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"Wirklich oben bist du erst, wenn du wieder unten bist." Industriekletterern ist die Bewunderung des Publikums sicher, wenn sie in Schwindel erregender Höhe zum Beispiel das Kuppelkreuz auf dem Berliner Dom montieren.
Auch jetzt im Winter müssen sie ran. Das geht nur, weil ihnen eine ausgeklügelte Technik dabei hilft, die Risiken bei ihrer waghalsigen Arbeit zu bewältigen…
Manuskript:
Vorbereitungen in luftiger Höhe. Noch haben die Männer festen Boden unter den Füßen. Doch gleich geht es an der Fassade hinab. Anderthalb Stunden am Seil, in eisiger Kälte.
O-Ton Sven Lengert:
Industriekletterer
„Bei der industriellen Kletterei ist man natürlich mehr darauf bedacht, dass die Sicherheit ganz groß geschrieben ist - vermutlich größer als beim Sportklettern.“
Sven Lengert und sein Team müssen ran: Schneebeseitigung an einem Hotel in der Landsberger Alle. Er muss runter, bevor sich gefährliche Eiszapfen bilden, die auf die Straße stürzen können. Der Einsatz unter solchen Bedingungen, auch für die erprobten Männer, eine Ausnahme.
O-Ton Sven Lengert:
Industriekletterer
„Grundsätzlich muss vor jeder Arbeit eine Gefahrenbeurteilung durchgeführt werden, das heißt also Rettungswege, Seile müssen nach unten geführt werden, dass im Falle einer Rettung die Person nach unten abgelassen werden kann.“
Die Einsatzfelder von Industriekletterern erweitern sich beständig, denn das Klettern ist kostengünstig im Vergleich zu teueren Gerüsten und Kränen und vor allem umweltfreundlich.
Frühjahr 2008: Thomas Michaelis ist der Mann, der dem Berliner Dom das Kuppelkreuz zurück brachte. In einer spektakulären Aktion musste der Dachdeckermeister und Kletterer nach oben, um in hundert Metern Höhe das Kreuz zu montieren.
Das Klettern am Seil sieht sehr einfach aus. Doch es will gelernt sein und verlangt auch die Beherrschung einer komplizierten Technik.
O-Ton Thomas Michaelis:
Industriekletterer
„Unser wichtigstes Teil zum Kleidern ist der Aidi – hiermit steigen wir auf und können uns abseilen.“
Mit diesem Gerät behält der Kletterer die Kontrolle über das Seil. Am zweiten Seil wird eine Sicherung angebracht. Mit einer Fußschlaufe schiebt sich der Kletterer nach oben. Nach oben schieben. – sichern – entlasten und wieder nach oben schieben. Das Klettern ist ein ständiger Wechsel von sichern, entlasten und belasten.
November 2009: Aufstieg zum Turm der Trinitatis-Kirche in Berlin-Charlottenburg.
O-Ton Thomas Michaelis:
Industriekletterer
„Das ist schon – ja, die hohe Kunst des Industriekletterns, das wird kein Spaziergang. Wir rechnen schon mit zwei bis drei Stunden, ehe wir oben sind. Der Ausstieg ist einfach das Spannende, weil da verlässt man dann den festen Boden, und dann hängt man in den Seilen.“
Die Dachdecker sollen prüfen, ob Kuppel und Kreuz der Kirche vom Rost zerfressen werden. Die Sichtung von Schäden an hohen Gebäuden ist Routine. Eine Routine aber, die Männer und Material immer wieder vor höchste Ansprüche stellt.
O-Ton Thomas Michaelis:
Industriekletterer
„Wir Industriekletterer arbeiten hauptsächlich mit drei Arten von Seilen. Einmal ein Dynamikseil, das hat eine 30-prozentige Dehnung, dann sind es die halbstatischen Seile, die haben drei bis fünf Prozent Dehnung, und dann noch Stahlseile. Also die meisten Industrieseile sind Kernmantelseile, das heißt, außen herum ist ein Mantel, wie hier der orangefarbene, und in der Mitte ist die Seele. Ich schneide jetzt mal hier einen auf, da sieht man deutlich das Innenleben, und diese weißen Teile sind die einzelnen Fasern, die das Seil eigentlich ausmachen. Die können ungefähr zwei bis zweieinhalb Tonnen belastet werden. Die Belastung tritt im Normalfall nicht ein. Die Hauptbelastung für die Seile ist, wenn ein Sturz entsteht - dann fällt man in dieses Seil rein und dann sind die Lasten ein Vielfaches von dem, was man eigentlich wiegt, und dann kann man schon bis an die Grenze herankommen.“
Mit der Kamera dokumentiert Thomas Michaelis den Zustand der Turmspitze. Alles in Ordnung – Kuppel und Kreuz werden noch ein paar Jahre halten.
Der Beruf des Industriekletterers übt auf junge Leute inzwischen eine große Anziehungskraft aus, denn das Klettern hat eine sehr sportliche Seite, ist technisch anspruchsvoll und überhaupt - attraktiv: Wer kann schon, während er arbeitet, eine solche Aussicht genießen?
Ein Bericht von Johannes Mayer.
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/ozon/archiv/ozon_vom_22_02_2010/ueber_dem_abgrund.html