Das Sanierungsschiff "Barbara" liegt im Schlabendorfer See im Spreewald (Bild: D. Schneider, rbb)
Audio von Inforadio | 20.09.2013

Eine Spurensuche - Braune Spree - was tut sich?

Mit Aktionsplänen ist die Politik schnell bei der Hand, wenn der Druck der Öffentlichkeit nur groß genug ist. Anfang des Jahres verkündete die brandenburgische Landesregierung einen 10-Punkte-Plan mit Sofortmaßnahmen gegen die Braunfärbung der Spree. Noch in diesem Jahr, so hieß es damals, sollten erste sichtbare Erfolge vorzuweisen sein - aber was ist seither tatsächlich passiert? Eine Spurensuche entlang der Spree. Von Dirk Schneider

Der Kahnfährmann Roland Scherz steht am Naturhafen Ragow, auf halber Strecke zwischen Lübben und Lübbenau gelegen. Die Wudritz verbindet den Hafen mit der etwa 2 Kilometer entfernten Hauptspree. Vor einem halben Jahr war das Wasser hier rostig braun. Das ist jetzt anders, sagt Fährmann Roland Scherz: "Das Wasser ist klar, bis auf den Eisenschlamm, der noch da ist. Die Wasserqualität hat sich verbessert. In der Richtung ist wirklich etwas passiert."

Im Gegensatz zum Wasser hier haben sich die wirtschaftlichen Bedingungen allerdings deutlich eingetrübt. Als Kahnfährmann arbeitet Scherz nur noch nebenbei. Gerade mal 15 Prozent der üblichen Touristen sind in diesem Jahr nach Ragow gekommen.

"Ich persönlich habe beim Spediteur als LkW-Fahrer angefangen, weil ich vom Kahnfahren keine Familie mehr ernähren konnte", erzählt Fährmann Scherz. "Ich fahre jetzt LkW und deswegen konnte ich diese ganze Situation etwas entspannter betrachten und hatte nicht mehr jeden Abend Bauchschmerzen."

Die Wudritz ist ein Schwerpunkt im 10-Punkte-Sofortprogramm der Landesregierung gegen die Verockerung der Spree. Das elf Kilometer lange Fließ wurde fast vollständig ausgebaggert - ein Grund für den sichtbaren Erfolg, wie Uwe Steinhuber, der Pressesprecher des Bergbausanierungsunternehmens LMBV, erläutert: "Damit haben wir eine höhere Fließgeschwindigkeit erreicht, einen höheren Durchfluss und damit sind die sichtbaren Eisenanteile, die erst ab drei Milligramm pro Liter sichtbar werden, zurückgegangen. Dessen ungeachtet hat die Wudritz einen gewissen Eisenanteil, der aus dem Grundwasserzustrom kommt. Unsere Aufgabe der nächsten Jahre ist es, diesen Grundwasserzustrom an seinen Quellen zu stoppen. "

Spezialschiffe bringen Kalk ins Wasser

Eine dieser Quellen ist der Schlabendorfer See, ein geflutetes Tagebaurestloch bei Luckau. Wiederaufsteigendes Grundwasser spült aus den umliegenden Kippenflächen Eisen und Sulfate in das Wasser. Auch der See ist Teil des Sofortprogramms. Er wird seit einem Monat bekalkt. Bis zu 100 Tonnen pro Tag bringt ein Spezialschiff auf das Wasser.

Laut Uwe Steinhuber handelt es sich hier vor allem um Brandkalk, also Kalksteinmehl, das ins Wasser eingebracht wird - eine Methode, um das Eisen im See auszufällen. "Es wird sich gefahrlos auf dem Grund ablegen, dort immobil werden", erklärt Steinhuber. "Langfristig wird dieser See damit eine bessere Qualität erreichen. Aber es ist ein langer Weg."

