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Der Aufbau des Meilers in den 1960er Jahren hat gerade mal sechs Jahre gedauert. Ein alter Film erzählt von der Euphorie des Anfangs. Nun wird schon seit 16 Jahren „rückgebaut“.
2001 kam das Gefährlichste weg, die Brennelemente in Castoren. Dann begann das mühsame Ausbauen des Reaktors. Nur mit selbst entwickelter Spezialtechnik und unter Wasser konnten die radioaktiven Teile zerlegt werden. Der 120 Tonnen schwere und 11 Meter lange Reaktordruckbehälter wurde, ein Novum, als Ganzes herausgezogen und ins Zwischenlager gebracht.
Manuskript:
Seit 16 Jahren wird hier zurückgebaut. Nur sechs Jahre hatte der Aufbau gedauert.
O-Ton:
„Elektrische Energie durch Kernspaltung, das ist wissenschaftliche Höchstleistung, modernste Technik, konzentriert in einem Gebäude aus Stahl und Beton.“
Mitten in einem wald- und seenreichen Naturschutzgebiet war dafür der Boden bereitet worden. 1955 hatten die DDR und die Bundesrepublik fast zeitgleich beschlossen, Kernenergie friedlich zu nutzen. Ein Wettstreit der Systeme auch.
O-Ton:
„Strahlenschutztüren schließen. Havariekreis ist geschlossen. Reaktor anlassen. Am 6. Mai 1966 wurde in Rheinsberg die Bewährungsprobe bestanden. Das erste Atomkraftwerk auf deutschem Boden, das industriell Strom erzeugt, ist erstmalig ans Netz geschaltet worden. Ein historischer Augenblick, der Beginn einer neuen Etappe unserer Energiewirtschaft.“
22 Jahre lang produzierte das Versuchs- und Forschungskraftwerk Strom, ganze 70 Megawatt, soviel wie eine Stadt der Größe Leipzigs brauchte. Durch Kernspaltung in einem sowjetischen Druckwasser-Reaktor. Nach der Wende kam das Aus. Rheinsberg entsprach nicht westdeutschem Atom-Standard. Doch so einfach wie das ostdeutsche Kernkraftwerk Stendal, das nie ans Netz gegangen, also stahlungsfrei war, konnte Rheinsberg nicht verschwinden. Hier begann ein langer, teurer Abschied. Zunächst einmal hieß es investieren, vor allem in Strahlenschutztechnik und ein neues Heizhaus. Denn die Gebäude würden weiter gebraucht. Rohrleitungen, Generator, Turbine – die Kraftwerker räumen ihre eigenen Arbeitsplätze weg. Zuerst wird das Maschinenhaus leer gemacht. Hier soll bald verladen werden, auch radioaktives Material. Der Reaktor war 1965 eingebaut worden.
O-Ton:
„Wir waren Augenzeugen, als der Reaktor beladen wurde. 132 Kassetten nimmt er auf. Und jede enthält 90 Brennstäbe aus Urandioxid. Hier erkennt man deutlich, wie die 90 Brennstäbe in den Kassetten angeordnet sind. Keine Kassette darf eine andere berühren. Zentnerschwere Lasten müssen befördert werden und das auf den Bruchteil des Millimeters genau. Dafür wurde eine besondere Maschine konstruiert, eine sogenannte Umlademaschine. Ein wahres Wunderwerk der Technik.“
Dieselbe Maschine nimmt 1996 die Brennstäbe aus dem Abklingbecken. Nach mehr als drei Jahren im Wasserbad. Erst dann haben Radioaktivität und Hitze soweit abgenommen, dass die strahlenden Teile transportfähig sind. Einladen in die Castorbehälter. Streng versiegelt. Vier Castoren mit den 220 Brennstäben kommen in ein Zwischenlager. Besonders hoch Verstrahltes muss in einer „heißen Zelle“ zerlegt werden, mit fern bedienten Manipulatoren. Im stark abgeschirmten gasdichtem Raum aus dickem Blei und Beton. Das Rot des Transportbehälters signalisiert: hoch radioaktive Fracht! Mancher, der mit abbaut, war schon am Anfang dabei.
