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OZON UNTERWEGS
OZON UNTERWEGS
Moderner Bau mit Glasfassade (Quelle: rbb)

Mo 14.11.11 22:15

Glashaus oder dicke Mauern?

Vor fünfzehn Jahren galten der Kollhoff-Tower und der Glasturm von Helmuth Jahn am Potsdamer Platz als vorbildliche Architektur. Doch tief im Keller läuft eine gigantische Anlage zur Kühlung.

Der Neubau Tour Total am Hauptbahnhof soll ohne Klimaanlage auskommen. Vor allem aber der Neubau des Umweltbundesamtes in Dessau von Matthias Sauerbruch gilt als Paradebeispiel und Experiment für klimagerechtes Bauen großer Gebäude.

Manuskript:

In den 90er Jahren Spielwiese für Welt-Architekten - der Potsdamer Platz. Mit gegensätzlichen Philosophien. Der verklinkerte Tower von Hans Kollhoff im alten New Yorker Hochhausstil. Und die Glasarchitektur von Helmuth Jahn. Seine Fassade besteht nur aus Fenstern. Vor 15 Jahren galten diese Bauten ökologisch als vorbildlich. Doch ihre Büros müssen von einer gigantischen Kälteanlage gekühlt werden. Sie verbraucht mehr Energie als die Heizung. 2011 – man hat dazu gelernt. Am Berliner Hauptbahnhof wächst der „Tour Total“. Der Büroturm der Architekten Leibinger und Barkow braucht keine Klimaanlage mehr. In seiner Doppelfassade wird ständig Luft zirkulieren und das Gebäude auch im Hochsommer kühl halten. Zusätzlich soll die getönte Dreifachverglasung Hitze bremsen und im Winter Wärme speichern. Beheizt wird der „Tour Total“ ganz normal von einer Fernheizung. Aber die Heizkörper sind in die Decken integriert, das soll Energie sparen und ein gutes Raumklima erzeugen. Ob die Rechnung der Planer aufgeht, wird sich in der Praxis zeigen – denn klimagerechtes Bauen ist noch immer ein Experiment mit ungewissem Ausgang.

An Architektenphantasien fehlt es weltweit nicht. Das Windkraftwerk im Wolkenkratzer – noch Zukunftsmusik. Stadtplaner und Architekten haben aber die Klimazeichen erkannt.

O-Ton Matthias Sauerbruch:
Architekt
„Das Bauen in weitestem Sinne, das Bauen trägt 40% des ganzen Energieverbrauchs in unseren Gesellschaften bei – und der größte Anteil des Energieeinsatzes und des CO2-Ausstossses ist im Betrieb des Gebäudes. Die ganze Überlegung wie ein Gebäude sich in seiner gesamten Lebenszeit – beziehungsweise wie sich ein Gebäude in seiner Umwelt verhält in all seinen Aspekten, wird zum zentralen Thema der Architektur heute.“

Matthias Sauerbruch gilt als Vorreiter in Sachen energieeffizientes Bauen bei großen Gebäuden. Sein Anliegen: ästhetisch anspruchsvolle High-Tech-Bauten, mit moderner Infrastruktur – aber dafür will er das Wissen alter Baumeister nutzen.

O-Ton Matthias Sauerbruch:
Architekt
„In der traditionellen Architektur gib es das ja alles – man kennt das ja, das Schwarzwaldhaus mit dem Klappladen außen davor oder alle traditionellen Bauformen gehen auf das Klima ja sehr deutlich ein, sie haben Dachüberstände, sie haben die Orientierung in die richtige Richtung und so weiter und sofort.“

