Greenpeace untersuchte rotbraune Spree -
"Ein ganzes Ökosystem wird mit dem Schlamm erstickt"
Noch Jahrzehnte wird der Spreewald mit der unappetitlich rotbraunen Brühe zu kämpfen haben. Zu diesem Ergebnis kommt die Umweltorganisation Greenpeace, die nach dem jüngsten Hochwasser Messungen im Spreewald vorgenommen hatte. Die bereits eingeleiteten Sofortmaßnahmen der Landesregierung reichen aber nicht aus. Vielmehr haben sich die Eisenwerte erhöht.
In einigen Regionen der Lausitz fließt die Spree als rotbraune Brühe – und das wird noch jahrzehntelang anhalten. Eisenhaltiges Wasser und Schlamm bedrohen nach Einschätzung der Umweltorganisation Greenpeace den Spreewald. Demnach sind Gewässer im Süden und Westen des Gebietes mit mehr als 100 Milligramm Eisenoxyd pro Liter belastet. Als schädlich gilt bereits ein Wert von drei Milligramm pro Liter. Sofortmaßnahmen der brandenburgischen Landesregierung gegen den Schlamm seien bislang ohne Wirkung geblieben, sagte der Greenpeace-Energieexperte Niklas Schinerl.
Das haben Messungen von Greenpeace ergeben, die nach dem Juni-Hochwasser an zahlreichen Messpunkten im Biosphärenreservat Spreewald Wasserproben entnommen und untersucht haben. Die Ergebnisse wurden am Donnerstag vorgestellt. Greenpeace hat nach eigenen Angaben vom 16. bis 18. Juli Eisenoxyd- und Sulfatwerte in der Spreewald-Region gemessen.
Wenn es um das "schwarze Gold" im Süden Brandenburgs geht, gibt es meist nur leidenschaftliche Befürworter - oder erbitterte Gegner. Sie stehen sich mit ihren Argumenten unversöhnlich gegenüber.
Greenpeace fordert Verzicht auf weitere Tagebaue
Ursache für die sogenannte Verockerung der Spree ist der Eisenschlamm aus dem Braunkohletagebau. Das UNESCO-Biosphärenreservat Spreewald kämpfe derzeit mit einer Verockerung durch steigendes Grundwasser aus bereits vor rund 20 Jahren stillgelegten DDR-Tagebauen, sagte Schinerl. Sollte der Braunkohleabbau wie geplant fortgesetzt werden, werde der Eisenschlamm den Spreewald und weitere Gewässer noch rund 100 bis 150 Jahre lang gefährden. "Ein ganzes Ökosystem wird mit dem Schlamm erstickt", so Schinerl. Laut Greenpeace kann der Bedrohung nur durch den Verzicht auf neue Tagebaue und durch mehr Schutzmaßnahmen wirksam begegnet werden.
Landesregierung weißt Vorwürfe zurück
Auf Druck der Bevölkerung hatte die Landesregierung Anfang des Jahres 2013 ein Maßnahmen-Paket beschlossen, um die Verockerung zu bremsen. Laut Greenpeace hat dies in den untersuchten Flüssen zum Messzeitpunkt kaum Wirkung gezeigt. So sei auch nach der Inbetriebnahme einer Grubenwasserreinigungsanlage bei Vetschau nahe Cottbus im Juli keine Verbesserung zu messen gewesen, sagte Schinerl bei der Präsentation der Messergebnisse.
Das brandenburgische Wirtschaftsministerium, das für Bergbaufolgen zuständig ist, wies die
Vorwürfe zurück. Es seien bereits "eine Fülle von Maßnahmen" ergriffen worden, sagte ein Sprecher von Minister Ralf Christoffers (Linke). So seien unter anderem belastete Regionen beräumt worden. Der durchschnittliche Wert der Eisenbelastung liege unter einem Milligramm pro Liter.
Niklas Schinerl von Greenpeace betonte hingegen, das Hochwasser und die Öffnung der Talsperre Spremberg, die sonst große Mengen des Schlamms zurückhält, hätten zu extrem hohen Eisenoxyd-Werten von zum Teil mehr als 100 Milligramm pro Liter im Süden und Westen des Spreewalds geführt. Ökologische Schäden in Flüssen seien bereits ab drei Milligramm pro Liter zu erwarten.
Der Schlamm sei zum Teil durch die Spree abgeflossen, habe sich aber teilweise auch fein verteilt.
Die südlichen Spree-Zuflüsse Wudritz, Greifenhainer Fließ oder Vetschauer Mühlenfließ sind sichtbar rot gefärbt, Rostschlamm hat sich abgelagert.
Aufgeschwemmtes Eisenoxid ist für die "Verockerung" verantwortlich.
Unzureichende Zusammenarbeit zwischen Sachsen und Brandenburg
Problematisch ist laut Schinerl auch die unzureichende Zusammenarbeit zwischen den Braunkohle-Ländern Sachsen und Brandenburg. So weigere sich Sachsen bislang, "sich als Verursacher in die Pflicht zu nehmen". Die Folgen trage vor allem Brandenburg.
Vor einigen Wochen hatten die Wirtschaftsministerien beider Länder angekündigt, künftig bei der Bekämpfung der Bergbaufolgen enger zusammenzuarbeiten.
Schinerl sagte, es seien viele "kleinteilige Maßnahmen" wie der Bau von Barrieren nötig, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Auch Absetzbecken, in denen der Schlamm auf den Grund sinken und dann entsorgt werden kann, seien sinnvoll, hieß es. Wenn der Schutz des UNESCO-Biosphärenreservats ernst gemeint sei, müsse Brandenburgs Landesregierung jedoch vor allem von neuen Tagebauen Abstand nehmen, so Schinerl.
