
-
Die Einwohner von Alt Zeschdorf im Oderbruch waren anfangs für Windenergie. Nun wehren sie sich dagegen, dass ihr Dorf völlig umstellt wird. Die Interessenskonflikte und Tücken der Regionalplanung.
Manuskript:
Mit einem Windrad fing es an. 1998. Jetzt sind es 40 Anlagen. 40 weitere sollen folgen.
O-Ton Anwohnerin:
„In Dresden hat man mal den Weltkulturerbestatus aberkannt, weil eine Brücke gebaut wird.“
O-Ton Margot Franke:
Bürgermeisterin
„Wenn ringsherum diese Windräder stehen, ich denke einfach mal, das hält ja keiner aus.“
O-Ton Frank Nowack:
Anwohner
„Der erste Blick ist dieser Windpark hinter mir. Wenn Sie die Straße rüberfahren, sehen Sie den zweiten Windpark, der sich nach Mallnow zieht, in voller Breitseite vor sich. Als nächstes taucht der Windpark bei Karzig auf. Und wenn ich mir vorstelle, dass jetzt in der letzten freien Himmelsrichtung, die wir noch haben, noch ein Windpark errichtet wird – ich will es mir gar nicht vorstellen.“
Zeschdorf liegt zwischen drei ausgewiesenen Windeignungsgebieten. Die barocke Kirche – längst überragt von den modernen Kathedralen der Energiewende. Nur der Blick nach Westen ist unverstellt. Bisher.
Das zuständige Regionalplanungsbüro in Beeskow hat nun auch diese vierte Seite zum idealen Standort für einen weiteren Windpark auserkoren.
O-Ton Rüdiger Rietzel:
Regionalplanungsgesellschaft Oderland-Spree
„Aus unserer jetzigen Sicht sagen wir, wir haben jetzt erst mal ein Optimum nach den geltenden Bestimmungen und den angewendeten Kriterien herausgeholt.“
Dieses Optimum folgt einer festen planerischen Logik. Ausgeschlossen sind: Natur- und Landschaftsschutzgebiete, Einzugsbereiche von Flugplätzen, Wetterstationen und vieles mehr. Übrig bleiben diese, auf der Karte harmlos erscheinenden Eignungsgebiete. Zeschdorf hat mehrere davon.
Zwar gibt es im Dorf ein eigenes kleines Naturschutzgebiet, doch das zählt nicht. Auch brütet hier keine seltene Vogelart als Argument. Eine alte Allee schützt vor Blicken in den verbauten Himmel. Zeschdorf, einst Sitz einer berühmten Adelsfamilie wurde im Krieg stark zerstört, und scheint heute nicht wertvoll genug zu sein. Was kein Raumordnungsplan zeigt: Die Anlagen erheben sich bis zu zweihundert Meter in den Himmel.
O-Ton Rüdiger Rietzel:
Regionalplanungsgesellschaft Oderland-Spree
„Es ist natürlich eine deutliche Veränderung der Landschaftsbilder, die dadurch entsteht. Und da ist die Frage, wie wir uns drauf einstellen. Weil die Landschaft hat sich durch das Schaffen der Menschen immer entwickelt und neu gestaltet. Und ist nicht statisch geblieben. Und gerade in unserem dichtbesiedelten, mitteleuropäischen Raum sprechen wir ja eigentlich nur von Kulturlandschaften.“
Ihre Umzingelung mit Windparks einfach als wachsende Kulturlandschaft hinzunehmen – damit haben die Zeschdorfer durchaus Probleme. Sie erleben den ungewollten Wandel einer Agrar- zu einer Industrielandschaft. Die Nutznießer, die durch hohen Pachtzins auf ihre Felder reich wurden, sind in der Minderheit. Gewinne fließen an Investoren in Kassel und Cuxhaven. Die Dorfgemeinschaft hat nichts davon.
O-Ton Margot Franke:
Bürgermeisterin Zeschdorf
„Ich bin der Meinung, man hätte vorher mit den Kommunen reden sollen. Möchtet Ihr Windräder? Das wäre möglich. Aber gar nicht uns zu beteiligen und uns jetzt vielleicht den schwarzen Peter zu zuschreiben, das find ich nicht in Ordnung.“
Erst in diesem Herbst formierte sich Widerstand, seitdem klar war, dass auch die vierte Himmelsrichtung verbaut werden soll. Die Bewohner haben das Gefühl – jetzt reicht es. Sie stecken in einem Dilemma: Gegen die ersten Windkraftanlagen hatten die Zeschdorfer mehrheitlich nichts einzuwenden. Doch, dass sie so massiv zugebaut würden, hatte niemand geahnt. Erst nach Jahren des Ausbaus wurden sie nun zu Windkraftgegnern.
O-Ton Einwohner Alt-Zeschdorf
„Die Höhe der Anlagen – über 200 Meter! – Damit hat doch keiner gerechnet. Als die Planungsgemeinschaft vor drei, vier Jahren anfing zu planen, ging es um hundert Meter. Jetzt geht’s um zweihundert Meter. Keiner weiß, wohin mit dem Strom. Neue Leitungen müssen für teures Geld verlegt werden. Das ist also in keinster Weise ausgeplant. Hier ist die Landesregierung und die regionale Planungsgemeinschaft von der Entwicklung der Windindustrie völlig überrollt worden.“
Juristisch spielt es keine Rolle, ob ein Dorf, wie Zeschdorf von allen Seiten umzingelt ist, solange mindestens 1000 Meter Abstand zu den Häusern bestehen. Investoren wie „vortex energy“ warten bereits, dass der Windmühlenbau auf den noch freien Flächen weitergeht. Die regionale Planungsgesellschaft hat darauf zu achten, dass der Windenergie Vorrang eingeräumt wird, ob die Bevölkerung das akzeptiert oder nicht.
O-Ton Rüdiger Rietzel:
Regionalplanungsgesellschaft Oderland-Spree
„Im rechtlich belastbaren Bereich ist die Akzeptanz natürlich ein subjektives Kriterium. Und es wäre im Moment sicherlich rechtlich nicht durchsetzbar, dass man jetzt bei einem so von uns gefundenen Gebiet sagen könnte, es wird nicht akzeptiert und deshalb nehmen wir das nicht in den Plan mit rein.“
Die Energiewende rings um ein Oderdorf. Alle Planungsschritte waren sorgfältig durchdacht. Sachlich richtig und gesetzestreu im Sinne des brandenburgischen Windenergieerlasses. Nur zwei Dinge wurden vernachlässigt: die Menschen und ihre Landschaft.
Ein Bericht von Felix Krüger.

