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Altbauten sind Deutschlands große Energiereserve. Heizung und Warmwasser verbrauchen noch immer 40 Prozent der Energie.
Doch statt Dämmwahn mit Schimmelfolgen, Fassadenzerstörung und Verschwendung am einzelnen Haus mahnen Experten zu einer Betrachtung ganzer Quartiere wie in Prenzlau.
Manuskript:
Wo das Thermobild hell leuchtet, dringt Wärme nach außen. Bei Altbauten ein gigantisches Problem. Um alle Häuser dick einzupacken, die es nötig hätten, müssten bundesweit unvorstellbare 1200 Milliarden Euro investiert werden.
Bei diesem freistehenden Potsdamer Haus mit schmuckloser Rauputzfassade hat es gelohnt. Die großen Wohnungen mit Außenwänden rings herum hatten enorme Wärmeverluste. Für diese Sporthalle in Berlin-Köpenick mit einer dünnen Betonmauer hält der Architekt sogar gute 30 Zentimeter Dämmung für angebracht, das entlastet die Heizung. Für ein Wohnhaus wäre das zu viel. Bei solchen Altbauten, die dicht aneinander stehen und Quartiere bilden, könnte Dämmung übertrieben sein. Die verbleibende Außenmauer der Fassade kann Sonnenenergie speichern und nachts wieder abgeben. Diese Eigenschaft ging beim Nachbarn durch die Dämmung verloren.
O-Ton Prof. Michael Braum:
Direktor Bundesstiftung Baukultur
"Das ist ein Haus im Stil des Berliner Reformwohnungsbau und das steht da in einer Selbstverständlichkeit, in einer Grazilität, wie sie sich das gar nicht schöner vorstellen können. Das hat mit "typisch Berlin" zu tun. Und wenn sie sich dieses anschauen, das war auch mal so schön. Und das ist dann eben energetisch saniert zu Grunde gerichtet worden. Und es kann jetzt überall in Deutschland stehen, aber egal, wo es steht, ist es mit Sicherheit das Eines: nicht schön. Und so wird die Bundesrepublik aussehen, wenn diese Normierung über das ganze Land gezogen wird. Und diese Typik steht momentan auf dem Spiel.“
Erst wenn die Fassade unter Denkmalschutz steht, dürfen Eigentümer auf Außendämmung verzichten. Die energetische Sanierung einer Wohnung schlägt mit rund 30.000 Euro zu Buche, oft reicht es auch eine Nummer kleiner. Doch hier wurden nicht einmal die dünnwandigen Heizkörpernischen wärme dämmend zugemauert. Was ist also beim Dämmen zu viel, was ist zu wenig? Dachdämmung gehört zu den Investitionen, die sich am schnellsten amortisieren. Oft ist auch die Dämmung zum Hinterhof sinnvoll. Doch wenn alte Häuser zu luftdicht gedämmt werden, droht ihnen – wie bei Plattenbauten – Schimmel und außen eine Art Grauschleier. Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts identifizierten den unter dem Mikroskop als Grünalgen, die normalerweise auf Waldböden zu Hause sind. Im Kondenswasser, das auf kalt-feuchtem Dämmstoff aufschlägt, fühlen sie sich offenbar wie zu Hause. Und lassen sich bislang nur durch einen giftigen Anstrich bekämpfen. Wie lange der hält, ist ungewiss. Noch wird am Computermodell erforscht, wie man Algen vom Putz wieder weg bekommt.
Doch muss energetische Altbau-Sanierung immer Nebenwirkungen haben? Diese Pankower Schule gilt als wegweisendes Beispiel. Sie ist innen gedämmt, bislang ein problematisches Thema.
O-Ton Dipl.-Ing. Ulrich Zink:
Vorsitzender Bundesarbeitskreis Altbauerneuerung
"Das Besondere an diesem Dämmsystem ist, dass es momentan das weltbeste Innendämmsystem überhaupt ist. Es heißt Vakuumisolationsprinzip. Es ist fast zehnfach besser als das mineralische System, was wir hier in der Platte sehen."
Der dünne Kunststoff nimmt weniger Platz weg als Mineralwolle. Eine undurchlässige Folie verhindert, dass Feuchtigkeit aus dem Raum ins kalte Mauerwerk eindringt, Schimmel und Schwamm entstehen. Nur kostet alles fast doppelt so viel wie eine Außendämmung. Doch es gibt inzwischen Konzepte, die nicht das einzelne Haus, sondern das ganze Quartier mit allen Faktoren im Blick haben: In Prenzlau will die städtische Wohnungsbaugesellschaft bei dieser Hauserzeile auf eine Außendämmung verzichten. Denn die Stadt hat gegenüber Berlin einen Riesenvorteil.
O-Ton Dr. Andreas Heinrich:
2. Beigeordneter Stadt Prenzlau
"Das Fernwärmenetz an dem dieses Ensemble angeschlossen ist, rekrutiert sich unter anderem aus Geothermie, aus Biogas und einem BHKW der Klärwerke.“
Das hochwertige Gemäuer nicht zu dämmen, sondern mit erneuerbarer Energie zu versorgen, hilft dem Denkmal und dem Klimaschutz. Durch neue Wohnungsgrundrisse liegen bald Wohnzimmer neben Wohnzimmer und wärmen sich gegenseitig. Außerdem soll ein Lüftungssystem Wärme zurück gewinnen. Allerdings darf man die Fenster nicht mehr Tag und Nacht auf Kipp stellen, sonst verpufft der Effekt. Das Projekt wird schon jetzt bundesweit beachtet.
O-Ton Christian Keller
Architekt und Bauforscher
"Ich persönlich denke, dass die letzten Jahre sehr stark gekennzeichnet waren durch ein Primat des Dämmens. Und es ist ja auch tendenziell richtig Energie einzusparen. Es ist ein wichtiges Thema und man darf es auch nicht vernachläßigen. Allerdings darf es auch nicht die einzige Rolle spielen. Man kann nicht sagen, ein gut gedämmtes Haus ist auch gleich ein gutes Haus."
Nicht die Baustoffindustrie, sondern Mieter und Vermieter sollen am stärksten profitieren.
Ein Bericht von Wolfgang Albus.
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/ozon/archiv/ozon_unterwegs_am11/erst_denken__dann.html