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Unsichtbar und unbeeinflussbar, galt der Wind lange Zeit als übermenschliche Kraft, gelenkt von Windgöttern. Aus gesammelten Erfahrungen wurden später Wetterregeln, die Windrichtung zeigten Wetterfahnen an.
Mit der Erfindung des Barometers 1643 begann die Entzauberung des Mythos Wind. Vor hundert Jahren stiegen Messgeräte an Drachen vom Observatorium Lindenberg auf. Heute steht hier einer der vier supermodernen Windprofiler des Deutschen Wetterdienstes.
Manuskript:
Er ist voller Widersprüche. Kraftvoll kann er sein, sanft wie ein Hauch. Schöpfer und Zerstörer. Wer so viel Macht besitzt, muss göttlich sein, dachten die Menschen früher.
Für die alten Ägypter verkörperte Amun von Theben den Wind. Er hat Leben in die tote Urmaterie gebracht. Vayu - der hinduistische Gott reitet auf einer Antilope - Sinnbild für Schnelligkeit und Wendigkeit. Der achteckige Turm der Winde. Erbaut um 100 vor Christus in Athen. Auf jeder Seite personifizierte Winde. Deren Entstehung kannte man nicht, aber ihre Eigenschaften. Boreas, der kalte Nordwind, in warme Kleider gehüllt, heult durch eine Muschelschale. Kaikias aus Nordost präsentiert seine Gaben – Hagelkörner. Alle bewegen sich mit Windesflügeln durch die Lüfte.
In der damals bekannten Welt bestimmten noch bis ins 16. Jahrhundert blasende Windgötter das Schicksal zu Land und zu Wasser. Schiffsfahnen zeigten schon den Wikingern, woher der Wind weht. Auch die Bauern beobachteten ihn genau. Das war wichtig fürs Überleben. “Mit Ostwind schön Wetter beginnt.“ wussten sie aus Erfahrung.
Viele Künstler ließen sich von dem Naturphänomen inspirieren. In Botticellis „Reich der Venus“ umarmt der Wind die Nymphe Gloris. Sein befruchtender Atem verwandelt sie in die Frühlingsgöttin Floris. Sanfte Winde, heftige Stürme prägen Vivaldis Konzert „Die vier Jahreszeiten“.
Mit der Erfindung des Barometers 1643 wurde der Wind zur Wissenschaft. Nun war klar: Auf der Erde gibt es Orte mit hohem und niedrigem Luftdruck. Den Wind erklären konnte man aber noch nicht. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurden seine physikalischen Gesetzmäßigkeiten bekannt. Die Sonne erwärmt die Luft auf dem Land stärker als über dem Meer. Sie dehnt sich aus, wird leichter und steigt auf. Über dem Meer kühlt sie ab, fällt nach unten und erhöht den Druck auf die unteren Luftschichten. Die Natur strebt Ausgleich an – die Luft strömt zurück zum Land. So entsteht der Seewind.
Je größer der Druckunterschied zwischen Meer und Land, desto kräftiger weht er. Neben solch lokalen Kreisläufen entstand ein Bild von den Windgürteln der Erde. Die Passatwinde schaffen hier den Ausgleich zwischen warmer und kalter Luft. Auf der Nordhalbkugel werden sie wegen der Erdrotation nach rechts abgelenkt.
Immer neue Geräte wurden erfunden, um mehr über den Wind zu erfahren. Wie schnell kann er sein? Was aussieht wie ein Comic, ist die britische Windstärkenskala von 1906. Ihre zwölf Stufen gelten noch heute. Ein Jahr zuvor war das königlich-preußische Aeronautische Observatorium in Lindenberg bei Beeskow eröffnet worden. Auf Initiative des Wetterforschers Richard Aßmann. Nicht nur am Boden wollte man nun systematisch den Wind erfassen, sondern auch in der Atmosphäre.
Tausende Drachen mit Messgeräten stiegen auf. Einer sogar 9.750 Meter hoch. 1919. Weltrekord. An Drahtseilen wurden sie wieder herunter gezogen. Mit Ballons kam man noch höher hinauf.
Heute wird mit High Tech gemessen. Laser und Radar. Diese Antennen senden Wellen in alle vier Himmelsrichtungen. 16 Kilometer hoch. Alle Daten laufen hier zusammen. Unten bläst der Wind an diesem Tag zwei Meter pro Sekunde aus Nordwest. Mit zunehmender Höhe gewinnt er an Fahrt. In neun Kilometern ist er mehr als zehn Mal so schnell - erkennbar an den roten Feldern. Alle 30 Minuten gehen die Werte in die Wettervorhersage ein. Die langen Messreihen dienen auch der Beobachtung des Klimas.
Weltweit gibt es nur wenige Orte, wo die Atmosphäre so gut erforscht wird wie über Lindenberg. Und natürlich gibt es noch den Ballon. Helium bläst ihn bis zu einem Durchmesser von anderthalb Metern auf. Ein Fallschirm wird dafür sorgen, dass die Wissenschaftler die kostbaren Geräte nicht in den Wind schreiben müssen. Wie vor hundert Jahren messen sie neben Temperatur und Luftfeuchte den Wind. Nur genauer. Viermal täglich starten sie in den Himmel, 30 Kilometer hoch.
O-Ton:
“Ballon flieg“
Dann ist der Ballon – wegen des nachlassenden Luftdrucks in der Höhe - 10 Meter groß, zerplatzt. Der Wind trägt den kleinen Fallschirm mit den Messgeräten wieder zurück auf die Erde.
Ein Bericht von Iduna Wünschmann.
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/ozon/archiv/ozon_unterwegs_am10/vom_windgott_zur_wissenschaft.html