Die wichtigsten Fragen im Überblick
Was heißt "Verockerung"?
Der Begriff bezeichnet die Braunverfärbung der Spree. Sie zeigt eine erhöhte Belastung durch Eisenhydroxid an, umgangssprachlich auch als "Eisenocker" bezeichnet. Das Wasser nimmt eine rötlich-braune Farbe an und sieht aus wie rostige Schlammbrühe.
Was verursacht die Braunfärbung?
In der Spree und den Fließgewässern des Spreewalds kann die Belastung teilweise auf den Braunkohletagebau in der Lausitz zurückgeführt werden. Für den Abbau wird der Grundwasserspiegel abgesenkt und Boden umgeschichtet. Das im Boden vorhandene Mineral Pyrit, auch als Schwefelkies bekannt, oxidiert dabei in Verbindung mit dem Sauerstoff in der Luft zu Eisen und Sulfat. Durch Niederschlag und den erneuten Anstieg des Grundwasserspiegels gelangen diese Stoffe dann in die fließenden Gewässer.
Das Problem ist akut: Eine Studie, die Anfang Januar 2013 vorgestellt wurde, geht davon aus, dass die Verschmutzung der Spree in der Lausitz noch die nächsten hundert Jahre anhält. Und sie betrifft nicht nur die Lausitzer Spree und die Spreewaldzuflüsse, sondern kann in Zukunft auch bis in den Spreewald und nach Berlin reichen.
Ist die Verschmutzung für den Menschen gefährlich?
Zumindest die hohe Menge an Eisenhydroxid ist für den Menschen eher unbedenklich. Ein größeres Problem könnte die Sulfatbelastung des Wassers werden. Der Grenzwert für den Sulfatgehalt von Trinkwasser liegt bei 250 Milligramm pro Liter. Bereits 2009 hatte die Brandenburgische Landesregierung in einer Stellungnahme zur Eisen- und Sulfatbelastung des Spreewassers in Spremberg angegeben, dass eine erhöhte Sulfatkonzentration in den Fließgewässern der Spree von bis zu 300 bis 400 Milligramm pro Liter die Trinkwassergewinnung beeinflusst.
Was bedeutet eine "braune Spree" für Tiere und Pflanzen?
Für die Tierwelt ist das verschmutzte Wasser ein großes Problem. Ablagerungen des Eisenockers, das den Gewässerboden verdeckt, bedeuteten einen Lebensraumverlust vieler wirbelloser Tiere und beeinflussten die Vegetation negativ. Die Kiemen von Fischen können verkleben, Laichplätze verschlammen, somit wird der Lebensraum gefährlich beeinträchtigt.
Die Grünen-Fraktion hatte im Oktober 2012 eine Kleine Anfrage über die Wasserqualität der Spree an die Regierung gerichtet. In der Antwort der Bundesregierung heißt es, durch die so genannte Verockerung der Spree würden die Lebensbedingungen von Flora und Fauna verschlechtert.
Könnte die Verschmutzung wirtschaftliche Folgen haben?
Ja. Der Spreewald ist eine von der UNESCO als Biosphärenreservat geschützte Region und gerade deswegen als Erholungsgebiet sehr beliebt. Die braun verfärbten Gewässer könnten Gäste abschrecken und der Region dadurch wirtschaftlich großen Schaden zufügen.
Welche Gewässer sind betroffen?
Bedroht sind Fließgewässer von der südlichen Niederlausitz bis zum Spreewald. Die Belastung der Talsperre Spremberg ist seit einigen Jahren bekannt. Spremberg liegt mitten im Lausitzer Braunkohlerevier. Die Talsperre nimmt einen Großteil des belasteten Wassers auf. Doch der Eisenschlamm wandert weiter nach Nordwesten, wird von der Spree bis in den Spreewald getragen.
Der Nabu-Regionalverband Spremberg spricht von einer zunehmenden Verockerung der südlichen Spreewaldzuflüsse. Seit Ende 2012 wurden erste Anzeichen einer Braunfärbung auch bei Raddusch, nordwestlich von Cottbus, festgestellt. Besonders belastet ist nach Angaben der LMBV auch das Greifenhainer Fließ bei Vetschau westlich von Cottbus. Von dort aus fließt verschmutztes Wasser in den Südumfluter des Spreewalds östlich von Lübbenau und in die Spree.
Was wird gegen die Verschmutzung getan?
Maßnahmen gegen die Verschmutzung stehen bürokratische und finanzielle Hürden im Weg. Die Sanierungsgesellschaft LMBV ist dafür verantwortlich, diesen Folgen des Tagebaus in der Region entgegenzuwirken. Bislang hat die LMBV Studien in Auftrag gegeben, um das Problem einzugrenzen. Es gibt Ideen für Maßnahmen, wie etwa Abfangsysteme mit Gräben, Absetzbecken oder Reinigungsanlagen. Für 2014 ist ein erstes Pilotprojekt geplant, um das Herausfiltern der Eisenablagerungen zu testen. Der Bund und die Länder Brandenburg und Sachsen müssen Pläne und Finanzierung allerdings erst noch bewilligen. Nach Schätzungen werden insgesamt 200 Millionen Euro benötigt, um dem Problem Herr zu werden. Damit wäre ein Großteil des Budgets der LMBV gebunden.