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Langzeitarbeitslosigkeit, soziale Einbrüche treffen viele Männer härter als Frauen. Zwei Arbeiter aus dem einstigen Stahl- und Walzwerk Brandenburg an der Havel berichten über die Folgen ihrer Arbeitslosigkeit.
In Nord-Ostdeutschland ist die Lebenserwartung von Männern noch immer deutlich geringer als in Süddeutschland. So Studien des Robert Koch Instituts.
Manuskript:
Brandenburg an der Havel 1950. Wieder-Eröffnung des Stahlwerkes. 10.000 Menschen arbeiten hier später. Vor allem Männer. Geblieben ist ein Industriemuseum. Theo Becker, heute Museumsführer, verlor nach der Wende seine Existenz wie Tausende andere auch. Im Herbst 1993 war für den Schmelzer Schluss.
O-Ton Theo Becker:
Rentner, Museumsführer
„Ich bin am 1. September von der Ofenbühne gegangen, also am 31. August entlassen worden auf der Ofenbühne und habe am 1. September im Hafen angefangen und bin seit dem nie wieder im Stahlwerk gewesen."
Erst nach vielen Jahren hat er sich wieder hereingewagt zu groß war die Verbitterung. Das Werk war nicht nur Arbeit, auch Lebensmittelpunkt. Identität einer ganzen Region. Die Stahlwerker hatten ihre Gesundheit riskiert und wurden am Ende nicht belohnt.
O-Ton Theo Becker:
Rentner, Museumsführer
„Es gibt sehr viele Kollegen, die das körperlich nicht so verkraftet haben und die dann sehr schnell – ich sag mal so – alt geworden sind, verbraucht waren und die Abgasbelastung, die aufsteigenden Dämpfe, ob jetzt Mangan, Silizium oder Malogen, Nikrovan – was auch immer, entwickelt bei diesen Temperaturen, 1600 Grad entwickelt das schon Dämpfe und die haben dann doch gesundheitliche Schäden hinterlassen.“
Eine männermordende Knochenarbeit - 50 Stahlwerker kamen bei Arbeitsunfällen ums Leben. Doch arbeitslos zu sein, ist für eine gesunde Lebensperspektive noch schlechter – ein Teufelskreis. Cornelia Lange beschäftigt sich mit den Zusammenhängen von Arbeit, Gesundheit und Lebenserwartung.
O-Ton Dr. Cornelia Lange:
Robert Koch Institut Berlin
„Jemand der schlechtere Arbeitsbedingungen hat, hat insgesamt wahrscheinlich eine schlechtere soziale Lage, er hat wahrscheinlich eine geringere Bildung, er verdient weniger, er wohnt vielleicht ungünstiger, so dass das alles mit Faktoren sind, die einen Einfluss auf die Lebenserwartung haben.“
Die Statistik sagt, dass Männer im Süd-Westen Deutschlands eine deutlich höhere Lebenserwartung haben als in den Bundesländern, im Nordosten der Republik. Dort sterben sie im Durchschnitt früher. Woran liegt das?
O-Ton Dr. Cornelia Lange:
Robert Koch Institut Berlin
„Es gibt schon lange eine sehr hohe oder deutlich höhere Lebenserwartung in den südlichen Ländern Bayern und Baden-Württemberg. Wir wissen auch, dass die Arbeitslosenzahlen in diesen Ländern niedriger sind, dass es eine hohe Erwerbstätigenquote gibt – das sind im Länderfinanzausgleich die Geberländer. Also insgesamt ist auch in diesen Ländern eine gute wirtschaftliche Situation.“
Anfang bis Mitte der neunziger Jahre stiegen die Selbstmordraten unter Männer in den ostdeutschen Bundesländern deutlich an. Experten vermuten hier einen engen Zusammenhang von Langzeitarbeitslosigkeit und Lebenskrise.
O-Ton Prof. Eckart Hammer:
Sozialwissenschaftler, Evangelische Hochschule Ludwigsburg
„Gestern noch Überstunden und heute geht alles ohne mich. Und die Arbeit war eben nicht das halbe Leben, sondern oft das ganze Leben, was den Männern ihren zentralen Lebenssinn vermittelt hat. Und wenn dieser zentrale Lebenssinn weg bricht, ist oft nichts anderes mehr da, worauf sie sich stützen können.“
Der rapide Niedergang des werkseigenen Fußballclubs Stahl Brandenburg stand symbolisch für gewaltige soziale Umwälzungen in den 1990er Jahren. Eine Kränkung für die einst so stolzen Stahlwerker. Waren früher zu Oberligazeiten oft zwanzigtausend Zuschauer im Stadion, waren es bei diesem Spiel im Jahr 1993 nach der Schließung des Stahlwerks nur noch ein paar Hundert – Männerleiden.
O-Ton Prof. Eckart Hammer:
Sozialwissenschaftler, Evangelische Hochschule Ludwigsburg
„Frauen haben oft mehrere Beine auf denen sie stehen können. Sie haben das Familienleben, sie haben das Berufsleben zum Teil. Sie haben die Nachbarschaft, sie haben soziale Bezüge, die größer sind. Wenn dann der Beruf weg bricht, bleibt der Haushalt, bleibt sie Familie, bleiben die Kinder, bleibt die Nachbarschaft. Für die Männer bricht oft alles weg und es kommt nichts Neues an die Stelle. Das Sozialleben war an den Betrieb gebunden und mit der Verschrottung der Betriebe wurde auch die Altersperspektive verschrottet.“
Auch Günter Krause hat mehrere Jahre im Stahlwerk Brandenburg gearbeitet – nach der Wende hielt er sich noch mit verschiedenen Jobs über Wasser – nun ist er schon seit vielen Jahren auf Hartz IV – ein Schicksal, das er mit Hunderttausenden teilt. Über die Bundesfreiwilligen-Initiative stellt er im Arbeitslosenzentrum in Kirchmöser Spielzeug für Kinder her. So kann er hundert Euro im Monat dazu verdienen.
O-Ton Günter Krause:
Hartz IV Empfänger
„Man kriegt keine Arbeit, wenn die schon sehen – ich bin zwanzig Jahre arbeitslos, Hartz IV Empfänger und da denken die sonst was. Und wenn ich jetzt reinschreibe – dass ich seit fünf Jahren mit Kindern arbeite, ich weiß nicht, ob das gut ankommt, da sagen die – Harzt IV“
Zurzeit ist der 56jährige ganz zufrieden. Die freiwillige Arbeit mit den Kindern macht Spaß und gibt ihm verlorenes Selbstbewusstsein zurück. Aber wie lange das noch geht, bleibt unsicher.
O-Ton Günter Krause:
Hartz IV Empfänger
„Was die gerne möchten, dass ich alte Leute pflege, da hab ich zum Arbeitsamt gesagt, ich bin froh, dass ich es selber schaffe mich hoch zu kriegen. Ich sage, das mit den Kindern macht mir Spaß. Ob ich das mit den älteren Leuten könnte, das weiß ich nicht.“
Keine vielversprechenden Aussichten für einen gesicherten Lebensabend.
O-Ton Günter Krause:
Hartz IV Empfänger
„Ich bin dann eingeladen worden, bei einem Vermittler – einem älteren – der war ja nett. Aber der hat zu mir gesagt, ob ich überhaupt arbeiten will. Der hat mich so hingestellt, dass ich faul bin. Bis er mal nach geguckt hat, was das überhaupt ist. Und da frag ich mich auch, was sind wir für Menschen für die.“
Männer altern anders – zwei von 10.000 ganz unterschiedlichen und doch ähnlichen Biografien.
Ein Bericht von Johannes Mayer.

