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OZON UNTERWEGS
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Mo 25.01.10 22:15

Nackte Haut – Darwin und die Schönheit in der Evolution

Nach Darwin spielt in der Evolution neben der ständigen Anpassung an die Umwelt auch die sexuelle Selektion durch immer neue ästhetische Reize eine große Rolle. Der Berliner FU-Professor Winfried Menninghaus sieht im Verschwinden der Körperhaare, in der nackten Haut das Schönheitssignal des Menschen.

Der wieder erwachte Rasierkult sei nur eine weitere Steigerung. Seinen Ausgangspunkt hatte alles in den sexuell anziehend wirkenden haarfreien Partien um die weibliche Genitalregion vieler Affen. Bei der Selektion wurden über sehr lange Zeit solche „ästhetischen“ Hautpartien immer wieder bevorzugt, obwohl der thermische und mechanische Körperschutz dabei verloren ging.

Manuskript:

Ein Gemisch aus Bienenwachs und Baumharz, erhitzt auf 39° C; jedes ungeliebte Haar bleibt daran haften. Eine mitunter schmerzhafte Prozedur, die keinen intimen Bereich aus lässt.

Etwa 80 % aller jungen Frauen und Männer entledigen sich regelmäßig ihrer Körperhaare.

O-Ton: Luan Costa, Berlin
Also, wenn ich mit jemandem was habe, achte ich darauf, dass ich auch keine Haare habe, weil ich auch will, dass sie keine Haare hat. Ich glaub auch, dass sie es schön findet wenn man nicht so Haare hat.

Albrecht Dürer hätte diese Ansicht voll geteilt. Adam und Eva kommen bei ihm wie frisch gewachst daher. Das Ideal der reinen Nacktheit, sagt der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus, ist keinesfalls nur flüchtige Mode. Doch was dann?

Menninghaus ist sich sicher, in der Evolutionstheorie des reichlich zugewucherten Charles Darwin Antworten zu finden, die den Sinn der menschlichen Nacktwerdung in ein völlig neues Licht rücken.

Was für Vorteile sollte nackte Haut den Menschen bieten?

O-Ton: Prof. Winfried Menninghaus, Literaturwissenschaftler FU Berlin
Darwin hat eigentlich das Feld verdorben, indem er eine Hypothese aufgestellt hat, die zu seiner Zeit völlig inakzeptabel war: nämlich die Hypothese, dass wir nackt geworden sind, weil unsere Vorfahren es ganz einfach schön gefunden haben.

Ein nackter Affenpo, Gesicht, Hände – nach dem Prinzip der sexuellen Auswahl müssen die Hautpartien des Frühmenschen einen unwiderstehlichen Reiz ausgeübt haben. Über Generationen wurden nacktere Exemplare bevorzugt – möglicherweise auch als Abgrenzung gegenüber dem Affen. Ein frühes menschliches Schönheitsideal.

O-Ton: Prof. Winfried Menninghaus, Literaturwissenschaftler FU Berlin
Und das ist natürlich auch ein Schlag ins Gesicht der Darwinschen Zeitgenossen. Die sollten sich vorstellen, ihr ganzer Körper sieht so aus, wie das pinkfarbige Hinterteil der Affen. Das hat natürlich was Obszönes. Eine obszöne Variante. Andererseits ist das Interessante daran, dass Darwin nun erlaubt, eine ästhetische Sicht auf unseren Körper zu entwickeln. Unsere Haut ist ein Ornament, sagt er.

Und sie ist perfekt geeignet, Signale zu senden – über Reinheit, Gesundheit, eben: Schönheit. Wozu dann eigentlich noch Reste von Körperhaar?

Über 6000 Jahre alt sind die frühesten Überlieferungen menschlicher Enthaarungsriten.

Die völlige Nacktheit als göttliche Ordnung – so verstanden die Künstler der Antike das menschliche Ornament und schufen nackte Perfektion, eine ästhetische Norm, die sich über Jahrhunderte hielt.

Michelangelos Sündenfall fand gänzlich unbehaart statt.

Körperhaar trägt der wilde Mann – eine Übergangsform zum Tier.