O-Ton:
„Neun - null- vier - sieben. Eins heben. Brücke fahren. Brücke fahren. Ein Knopfdruck und die Maschine geht ans Werk. Der Mensch braucht weiter nichts zu tun als sich die Sache auf den Bildschirm anzusehen. Nachdem der Reaktor geladen wurde, kann der riesige Deckel aufgesetzt werden. Der Zeitpunkt der ersten Erprobung rückt näher. ‚Reaktor anlassen und auf minimaler Leistung stabilisieren.‘ Das sind Augenblicke der Freude und auch des Stolzes. Das Atomkraftwerk arbeitet.“
Räume in unmittelbarer Nähe des Reaktors. Hier darf sich jetzt kein Mensch mehr aufhalten Nur in dringenden Fällen wird eine Ausnahme gemacht. Dabei ist es Vorschrift einen Skaphander zu tragen.
O-Ton:
„Messe Dosisleistung: Ich messe 10 Milli Röntgen. Verstanden! Verlasse Raum 001.“
Der Deckel des Reaktors mit dem Druckgestell kommt 2005 für immer heraus. Zerlegt werden muss alles unter Wasser. Es schirmt die gefährliche Strahlung ab. Fahrbare Videokameras werden die Bilder zur Bedienwarte senden. Zur Fernsteuerung der Roboter. Alles lange erprobt. Dann kommen die Reaktorteile nach und nach in die Nasszerlegestation und werden Stück für Stück auseinandergenommen. Eine riesige Scheibe ist perfekt abgetrennt. Der Reaktorschacht wird heruntergelassen.
Ganz spezielle Techniken haben die Kraftwerker zusammen mit Firmen und Wissenschaftlern entwickelt. Die Kombination verschiedener Verfahren gibt es hier in Rheinsberg zum ersten Mal. Plasmabrennen. Die Bandsäge. Sie trennt den hoch aktivierten Stahl. Auch sortiert wird alles unter Wasser. Es ist das Jahr 11 des Rückbaus. Die strahlenden Reste werden dann sorgfältig verpackt. In gelben Behältern gehen sie ins Zwischenlager.
Oktober 2007. Erstmals wird in einem Kernkraftwerk der Reaktordruckbehälter, 120 Tonnen als Ganzes herausgezogen und aus der Halle manövriert. Um die Zone mit der höchsten Strahlenbelastung kommt eine 130 mm starke blaue Stahlmanschette. Umladen auf einen 24-achsigen Schwerlastwaggon mit dem Ziel: Zwischenlager. Gleich nebenan – heute unvorstellbar – war ein Endlager für strahlenden Müll. Nur hat man es damals anders genannt.
O-Ton:
„Dieser unterirdische Gang führt zu einem Friedhof. Keinem gewöhnlichen Friedhof . Was dort droht, ist nicht tot. Im Gegenteil. Es ist gefährlich lebendig. Atommüll, so nennt man die radioaktiven Konzentrate, die beim Betrieb eines Atomkraftwerkes ständig anfallen. Durch diesen Gang wird der Atommüll transportiert. Für die Außenwelt völlig gefahrlos. Dickwandige, unterirdische Beton- Kammern nehmen den Müll auf, getrennt nach festen und flüssigen Bestandteilen. Doch man überlässt sie nicht sich selbst. Sie stehen unter ständiger Kontrolle.“
Den Gang gibt es immer noch. Die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle sind längst verschwunden. Ferngesteuert Roboter haben sie herausgeholt. Das Meiste wurde ins Endlager Morsleben gebracht. Jetzt werden die Betonkammern abgerissen. Hier war im Jahre 1987 durch eine Störung radioaktive Flüssigkeit in den Boden gelangt. Wo die sich überall verteilt hat, weiß man noch nicht.
November 2011. Vom Reaktor ist fast alles weg. Das letzte große Teil wird zum Zerlegeplatz manövriert. Seit 16 Jahren arbeiten die Männer am Abriss ihres Kernkraftwerkes. 420 Millionen Euro waren dafür geplant. 600 Millionen könnten es werden. Eine teure Materialschlacht. 70-tausend Tonnen wurden bisher bewegt. Davon 40-tausend Tonnen radioaktiv verseucht.
Ein Bericht von Ira Bergmann.
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/ozon/archiv/ozon_unterwegs_am12/fernbedient_und_unter.html