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Mehr als zwei Jahrzehnte lang floss Kühlwasser aus dem Kraftwerk in den Stechlin, dreihunderttausend Kubikmeter täglich, zehn Grad wärmer als der See. Von Anfang an wollte man wissen, wie der Stechlin das verkraftet.
So gibt es seit 50 Jahren Forschungen mit dem Fazit: trüber ist der tiefe Klarwassersee geworden, die Sichttiefe hat um vier Meter abgenommen. Mit enormen Auswirkungen auf die Unterwasser-Pflanzenwelt. Ist das Kernkraftwerk schuld? Und dort lauert noch immer Gefahr. Eine Störung hatte einst radioaktive Flüssigkeit freigesetzt. Kann sie mit dem Grundwasser irgendwann in den romantischen See gelangen?
Manuskript:
O-Ton:
„Stündlich ergießen sich jetzt Millionen Liter Kühlwasser in den Stechlinsee. Was aber bedeutet das für die Menschen, denen dieses Fleckchen Erde ans Herz gewachsen ist? Wird sich hier eine atomar verseuchte Wüste ausbreiten, bar jeder Vegetation? Wird der Angler für Leib und Leben fürchten, dieses Gebiet meiden und seinen Sport an den Nagel hängen müssen? Nichts dergleichen. Keinerlei Gefahr droht und die Schönheit bleibt unangetastet.“
Keine Gefahr? Doch noch immer werden Wasser und Flussbarsche aus dem Stechlin auf Radioaktivität untersucht. Seit 45 Jahre. Geschuppt und entgrätet, kommen die Fische hier im Landeslabor in Oranienburg ins Gammaspektrometer. Man ist den Inhaltsstoffen auf der Spur. Ein wichtiges Indiz - der Cäsiumgehalt. Diesmal extrem niedrig. Sieben Becquerel pro Kilogramm. Die meisten Werte der Zeitreihe liegen bei 50 Becquerel.
O-Ton Joachim Beetz:
Meßstellenleiter
„Bedenklich würde dieser Wert, wenn er über 600 läge. Die Wasserproben, die wir aus dem Stechlinsee überwacht haben, liegen im Bereich der für Brandenburg üblichen Werte und sind völlig unauffällig.“
Schön ist er – wie einst der Dichter Theodor Fontane ihn beschrieb: „Geheimnisvoll…nur grün und blau und Sonne.“ Der größte Klarwassersee Norddeutschlands. Fast 70 Meter tief. Doch der Schein trügt. Unter der Oberfläche vollzogen sich zahlreiche Veränderungen, seit das Kernkraftwerk hier stand. Der romantische See zum Kühlwasserreservoir wurde.
Dreihunderttausend Kubikmeter Wasser wurden täglich aus dem Nehmitzsee ins Kraftwerk gepumpt, kühlten die Anlagen, ergossen sich dann zehn Grad wärmer in den Stechlin. Sein nährstoffarmes Wasser wurde zudem mit dem nährstoffreicheren des Nehmitzsees durchmischt. In gewaltigem Ausmaß. Alle zehn Monate floss der Stechlin durchs Werk, alle zwanzig Tage der Nehmitzsee. Was das für Folgen hat, hat man von Anfang an beobachtet. Ist der Bau des Kernkraftwerkes an einem Binnensee nicht ein gewagtes ökologisches Großexperiment? Seit einem halben Jahrhundert forscht das Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei hier.
Eine Scheibe wird ins Wasser gelassen. Verschwinden ihre Konturen, zeigt ein Bandmaß die Sichttiefe an.
O-Ton:
„7, 85 Meter.“
Nicht schlecht. Doch früher war es besser, konnte man im Schnitt vier Meter weiter nach unten sehen. Jetzt gibt es viel mehr kleine, frei schwebende Lebewesen. Sie trüben das Wasser, verhindern, dass Sonnenlicht weit nach unten dringt.
O-Ton Dr. Peter Kasprzak:
IGB
„Das hat natürlich Auswirkungen auf Organismen, die darauf angewiesen sind, genügend Sonnenlicht zu bekommen. Und das könnte vielleicht die primäre Ursache gewesen sein dafür, dass wir großflächige Verluste an untergetauchten Wasserpflanzen, vor allem an Armleuchteralgen, haben.“
Armleuchteralgen schaffen Klarheit im See. Binden Nährstoffe wie Phosphor und Stickstoff. Nur noch in der Mitte finden sich solch ausgedehnten Wiesen. Am Ufer sind sie nach und nach verschwunden. Nie mehr wurde der Stechlin so klar wie einst. Seit das Kernkraftwerk abgeschaltet ist, haben die Probleme noch zugenommen. In der Tiefe gibt es weniger Sauerstoff für Pflanzen und Tiere. Proben vom Seeboden zeigen dagegen eine besorgniserregende Zunahme von Phosphor. Spätfolgen des Kernkraftwerkes - oder Klimawandel?
O-Ton Dr. Peter Kasprzak:
IGB
„Das Problem ist einfach, dass man die Ursachen nicht so ohne weiteres aufklären kann. Wir glauben jedenfalls nicht, dass das Spätwirkungen des KKW-Betriebs sind, den der liegt ja inzwischen schon mehr als 20 Jahre zurück.“
Aber noch immer lauern auf dem Kraftwerksgelände Gefahren für den See, unter dieser Halle. Hier lagerte in unterirdischen Behältern flüssige radioaktive Abfälle. Angereichert mit Kobalt 60 und Cäsium 137. Durch einen Bedienungsfehler im Jahr 1987 traten zehntausend Liter aus. Sickerten in die Betonwände und den Boden. Doch sind sie gar noch weiter vorgedrungen, bis ins Erdreich hinunter? Regelmäßig werden die Beobachtungsbrunnen kontrolliert. Um das Lager herum gibt es besonders viele. Ein Schlauch pumpt aus verschiedenen Tiefen Grundwasser nach oben. Bisher hat man nichts gefunden, hat keine Radioaktivität das Betriebsgelände verlassen. Letzte Gewissheit allerdings wird es erst geben, wenn das Lager ganz abgebaut ist, man darunter dann prüfen kann, ob radioaktive Flüssigkeit bis ins Erdreich gelangt ist, verseuchtes Grundwasser den Stechlinsee bedroht.
Ein Bericht von Iduna Wünschmann.
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/ozon/archiv/ozon_unterwegs_am12/die_leiden_des_schoenen.html