Im neuen Umweltbundesamt in Dessau hat der Architekt diese Philosophie umgesetzt. Kleine Fenster außen gegen Hitze und Kälte, dafür in der Mitte des Gebäudes ein riesiges Atrium. Die heikle Aufgabe: viel natürliches Licht in den Räumen und gleichzeitig Energie sparen. Das Licht kommt durch ein Glasdach. Die meisten Fenster liegen zum Innenhof und sind größer. Das Haus besitzt keine Klimaanlage - ein Erdwärmetauscher soll die Temperatur auf einem konstanten Niveau halten. Durch diese rostroten Kunstobjekte wird permanent frische Luft angesaugt – und 2 bis 4 Meter tief unter die Erde in ein Röhrensystem geleitet. Die Röhren liegen außerhalb des Gebäudes vor dem Haupteingang. Durch Umlenkungssysteme versucht man die Luft in den Röhren in ständiger Bewegung zu halten. Von einer zentralen Verteilerstelle aus, wird sie dann in die Büros der rund 800 Angestellten geleitet. Im Sommer kühlt so die angesaugte warme Außenluft unter der Erde auf circa 12 Grad ab – in den Büros erwärmt sie sich wieder auf etwa 20 Grad. Das Umweltbundesamt gilt bundesweit als Vorzeigemodell für klimagerechtes Bauen.

O-Ton Birgitt Heinicke:
Angestellte
„In jedem Fall ist das ein Wohlfühlfaktor. Wir haben ein schönes, ein helles, ein klares Haus – ein transparentes und beste Arbeitsbedingungen“.

Der Innenhof wirkt wie ein Klimapuffer – im Sommer angenehm kühl, im Winter wohltemperiert. Scheint die Sonne zu stark, schließen Jalousien automatisch das Glasdach. In die Doppelfassade sind Lüftungskanäle integriert. Sie sollen in heißen Sommernächten zusätzliche Kühlung bringen. Nach Feierabend öffnen sich automatisch die Lamellen in der Fassade und lassen Frischluft herein. Beim Bau des Umweltbundesamtes hat man nicht gespart. Photovoltaik und Wärmekollektoren auf dem Dach gehören natürlich mit zum Konzept – da müsste das Gebäude doch eigentlich einen niedrigen Energieverbrauch aufweisen

O-Ton Matthias Sauerbruch:
Architekt
„Das Ergebnis das wir hatten – nach dem ersten Jahr – war ungefähr das Doppelte von dem, was wir berechnet hatten. Und da war natürlich große Enttäuschung erst mal, wir haben überlegt woran kann das liegen. Und haben dann festgestellt, dass erstens – bestimmte Systeme brauchen einfach gewisse Zeit um eingespielt zu werden und da gab’s noch das eine oder andere was kaputt gegangen ist – es gab so was wie Kinderkrankheiten.“

....und den Faktor Mensch, der individuell unterschiedlich warm und kalt empfindet. So gab es statt den erwünschten kurzen Stosslüftungen ständig offen stehende Fenster und die brachten das ausgeklügelte System ins Wanken.

O-Ton Angestellte:
„Ich kenne Kollegen, die schon sehr schwitzen – im anderen Bereich auf der Nordseite gibt es viele, denen es generell immer zu kalt ist- egal ob im Sommer oder Winter.“

Das Umweltbundesamt ist Arbeitsplatz für viele Menschen und wissenschaftliches Forschungsprojekt. Denn klimagerechtes Bauen bei großen Gebäuden bleibt ein Experiment. Aber: Die Probleme sind erkannt, man sammelt Erfahrungen.

Ein Bericht von Johannes Mayer.

Dieser Text gibt den Sachstand vom 14.11.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Infos im WWW

Umweltbundesamt

Referat Z 5
Wörlitzer Platz 1
06844 Dessau-Roßlau
Tel.: 03 40-21 03 22 58
Fax: 03 40-21 04 22 58

www.umweltbundesamt.de

Sauerbruch Hutton

Matthias Sauerbruch
Lehrter Straße 57
10557 Berlin
Tel.: 030-39 78 21-0
Fax: 030-39 78 21-30
E-Mail: mail@sauerbruchhutton.com

www.sauerbruchhutton.de

Tour Total

Architekten Barkow Leibinger
Schillerstraße 94
10625 Berlin
Tel.: 030-31 57 120
Fax: 030-31 67 12 29
E-Mail: info@barkowleibinger.com

www.barkowleibinger.com

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