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Noch scheint der Frühling weit entfernt, doch schon jetzt suchen die Spatzen nach Höhlen und Nischen, um ihre Nester zu bauen. Leicht haben sie es nicht, in den glatten Fassaden aus Glas und Beton fündig zu werden.
In den letzten 25 Jahren ist der Bestand der Vögel in den meisten Bundesländern um 20 bis 50 Prozent zurückgegangen, so dass der Spatz auf der Vorwarnstufe der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Brutvögel steht. Damit Berlin seinen Ruf als Hauptstadt der Spatzen behält, hat es eine Frau beauftragt, für die bedrängten Vögel Quartier zu machen…
Manuskript:
Berlin, Potsdamer Platz. Asphalt, Beton und Glas. Hier wird es eng für den Spatzen. Die glatten Fassaden lassen nicht die kleinste Ritze, in die er sein Nest bauen könnte.
O-Ton Dr. Jörg Böhner:
Ornithologe, TU Berlin
„In vielen europäischen Städten, vor allem in Westeuropa, ist der Haussperling in den letzten zwanzig, dreißig Jahren massiv zurückgegangen. Ein drastisches Beispiel ist London, wo nur noch wenige Haussperlinge vorkommen. Hamburg hat einen Haussperlingsverlust von über 50 Prozent zu verzeichnen.“
Sommer 2009: Die Ornithologin Sonja Kübler begutachtet eine Baustelle im Auftrag des Berliner Senats. Brüten hier Haussperlinge, kann sie die Sanierung des Gebäudes anhalten, obwohl das teuer für den Bauherrn werden kann. Sperlinge stehen als Gebäudebrüter unter Naturschutz. Sonja Kübler wacht darüber, dass die Gesetze eingehalten werden.
O-Ton Dr. Sonja Kübler:
Ornithologische Gutachterin
„Bei Fassadensanierungen können natürliche Brutplätze zerstört werden. Deswegen werde ich bei Bauvorhaben hinzugezogen, schaue mir an, ob Haussperlinge vor Ort sind und treffe dann die entsprechenden Maßnahmen.“
Sonja Kübler findet tatsächlich ein Spatzennest. Das Nistmaterial ist noch frisch, das Nest also bewohnt. Das Gutachten der Ornithologin wird diese Spatzenbrut retten. Wichtig dabei: ein Beweisfoto.
Im Umkreis von einem Meter rund um das Nest gilt nun eine Schutzzone. So lange, bis der letzte Jungspatz flügge geworden ist, darf hier nicht gebaut werden.
Zurück in Berlins Innenstadt. Rund um den Potsdamer Platz wird das eh schon seltene Grün penibel kurz gehalten. Doch ist dieser Ordnungswahn auch gut für den Sperling?
O-Ton Dr. Jörg Böhner:
Ornithologe, TU Berlin
„Es ist einfach dem Haussperling zuträglich, wenn man, ein bisschen übertrieben gesagt, man die Stadt nicht tot pflegt, grün nicht tot pflegt, sondern auch mal ein bisschen etwas verwildern lässt, was ihm für die Nahrungsgrundlage sicherlich zugute kommt.“
Zum Glück für Berlins Spatzen sieht es in der Hauptstadt zumeist nicht aus wie am Potsdamer Platz. Es gibt noch viele Baulücken und verwilderte Brachen. Fast ländliche Orte mitten in der Innenstadt. Ein Grund, warum in Berlin die Spatzen noch sehr häufig sind.
Hier finden sie Flächen, in denen sie ein Bad im lockeren Sand nehmen können. Dieses Verhalten brachte dem Sperling zwar den Schimpfnamen „Dreckspatz“ ein. Doch so befreit er sich von Parasiten.
In den Brachflächen geht der Haussperling auch auf die Jagd. Zur Brutzeit sucht er hier nach Insekten. Weniger für sich selbst, als für seinen Nachwuchs. Denn der braucht zum Wachsen viele tierische Proteine. Im grünen Berlin ist der Bruterfolg der Sperlinge deshalb sehr hoch.
Sonja Kübler besucht eine ehemalige Baustelle. Früher ein Lagerhaus, heute ein Möbelgeschäft. Die einst löchrige Ziegelmauer beherbergte eine ganze Spatzenkolonie. Der Bauherr bekam die Genehmigung, nach der Brutzeit die Sanierung fortzusetzen. Mit einer Auflage allerdings: Für jeden zugemauerten Nistplatz musste er Ersatz schaffen. Nistkästen. Doch nehmen die Spatzen das neue Zuhause auch an?
Schnell zeigt sich: Die Kästen sind bewohnt. Der Aufwand, den Berlin zum Schutz seiner Haussperlinge betreibt, scheint erfolgreich. Über solche Erfolge freut sich auch der Vogelkundler.
O-Ton Dr. Jörg Böhner:
Ornithologe, TU Berlin
„Eine Stadt ohne Vögel wäre langweilig. Man kann es auch anders sagen: Es würde ein Stück Lebensqualität mit Sicherheit fehlen. Und das empfinden sehr viele Leute so.“
Berlin hat sich mit dem Sperling ein Stück Natur bewahrt. Die Hauptstadt der Spatzen könnte so zum Vorbild für andere Großstädte werden.
Ein Bericht von Frank Nischk.
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/ozon/archiv/ozon_vom_22_02_2010/wohnungsnot_im_grossstadtdschungel.html