Sie sind hier:
rbbonline | Archiv

Eine neue Fluglärmstudie des Bremer Professors Eberhard Greiser im Auftrag des Umweltbundesamtes an über einer Million Anliegern des Flughafens Köln/Bonn sorgt seit Dezember für Schlagzeilen.
Sie beunruhigt auch die Gemeinden Blankenfelde/Mahlow, Eichwalde, Schulzendorf und Großbeeren. Die haben gegen die geplante Nachtflugregelung am künftigen Flughafen BBI Klage beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht. Denn das Brandenburger Infrastrukturministerium hat trotz Auflagen die Zeit totaler Flugruhe verkürzt und nach 22.00 Uhr und vor 6.00 Uhr in Spitzenzeiten noch über 100 Flüge zugelassen. Prof. Greiser warnt wie auch Berliner Lärmforscher vor einem dramatischen Krankheitsanstieg um Schönefeld.
Manuskript:
Schon heute gibt es am Himmel über Blankenfelde nachts keine Ruhe. In der Einflugschneise des Flughafens Berlin-Schönefeld wohnt seit Jahren das Ehepaar Garnatz. Fünfzehn Flüge in den Abend- und Nachtstunden sind sie gewohnt. Doch bald müssen sie viel mehr und vor allem größere Maschinen verkraften. Trotz geplantem Flugverbot zwischen 0.00 und 5.00 Uhr am neuen Großflughafen.
Bis Herbst 2011 soll der neue Terminal mit zwei Start- und Landebahnen fertig sein. Mehr als 70 Flüge sind dann noch genehmigt. Von 22.00 – 0.00 Uhr und von 5.00 bis 6.00 Uhr .
O-Ton Klaus-Dieter Garnatz:
Anwohner
„Selbstverständlich haben wir da Angst. Den Lärm halten sie gar nicht aus. Nachts mit offenem Fenster schlafen ist unmöglich. Wenn wir mal abends eine Gartenparty machen oder gemütlich Sitzen wollen, ist ja auch nicht drin. Sie können sich ja gar nicht unterhalten.“
Medikamente gehören jetzt schon zum Alltag der Familie. Seit mehr als 10 Jahren leidet das Ehepaar unter hohem Blutdruck. Tochter Jennifer bekommt zunehmend schwere Migräne. Ebenso Frau Garnatz. Dass Nachtfluglärm besonders krank machen kann, weiß man seit langem.
Rund 160 000 Menschen sind es in der Nähe des Flughafens Köln-Bonn. Der Flughafen mit den meisten Nachtflügen deutschlandweit. Das Umweltbundesamt ließ hier eine neue Lärmstudie erstellen. Der Bremer Mediziner Eberhard Greiser wertete Krankenkassendaten von einer Million Menschen aus.
Fluglärm am Tag erhöht das Erkrankungsrisiko. Nachtfluglärm potenziert es. Besonders bei Herz-Kreislauferkrankungen, Schlaganfällen und Brustkrebs bei Frauen.
Die hohe Krebsrate hat Eberhard Greiser überrascht. Jetzt hat der Umweltmediziner auf Grundlage der Köln-Bonner-Daten eine Prognose für Berlin-Schönefeld erstellt. Nachtfluglärm sei besonders gefährlich.
O-Ton Prof. Dr. Eberhard Greiser:
Epidemiologe
„Ich schätze, dass etwa 10 000 zusätzliche Erkrankungen an sämtlichen Herz-Kreislaufkrankheiten vorkommen werden. Vermutlich in der Größenordnung von 6000 Schlaganfällen. Etwas mehr an koronarer Herzkrankheit. Und die zusätzlichen Erkrankungen an Brustkrebs bei Frauen dürften in der Größenordnung von eintausend liegen bezogen auf einen Zwei-Jahreszeitraum.“
Für Schönefeld ist der Lärmschutz in der Nacht schlechter geregelt als am Tag. Bis zu sechsmal hintereinander darf nach 22.00 Uhr noch unbegrenzt laut über die Häuser geflogen werden. Erst dann gilt ein maximaler Schallpegel von 55 Dezibel. Doch das Ohr schläft nie.
Nächtlicher Lärm reißt den Körper in Alarmbereitschaft. Gesteuert wird das über die Hirnanhangdrüse. Sie sendet Signale über die Blutbahn zur Nebennierenrinde, die Stresshormone produziert. Der Blutdruck steigt. Die Gefäße verengen sich. Über längere Zeit wird das Immunsystem angegriffen.
Prof. Dr. Eberhard Greiser:
Epidemiologe
„Das Gesundheitsrisiko beginnt unmittelbar bei 40 dB. 55 ist viel zu hoch und wenn sie zwischendurch noch sechs Mal durch einen sehr starken Schall beeinflußt werden und sozusagen im Bett senkrecht stehen. Da möchte ich mal denjenigen sehen, der da noch vernünftig schlafen kann.“
Absolute Nachtruhe zwischen 22.00 und 6.00 Uhr klagen erneut Blankenfelde und die anderen Flughafenanrainer vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig ein.
Im Januar konnten die Bürger zwei Wochen lang die Planungsergänzung zum Lärmschutz in Schönefeld einsehen. Welche Grundstücke liegen in der Nachtflugzone, welche nicht? Banges Fragen und Hoffen. Das Haus der Familie Garnatz aus Blankenfelde ist dabei.
Insgesamt eine Viertel Million Menschen sind künftig durch Nachtflüge betroffen. Das Bundesverwaltungsgericht wird neu abwägen müssen: Flughafeninteressen gegen das Schutzbedürfnis der Bürger.
Familie Garnatz hat Schallschutz beantragt. Neue Fenster, gedämmte Rolladenkästen, in Ausnahmefällen Arbeiten am Dach. Das ist der Standard vom Flughafenbetreiber. Doch reicht der wirklich aus?
Die Gemeinde Blankenfelde hat an drei Häusern nachmessen lassen. Durch ein unabhängiges schalltechnisches Beratungsbüro.
Der Schallpegel eines Flugzeugs wird simuliert. Innen erfasst eine Messonde, wieviel Lärm die Außenwand schluckt. Hier kommen ohne Schallschutz über 60 dB an. Der Einbau neuer Schallschutzfenster wäre da zuwenig. Nachgemessen wird vom Flughafenbetreiber nicht.
O-Ton Dr. Christian Maschke:
Akustiker
„Man misstraut ihm, weil die Begutachtung durch den Flughafen, durch die Beauftragten des Flughafens, rein visuell – eine Inaugenscheinnahme ist. Zwischen Messung und Inaugenscheinnahme können deutliche Diskrepanzen bestehen. Die Quintessenz ist, dass die Bürger eventuell einen zu geringen Schallschutz erhalten.“
Schlaflose Nächte haben viele jetzt schon. Denn die neue Bundesregierung unterstützt wettbewerbsfähige Betriebszeiten auf allen deutschen Flughäfen. Das bedeutet mehr Nachtflüge. Auch für den Großflughafen. Davon ist Familie Garnatz überzeugt.
Am Himmel über Blankenfelde wird es kaum noch Ruhe geben.
Ein Bericht von Maren Schibilsky.
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/ozon/archiv/ozon_vom_25_01_2010/krank_durch_schlafmangel.html