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1810 gegründet, begeht das größte Naturkundemuseum Deutschlands in der Berliner Invalidenstraße in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag.
Bei Gelehrten in aller Welt genießt es den Ruf einer Fundgrube für verkannte und verborgene Schätze, denn in seinen kilometerlangen Regalen lagern inzwischen über 30 Millionen verschiedene Objekte, die Forscher in den zurückliegenden 200 Jahren überall auf der Erde gesammelt haben. Viele von ihnen gilt es wissenschaftlich neu zu sichten und zu entdecken. OZON mit einem Blick hinter die Kulissen…
Manuskript:
O-Ton:
„Es ist schon unser Ziel hier, größere Zusammenhänge in der Erdgeschichte zu verstehen.“
O-Ton:
„Wenn ich den Zeitpunkt von vor 200 Jahren nehme, dann hatten die Forscher schon das Gefühl, dass man alles mitnehmen kann.“
O-Ton:
„Wir sammeln ja nicht aus Sammelleidenschaft, sondern aus Forschungsinteresse.“
Dieses Haus Museum zu nennen, klingt wie eine Untertreibung. Denn das, was die Besucher in den atemberaubend bestückten Ausstellungsräumen des Berliner Museums für Naturkunde besichtigen können, ist nur der offizielle Teil einer der weltweit reichhaltigsten Schatzkammern des Lebens auf der Erde. Hinter den Kulissen verbirgt sich eine bedeutende Forschungsstätte. In diesen Schränken lagern allein 95 Prozent aller heute bekannten Vogelarten als Präparate.
O-Ton Dr. Sylke Frahnert:
Leiterin Vogelsammlung
„Für die Forscher, die hier taxonomische Vergleiche machen wollen ist es wichtig, dass eben in einem Punkt die Tiere aus verschiedenen Regionen zusammen kommen. Und es reicht eben auch nicht, wie man ursprünglich gedacht hat, dass man von jeder Tierart ein, zwei Präparate stehen hat, weil die Tiere variabel sind, das wissen wir alle, deswegen braucht man eine größere Serie von Präparaten, um auch wirklich die Arten miteinander vergleichen zu können."
Ausgerechnet diese Anopheles-Mücke, ein vor 200 Jahren in Berlin gefundenes Exemplar des Malariaüberträgers, bildete quasi den Grundstock von bis heute 30 Millionen Sammlungsobjekten. Anhand dieses Insekts wurde nicht nur eine ganze Art beschrieben - mit der Mücke zogen im Jahr 1810 erstmals die Sammlungen eines gewissen Grafen von Hoffmannsegg ins Gebäude der heutigen Humboldt-Universität. Dies war die Geburtsstunde des Museums für Naturkunde. Eine Zeit, in der die Sammelwut von Forschern und Entdeckern kaum Grenzen kannte.
Aufzeichnungen einer Expedition nach Brasilien, die auf Anregung Alexander von Humboldts stattfand. Detailreiche Skizzen zeugen von der Faszination der Reisenden.
O-Ton Dr. Hannelore Landsberg:
Leiterin historische Arbeitsstelle
„Das waren tatsächlich oft Abenteurer, die auch viel Unbill und viele Strapazen auf sich genommen und das auch oft mit dem eigenen Leben bezahlt haben. Und dann die andere Seite der Museumsgelehrten, die ein Museum aufbauen wollten, in dem man alle Besonderheiten der Natur auch wirklich sehen konnte und aufarbeiten konnte. Deshalb waren die Bestrebungen, doch so komplett wie möglich die Sammlungen zu haben. Von jeder Art ein Pärchen, ein Weibchen und ein Männchen.“
Nachschub aus aller Welt ließ die Universität bald aus allen Nähten platzen. 1889 stand das neue Gebäude an der Invalidenstraße. Ein Haus, in dem selbst größte Knochenfunde Platz bekommen sollten.
Am Berg Tendaguru im damaligen Deutsch-Ostafrika stieß eine Grabungsexpedition auf das vollständige Skelett eines Brachiosaurus. Es thront seit 1937 über dem Foyer des Museums. Das größte je aufgestellte Knochengerüst ist heute völlig neu bewertet.
Der Wert der Sammlungen, sagt Museumsdirektor Prof. Leinfelder, liegt jedoch noch immer in der Möglichkeit, biologische Vielfalt zu studieren.
