- Deutschlands Chemiewaffen - Forschung seit dem 1. Weltkrieg

Mit großer Begeisterung unterstützten die fähigsten Wissenschaftler den 1. Weltkrieg und das Gasprojekt des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie. Allen voran spätere Nobelpreisträger wie Walther Nernst, Otto Hahn und Fritz Haber.

In eilfertiger Zusammenarbeit mit dem Militär und der Industrie entwickelten deutsche Forscher so bis zum Ende des 2. Weltkrieges fast alle teuflischen Kampfstoffe wie Lost, Tabun, Sarin und Soman. Noch heute halten sie die Welt in Atem. Selbst nach Syrien lieferten deutsche Firmen Rohstoffe und Anlagenteile.

Sicherheitbehälter für Chemieverdachtsmunition (Quelle: rbb)

Chemiewaffenvernichtung in Munster

Wo im 1. Weltkrieg tausende Giftgasgranaten abgefüllt wurden, steht heute im niedersächsischen Munster bei Hamburg Europas modernste Chemiewaffenvernichtungsanlage. Seit Jahrzehnten entsorgt das bundeseigene Unternehmen Chemieverdachtsmunition. Obwohl Deutschland seit 2007 als chemiewaffenfrei gilt, gibt es bundesweit immer wieder Funde, auch aus dem 1 Weltkrieg. Ab Juni sollen in Munster auch Reste syrischer Kampfstoffe verbrannt werden.

Fritz Haber (Quelle: rbb)

Chemiker für den Krieg

Der ehrgeizige Chemiker Fritz Haber entwickelte sein Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie in Berlin-Dahlem zu einer Kampfstoffschmiede. Als im Herbst 1914 die Front in einem Stellungskrieg erstarrte, entstand bei den Militärs die Idee, Gas einzusetzen. Der Physiker Walter Nernst schlug chemische Reizstoffe vor. Als die nicht wirkten, entwickelte Haber die Idee, Chlorgas aus der Industrie zu verwenden. Am 22. April 1915 wurde es bei Ypern zum ersten Mal eingesetzt und forderte über 1000 Tote. Deutsche Forscher hatten chemische Massenvernichtungsmittel erfunden.

ehemalige Munitionsanstalt bei Jüterbog (Quelle: rbb)

Geheimforschung im Frieden

Als der Versailler Vertrag Deutschland zur Abrüstung zwang, hatten Wissenschaftler um Fritz Haber zusammen mit den Militärs und der Industrie längst beschlossen, immer bessere Kampfstoffe zu entwickeln. Heimlich wurde in der Sowjetunion weiter geforscht. 750 km südlich von Moskau erprobten bis 1933 unter dem Tarnnamen „Tomka“ deutsche Chemiker und Militärs zusammen mit der Roten Armee wissenschaftlich den Flächeneinsatz von Lost und anderen Giften.

Reste eines Kohlebunkers (Quelle: rbb)

Tödliche Nervengase

Bei der IG Farben entdeckte ab 1936 der junge Chemiker Gerhard Schrader hochgifte organische Phosphorsäureester. Die tödlich wirkenden Nervengase Tabun und Sarin wurden entwickelt und im geheimen Heeresgasschutzlaboratorium auf der Berliner Zitadelle Spandau erprobt. Ab 1941 produzierte im schlesischen Dyhernfurth an der Oder Deutschlands erste Nervengas-Fabrik über 12.000 Tonnen Tabun. In Falkenhagen bei Seelow begann man ein Werk für Sarin zu bauen.

Entnahme von Bodenproben (Quelle: rbb)

Kampfstoffe aus Syrien

Ab Juni werden in Munster Reste chemischer Kampfstoffe aus Syrien vernichtet. Auch wenn bis heute nicht feststeht, wer das Giftgas zuerst einsetzte, ist inzwischen klar: Deutsche Firmen haben Natriumfluride, Projektskizzen und Anlagentechnik nach Syrien geliefert, mit deren Hilfe Sarin produziert werden kann. Schlechte deutsche Tradition, sagt der Experte Jan van Aken.