrhunderts aufmerksam. Er forderte zentrale Trinkwasseranschlüsse statt Wasserpumpen neben Plumpsklos und unterstützte den Bau einer zentralen Abwasserbeseitigung, was ab 1885 die Typhussterblichkeit in Berlin halbierte.
Und als Robert Koch 1882 die Tuberkelbazillen entdeckte und Bakterien als Krankheitserreger beschrieb, wurde die Bevölkerung verstärkt über Gesundheitsfürsorge und Hygiene aufgeklärt. Zur Eindämmung der Volkskrankheit Tuberkulose gab es erste Liegekuren an frischer Luft wie in Beelitz.
O-Ton Dr. Rolf Gehrmann:
historischer Demograf
„Allgemein stieg die Lebenserwartung an, aber die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten wurden sehr viel größer. D.h. es gab einen unterschiedlichen Zugang zu Verbesserungen, zu denen Bessergestellte eher kamen. In den Unterschichten traten die Verbesserungen später ein.“
Auf 45 Jahre stieg die durchschnittliche Lebenserwartung um 1900 in Preußen. Auf dem Land jedoch blieb der Fortschritt weitestgehend aus. Handarbeit wie seit Jahrhunderten. Vor allem für Landarbeiter auf großen Gütern. Härter und länger wurde das Arbeitsjahr der Frauen, seit sie für den wachsenden Lebensmittelbedarf der Großstädte schufteten. Nicht nur neben ihren Männern auf dem Acker, sondern zusätzlich noch als Marktfrauen. Ihre Kinder blieben oft in muffigen Katen sich selbst überlassen. Größere Geschwister versuchten die Säuglinge mit der Flasche durchzubringen. Ihre Sterblichkeit stieg enorm.
Aber auch in Berlin blieben die Verhältnisse nach 1900 schwierig. Ihr Leben war die Straße und der Hof. Essen gab es nur einmal am Tag. Viele schafften es nicht bis zum Kleinkindalter.
Der Maler und Zeichner Heinrich Zille hielt ´ihr Milljöh´für die Ewigkeit fest. Und auch die große Künstlerin Käthe Kollwitz erschütterte ihre Zeitgenossen, prangerte die Not der Säuglinge und Kinder an.
O-Ton Dr. Rolf Gehrmann:
historischer Demograf
„Unter allen europäischen Großstädten hatte Berlin die höchste Säuglingssterblichkeit. Das war ein manifestes gesellschaftliches Problem, das auch zur öffentlichen Diskussion führte.“
Berlin startete eine Stillkampagne, denn langes Stillen halte Kinder gesund und widerstandsfähig. 1905 gründete sich der Bund für Mutterschutz, forderte Stillstuben in Fabriken und eine Mutterschaftsversicherung.
Die Arbeitskämpfe der Sozialdemokraten und Kommunisten brachten ab 1918 den 8-Stunden-Tag bei vollem Lohnausgleich. Sie erkämpften mehr Freizeit und Urlaub. Die Ernährung der Arbeiterfamilien verbesserte sich trotz Inflation. Die Lebenserwartung wuchs wie nie zuvor.
O-Ton Dr. Rolf Gehrmann:
historischer Demograf
„Der Zugewinn betrug etwa 15 Jahre, d.h. von 45 Jahre Lebenserwartung auf 60 Jahre Lebenserwartung. Und davon profitierten jetzt die Kinder und Säuglinge am meisten. Die Säuglingssterblichkeit wurde halbiert von 20 Prozent im Deutschen Reich um 1900 auf unter 10 Prozent 1930. Was die Erwachsenen anbetrifft, so ist eine leichte Entwicklung festzustellen von der die Männer sogar stärker profitieren als die Frauen."
Während der Nazizeit stieg die Lebenserwartung bis Kriegsausbruch weiter. Trotz 70 Stundenwoche in der Rüstung und anhaltender Knochenarbeit auf dem Land. Obwohl gerade auf dem Land der Arbeitsalltag durch viel Handarbeit hart blieb.
Erst nach 1945 wurde die Lebenszeit so sicher wie noch nie. Keine Kriege, ab 1946 keine Hungersnöte mehr. Das Wirtschaftswunder im Westen, die Sozialpolitik der DDR im Osten sorgten bis in die 80-er Jahre für eine immer stärkere Angleichung der Lebenserwartung unter den sozialen Schichten.
Heute wird im hohen Alter gestorben. Im Durchschnitt erreicht der Bundesbürger das 80. Lebensjahr.
Ein Bericht von Maren Schibilsky.