O-Ton Prof. Reinhold Leinfelder:
Generaldirektor Naturkundemuseum
Wir müssen die Biodiversitäts-Mechanismen noch besser erforschen. Wir haben dramatisches Artensterben, so wie wir es aus der Erdgeschichte nur bei ganz großen Katastrophen nennen. Wir überfischen die Meere unglaublich. Wenn wir nicht besser verstehen, wie die Biodiversität funktioniert, dann haben wir keine Chance, das in die Zukunft hinein zu retten.“
Die vielfach verborgenen Schätze der Museumssammlungen müssen dazu noch immer gehoben und ausgewertet werden. Bei den Bewohnern der Tiefsee stehen die Forscher noch ganz am Anfang ihrer Erkenntnisse.
O-Ton Dr. Peter Bartsch:
Sammlungsleiter
„Das ist Linophryne Madeirensis, das ist das dritte Exemplar dieser Art, das gefangen worden ist vor Madeira. Das ist ein Weibchen mit einem anhaftenden Zwergmännchen, was sich verbeißt im Weibchen, dann im Weibchen verwächst und über den weiblichen Blutkreislauf zeitlebens mit ernährt wird.“
Seit 50 Jahren liegt dieser Fisch in Alkohol. Er könnte Forschern Aufschluss darüber geben, wie dessen Nahrungsumgebung zu seiner Zeit in 800 Metern Tiefe des Atlantiks beschaffen war. Eine einzige Fischschuppe genügt, um über die Zusammensetzung von Kohlenstoffisotopen Rückschlüsse auf frühere Lebensbedingungen zu ziehen.
O-Ton Dr. Ulrich Struck, Geologe:
Isotopenforscher
„Das Naturkundemuseum bietet mir ein Schlaraffenland für meine Forschung, weil ich als Geologe daran interessiert bin, die Vergangenheit zu rekonstruieren. Wir besitzen hier Bestände von Fischen über die letzten mehreren hundert Jahre und können so eine Zeitserie von Isotopenanalysen herstellen, die mir auch Änderungen in der Nahrungszusammensetzung oder auch Änderungen im System des Ozeans widerspiegeln.“
Selbst den katastrophalsten Ereignissen der Erdgeschichte, den Asteroideneinschlägen, widmet sich ein Schwerpunkt der Forschung am Naturkundemuseum. Sogenanntes Impakt-Gestein aus Kratern wird mit Hilfe hoch komplizierter Verfahren im Mikrometerbereich untersucht. Hauchdünne Gesteinsscheiben können die Forscher mit einer Elektronenstrahl-Mikrosonde durchleuchten.
O-Ton Dr. Lutz Hecht, Geochemiker:
Isotopenforscher
"Es gibt natürlich Zusammenhänge, die wir sehen können zwischen dem Einschlag solcher Asteroiden und dem Aussterben von Lebewesen. Wir müssen die Dimension der Auswirkungen auf die Natur verstehen, und das ist ein Aspekt, den wir auch mit untersuchen. Und da geht’s auch um die Datierung. Zu welchem Zeitpunkt hat also wirklich dieses Ereignis stattgefunden?"
Jenseits von High-Tech türmt sich Arbeit für ganze Forschergenerationen beim Systematisieren und Sammeln der Insektenwelt. Noch immer ist nur ein Bruchteil der vermuteten Vielfalt bekannt. Zudem fehlen Experten mit genauer Artenkenntnis.
Wissen sammeln und es der Öffentlichkeit zugänglich machen, darin mündet letztlich die Idee für dieses Forschungsmuseum. Eine Aufgabe auch für die Zukunft.
O-Ton Prof. Leinfelder:
Generaldirektor Naturkundemuseum
„Das ist auch eine Art Rückgabe des Wissens an Länder, aus denen dieses Material ja zum Teil auch gesammelt wurde. Darin sehe ich die ganz große Zukunft.“
Schon jetzt begeistert das Museum für Naturkunde eine halbe Million Besucher im Jahr.
Ihre Entdeckungen könnten Blicke schärfen, auch für die lebendige Vielfalt in der Natur. Ein herausragendes Anliegen zum 200. Geburtstag des Forschungstempels.
Ein Bericht von Felix Krüger
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/ozon/archiv/ozon_vom_22_02_2010/schatzsuche_im_archiv.html