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rbbonline | Archiv


Da kommt einer nach sechs Forschungsjahren bei Microsoft im US-Bundesstaat Washington zurück nach Deutschland, um junge Leute zum Querdenken zu ermutigen.
Am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam-Babelsberg tüftelt der 41-jährige Prof. Patrick Baudisch mit seinen Studenten an ungewöhnlichen Bedienkonzepten für sehr kleine Geräte: z.B. mit Handys zu telefonieren, ohne die Tastatur zu berühren. Mensch-Computer-Interaktion heißt das Fachgebiet, das den Laien staunen lässt.
Manuskript:
„Leere Hände!“ Das heißt ‚Karate’ auf Deutsch. Und gewiss ist es kein Zufall, dass Patrick Baudisch in seiner Freizeit ausgerechnet Modernes Sportkarate betreibt. Sonst nämlich hat der 41jährige Computerspezialist beinahe immer etwas in der Hand. Meist sind es diese modernen „Kommunikationskästchen“, die wir heute fast alle in der Tasche tragen. Nützlich sind sie ja. Aber auch nervig: Immer mehr Funktionen auf immer kleinerem Raum. Ein Trend ohne Ende. Das zeigte auch die letzte Funkausstellung in Berlin.
Baudisch hat den Kampf aufgenommen: gegen Mini-Tasten und winzige Displays. Seit einem Jahr ist er Leiter des Fachgebietes Mensch-Maschine-Kommunikation am Hasso-Plattner-Institut Potsdam. Hier tüftelt er an neuen Bedienkonzepten für Handys, Taschencomputer oder MP3-Player. Seine Studenten hätten keinen besseren Lehrmeister finden können: Schließlich arbeitete der gebürtige Nürnberger zuvor sechs Jahre lang im Forschungslabor des Computerriesen Microsoft. In Redmond, USA. Baudisch glaubt: Unser digitales Leben könne leichter werden, wenn wir elektronische Helfer - da wo es geht – tastaturlos steuern würden. Per Fingerzeig. Über berührungsempfindliche Displays – so genannte Touch-Screens.
O-Ton Prof. Dr. Patrick Baudisch:
Hasso-Plattner-Institut, Potsdam
„Das Prinzip ‚Berührung’ oder ‚Touch’ ist ja eigentlich schon relativ alt. Ursprüngliche Systeme funktionierten so, dass man zwei Plastikfolien aufeinander gedrückt hat. Neuere Systeme funktionieren so ähnlich wie ein ‚Nähe-Sensor’. Unterm Strich ist es jedoch so, dass die sich alle reduzieren auf ‚Berührung’ oder ‚Nicht-Berührung’. Was wir machen ist: Wir nehmen neue Dimensionen dazu. So etwas wie ‚Rotation des Fingers’ oder ‚Druckstärke’. Und wir benutzen das, um mehr Funktionalität zu ermöglichen.“
Wie viel „Fingerspitzengefühl“ können Handys und Computer entwickeln? Das testen Baudisch und sein Team mit hochmodernen Analysegeräten. Zum Beispiel wie trennscharf die Elektronik verschiedene Fingerstellungen auseinanderhalten kann.
O-Ton Prof. Dr. Patrick Baudisch:
Hasso-Plattner-Institut, Potsdam
„Das höchste Ziel unserer Gruppe ist: ‚Innovation und neue Ideen’! Wie wir das erreichen: Indem wir erst einmal mit den neuesten Technologien anfangen. Da kaufen wir auch Sachen ein. Und der entscheidende nächste Schritt ist, nicht das Offensichtliche damit zu tun, sondern auch mal Ideen auszuprobieren, die auf den ersten Blick so aussehen, als wären sie ‚irgendwie auf den Kopf gestellt’.“
Oder gedreht! Um Fingersteuerung optimal zu nutzen, müsste sich nämlich die Form der Geräte verändern: Bislang zeigen wir auf die Bedienfläche. Dabei verdecken wir vieles. Auf Kosten der Genauigkeit. Besser wäre es, die Geräte von der Rückseite aus zu steuern. Nur: Wie sieht man dann, wohin man zeigt? Schon in den USA experimentierte Baudisch mit solchen Prototypen. Gesteuert von hinten. Die Hände werden als Silhouette ins Display eingeblendet. Allerdings: Das erfordert eine angebaute Kamera. Nichts für die Hosentasche also. Die kompaktere Alternative: Ein virtueller Finger. Von einer Software generiert, sobald man die Rückseite berührt.
Auch für das Problem der kleinen Displays hat der „Club der digitalen Querdenker“ so seine Ideen: Moderne „Navis“ etwa zeigen immer nur einen sehr engen Ausschnitt des Stadtplans. So wird die Suche zum nächsten Restaurant zur Qual. Es geht auch anders.
O-Ton Prof. Dr. Patrick Baudisch:
Hasso-Plattner-Institut, Potsdam
„Wir lösen das so, dass wir die Restaurants mit Kreisen umgeben: Ich habe hier fünf Restaurants die sind so durch Kreise umgeben, und die sind immer genau so groß, dass sie immer etwas in das Display hineinragen. Eine starke Krümmung zeigt mir etwas, was relativ nahe ist, eine schwache Krümmung zeigt mir ein Objekt, das weiter entfernt ist. Und auf die Art zeige ich Sachen, die man eigentlich auf dem Display gar nicht sehen kann.“
Und das, ohne das Gerät umzubauen. Allein durch eine clevere Software-Lösung. Manch unkonventionelle Idee allerdings erfordert dann doch den Griff zum Werkzeugkasten: Diese durchsichtigen Würfel zum Beispiel. Sie werden aus zahllosen Glasfaser-Stückchen zusammengeklebt. Mit ihnen will das Team um Baudisch die dritte Dimension erschließen: Bisher nämlich spielt sich bei Touch-Screens alles nur in der Fläche ab: Wie ein Körper über der eigentlichen Kontaktstelle aussieht - lang oder kurz, gerade oder krumm - weiß der Rechner nicht. Doch man kann es ihm „sagen“: Mit Klebe-Markern. Ähnlich den Strichcodes, für Produkte aus dem Supermarkt. Sie enthalten Informationen über Farbe, Form und Oberfläche des Objektes. So identifiziert der Rechner die Bausteine, ohne sie zu sehen. Und weil die Glasfasern das Markermuster dahinter liegender Würfel scharf und klar durchlässt, kann man sogar Türmchen bauen. Damit wäre auch der Raum über dem Display erobert.
O-Ton Prof. Dr. Patrick Baudisch:
Hasso-Plattner-Institut, Potsdam
„Das Ganze funktioniert deshalb, weil in dem Tisch unter dem Display eine Kamera drin ist, die nach oben schaut. Die erkennt dann die Marker der Blöcke. Man kann sich ganz gut vorstellen schon heute so etwas für Architekten und andere professionelle Anwender zu nutzen. Und ich kann mir auch gut vorstellen, dass wir in der Zukunft das auch zu Hause benutzen werden."
Für Freizeitspaß mit virtuellem Lego etwa. Oder für Brettspiele. Wer weiß – vielleicht sieht man Patrick Baudisch ja schon bald seltener beim Sportkarate und häufiger bei einer Partie Dame.
Ein Bericht von Roger Zepp.
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/ozon/archiv/ozon_vom_28_09_2009/bedienung_von_hinten.html