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OZON UNTERWEGS
OZON UNTERWEGS
Baum in einem zerstörten Dach (Quelle: rbb)

Mo 24.10.11 22:15

Stürmische Prognosen

Zerstörerische Stürme können heute recht gut vorhergesagt werden, dank Satelliten und Hochleistungscomputern. Die Meteorologen wollen noch genauer werden, vergleichen europaweit verschiedene Modelle und errechnen die größten Wahrscheinlichkeiten.

Doch kann der Mensch die Naturgewalt je ganz begreifen? Der Wetterbericht kündigt inzwischen sogar mögliche Tornados an. Ob sie dann aber wirklich aus der Gewitterwolke herauswachsen? Das brandenburgische Mühlberg wurde überrascht - bleibt nur die kriminalistische Spurensuche entlang der verheerenden Schadensschneise.

Manuskript:

Der Gewittersturm am 19. August traf die Rockfans in Belgien völlig unvorbereitet. Die Kamera eines Festival-Besuchers hat seine Gewalt dokumentiert. Fünf junge Menschen kamen ums Leben, wurden von herab fallenden Trümmern erschlagen.

Das Unwetter wurde nachträglich genau analysiert: eine Gewitterfront, die mit schweren Regenwolken von Westen heranrückte. Für dieses Ereignis hatte es unterschiedliche Vorhersagen gegeben. Pauschale Unwetterwarnungen für ganz Belgien, die nicht ernst genommen wurden. Dem rekonstruierten Verlauf kamen ausländische Prognosen recht nahe. Sie waren allerdings erst eine Stunde da, bevor das Unheil seinen Lauf nahm. Niederländische Meteorologen haben es in einer 3-D Simulation nachgebildet, es sozusagen räumlich vor Augen geführt. Dieses Bild zeigt die Regendichte in der Wolke.

Der Aufwand bei der Erforschung von Unwettern kennt kaum Grenzen. Im Einsatz sind die leistungsfähigsten Supercomputer der Welt. Der Neue beim Deutschen Wetterdienst rechnet schneller als 30.000 herkömmliche Computer. 40 Millionen Euro teuer. Darauf greifen auch Windforscher der Freien Universität Berlin zurück. Schwere Stürme, die sich weit entfernt zusammen brauen, sind gut vorherzusagen.

Doch eine präzise Prognose hängt nicht allein von ausgefeilter Software und immer besseren Computern ab. Messdaten sind entscheidend. Insbesondere über den Ozeanen, wo es wenig Wetterstationen gibt, fehlen sie und machen Schätzungen erforderlich. Die Universität erforscht Stürme auch für Versicherungen. Klimaforscher erwarten eine rapide Zunahme der Zerstörungen. Über 30 Prozent mehr Schäden durch Sommerstürme in den nächsten 30 Jahren. 80 Prozent und mehr auf lange Sicht. Vor allem im Osten.

Um vor gefährlichen Ereignissen noch besser warnen zu können, haben Wissenschaftler und Wetterdienste eine neue Strategie eingeschlagen. Jedes Bild zeigt für dasselbe Gebiet eine andere Prognose. Je weiter sie in die Zukunft reichen, 3, 5 oder 10 Tage, desto stärker variieren sie. Je nach Modell und Ausgangsdaten

O-Ton Philip Lorenz:
Meteorologe Freie Universität Berlin
„Wenn alle 50 Modell-Läufe die gleiche Windgeschwindigkeit vorhersagen, dann kann ich mir sehr sicher sein, dann habe ich eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass das so eintrifft.“

Ein Beispiel. Die Prognose für einen Oktober-Tag, eine Woche im Voraus. Grün über England zeigt: Hier sind sich die Meteorologen weitgehend einig. Die violett markierten Flächen verheißen für denselben Tag unsichere Prognosen.

O-Ton Philip Lorenz:
Meteorologe Freie Universität Berlin
„Es gibt Stürme, die sind schwerer vorhersagbar und es gibt Stürme, die sind leichter vorhersagbar. Es sind oft Stürme, die große Schäden anrichten, die kleine Randtiefs vor Europa sind und sich extrem verstärken.“

Ein geheimnisvolles Unwetter schlug Pfingsten 2010 eine Spur der Verwüstung durch Nordsachsen und Südbrandenburg. Schnell machte die Runde, dass ein Tornado gewütet habe. Besonders betroffen: Mühlberg im Elbe-Elster-Land.

Gemeldete Tornados in ganz Deutschland, auch nur vermutete, werden von Experten sehr genau analysiert. Nicht immer gibt es solche Beweis-Aufnahmen.
Für Mühlberg fehlen sie.

Tornado-Spezialist Thilo Kühne hat sich das Mühlberger Ereignis ganz genau angesehen. War es überhaupt ein Tornado?

O-Ton:
„Es bedurfte langer Zeit hier zu analysieren, was liegt vor und was kann ausgeschlossen werden. In diesem Bereich sieht man die Kirche mit dem abgebrochenen Kirchturm.“

Bis heute das Symbol eines Mühlberger Tornados. Tatsächlich aber ist das kein eindeutiger Tornado-Schaden. Tornado, Orkan oder Gewittersturm – das ist nur in akribischer Detektivarbeit auseinander zu halten.

Bäume sind dabei gute Spuren. Die roten Winkel zeigen, in welche Richtung sie gefallen sind.

O-Ton Thilo Kühne:
Tornado-Forscher
„Man sieht vor allem die unterschiedliche Fallrichtung der Bäume. Hier ist überwiegend die Tendenz, dass Bäume entwurzelt wurden. Und hier haben wir auch Schäden, die in gegenläufiger Richtung entwurzelt wurden.“

Eindeutig Tornado, dicht neben „gewöhnlichen“ Unwetterschäden. Tornados sind meist nur an den Folgen zu erkennen.

O-Ton Thilo Kühne:
Tornado-Forscher
„Das Problem ist hierbei, man nennt das im Fachjargon rain-wrapped, also vom Regen eingeschlossen, dass der eigentliche Wirbel des Tornados nicht sichtbar ist. Man sieht ihn quasi erst, wenn man davor steht und sich alles über der Erdoberfläche anfängt zu drehen.“

Der Mühlberger Tornado. Nicht zu sehen war er und kaum vorhersehbar. Tornados sind die unkalkulierbarsten Winde überhaupt.

Ein Bericht von Wolfgang Albus.

Dieser Text gibt den Sachstand vom 24.10.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Infos im WWW

Freie Universität Berlin

Institut für Meteorologie
Dipl.-Met. Philip Lorenz
Carl-Heinrich-Becker-Weg 6-10
12165 Berlin
Tel.: 030-83 87 11 50
E-Mail: philip.lorenz@fu-berlin.de

www.geo.fu-berlin.de

Deutscher Wetterdienst

Zentrale, Frankfurter Str. 135, 63067 Offenbach,
Tel. 069/8062-0,

Fax: 069/8062-4484,

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