In den Badeszenen der frühen Neuzeit ist kein einziges Schamhaar zu entdecken. Der Koran schreibt Frauen eine regelmäßige Enthaarung vor – aus Reinheitsgründen. Nichts soll die gottgewollte Nacktheit des Menschen stören.

O-Ton: Prof. Winfried Menninghaus, Literaturwissenschaftler FU Berlin
Darwin hat die generelle Theorie aufgebracht, dass wir sensibel sind für leichte Übertreibungen von etwas, was wir schön finden. Typischerweise findet eine Spezies die durchschnittliche Erscheinung ihrer eigenen Spezies schön, sie möchte aber noch ein kleines Extra haben. Er nennt das auch den Neuigkeitsreiz, den Variationsreiz oder auch den Übertreibungsreiz. Ganz egal, in welche Richtung er geht. Das bindet unsere Aufmerksamkeit und wie Darwin sagt, das schafft dann in Kontexten von sexueller Wahl Vorteile.

Ein Leben in Schönheit verursacht Kosten. Der Pfau gibt sich mit um der Schönheit willen seinen Fressfeinden preis. Auch der nackte Mensch hat auf den Schutz durch ein wärmendes Fell verzichtet – und sich ein Ornament gewählt, das ihn zur Bekleidung zwingt. Über die so genannte kostspielige Signaltheorie hat Darwin 30 Jahre gegrübelt.

Seine Antwort: die Schönheit siegt über den praktischen Nutzen.

Rasieren und epilieren, Waxen und Laserbehandlung. Kein Aufwand erscheint Menschen der Postmoderne zu abschreckend, um dem Ideal der reinen Nacktheit nahe zu kommen.
Hand an Maus, Menninghaus, nackte Tiere auf dem Bildschirm

Wie tief dieses Bedürfnis liegt, zeigt eine Studie, in der Menninghaus mit einer Forschungsgruppe der FU Berlin getestet hat, wie wir auf nackte Tiere reagieren. Sie lösen bei der übergroßen Mehrheit der Probanden Ekel und Erschrecken aus.

O-Ton: Prof. Winfried Menninghaus, Literaturwissenschaftler FU Berlin
Weil wir so extrem in Richtung der nackten Haut gegangen sind, wollen wir nicht, dass andere das auch tun. Denn wir haben auf dieses Pferd gesetzt, andere sollen uns das nicht wegnehmen. Und in der Tat ist es dann so, wenn Sie Testpersonen fragen: wie reagieren Sie auf Tiere, die unser primäres Ornamentmerkmal, die nackte Haut, zeigen, ist das Befremden sehr groß.

Als schön empfinden wir hingegen, wenn unsere ästhetische Ordnung durch nichts gestört wird. Eine Quasi-Natürlichkeit, die in aller Regel erst aufwändig hergestellt werden muss. In der Tat bietet der menschliche Körper unendliche Möglichkeiten der Inszenierung.

O-Ton: Prof. Winfried Menninghaus, Literaturwissenschaftler FU Berlin
Die nackte Haut hat eine interessante Implikation: da sie nur zu Überleben ist in einer Kultur der Bekleidung ist etwas ganz neues entstanden, was für den Begriff der menschlichen Nacktheit entscheidend ist. Nämlich das immer Mitdenken des Bekleidetseins.

Womöglich ist die Nacktheit der Schlüssel zur menschlichen Kultur und aller überdrehter Mode. Dieses zutiefst ästhetische Denken hat uns einer gelehrt, der noch nie als Schönheitspapst galt: Charles Darwin.

Ein Beitrag von Felix Krüger

Dieser Text gibt den Sachstand vom 25.01.2010 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Buchtipp

Das Versprechen der Schönheit

von Prof. Winfried Menninghaus
ISBN-Nr. 10: 3518294164

Infos im WWW

Bundeszentrale für politische Bildung

Abstract zum Buch "Der Preis der Schönheit: Nutzen und Lasten ihrer Verehrung" von Winfried Menninghaus

www.bpb.de

Körperkult und Schönheitswahn

Aufsätze zum Thema in der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte"

www1.bpb.de [pdf]

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.rbb-online.de/ozon/archiv/ozon_vom_25_01_2010/nackte_haut___darwin.html

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