Bis Mitte nächsten Jahres soll das Sanierungsschiff unterwegs sein. Der See ist in dieser Zeit gesperrt. 20 Kilometer entfernt ist bei Vetschau eine Sofortmaßnahme bereits abgeschlossen. Die LMBV hat eine Grubenwasserreinigungsanlage aus DDR-Zeiten reaktiviert. Dort verliert das Mühlenfließ beim Durchlaufen einen Großteil seines Eisengehaltes. Die Anlage soll nun ausgebaut werden.

"Wir sind dort dabei, das 'weiteraufzumöbeln' im Sinne eines zweiten Bauabschnittes, wo man gerade, wenn im Herbst und Winter wieder stärkere Eisenmengen kommen, im nächsten Jahr Bekalkungsmittel dazugeben kann", sagt Uwe Steinhuber. Dies geschehe über eine Dosieranlage, für die bereits erste bauliche Vorbereitungen getroffen werden. Die Genehmigungen liegen laut Steinhuber zumindest vor.

Wolfgang Jahn vom Aktionsbündnis "Klare Spree" an der kleinen Spree bei Spreewitz (Bild: Dirk Schneider, rbb)
Wolfgang Jahn vom Aktionsbündnis "Klare Spree".

Verockerung macht nicht an Landesgrenzen halt

Insgesamt sind sechs der zehn Sofortmaßnahmen angelaufen, alle im nördlichen Spreeraum der Lausitz. Die Projekte in Sachsen sind noch in der Planungs- und Genehmigungphase. Deshalb sieht südlich der Talsperre Spremberg das Wasser in der Spree und ihren Zuflüssen auch nach wie vor braun aus.

Wolfgang Jahn vom Aktionsbündnis "Klare Spree" stört aber nicht nur die Farbe, wenn er in Spreewitz auf die Kleine Spree schaut: "Sie ist nicht nur braun, sondern man sieht auch, dass die ganze Flußgliederung mit einem braunen Belag zugespült ist. Hier ist kaum noch Leben in dem Wasser. Diese braune Brühe bewegt sich jetzt so langsam in die Hauptspree, wo es ja auch Eisenhydroxidfrachten gibt, die sich auf Spremberg zuwälzen."

Das Aktionsbündnis "Klare Spree" hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Brandenburg ein Sofortprogramm gegen die Verockerung aufgelegt hat. Doch in Spremberg merkt davon nichts, weil in Sachsen noch keine Maßnahmen begonnen haben. Die Eisenfracht aus alten Tagebauen wird dort weiter ungehindert in die Flüsse eingespült.

"Da ist viel Arbeit, auch für uns als Aktionsbündnis, aber auch von vielen anderen", sagt Wolfgang Jahn. "Wir wollen es nicht gegen jemand tun, sondern gemeinsam mit LMBV zusammen, gemeinsam mit der Landesregierung in Brandenburg und wenn es uns gelingt, auch gemeinsam mit der Landesregierung in Sachsen. Steter Tropfen hilft da auch. Wir lassen in der Initiative jedenfalls nicht nach."

Zu den Plänen auf sächsischer Seite gehören die Reaktivierung der Grubenwasserreiningungsanlage Burgneudorf und der Bau eines Ringes aus Tiefbrunnen, der die Eisenteilchen im Wasser auffangen soll. Außerdem wird am Wehr Ruhlmühle der unterirdische Einsatz von Kalk gestestet. Spürbar sichtbare Veränderungen erwartet Jahn von diesen ersten Projekten aber noch nicht: "Jetzt sind Maßnahmen avisiert, die 2014 beginnen sollen. Allerdings wissen wir, dass dies Maßnahmen höchstens 10 bis 13 Prozent der Eisenhydroxidfrachten zurückhalten werden. Das heißt also bei weiter steigender Tendenz der Einträge wird sich für Spremberg kaum etwas ändern."

Pragmatische Lösungen

Ob die Arbeiten wirklich 2014 beginnen, steht noch nicht einmal fest. Es hängt vor allem vom Tempo der sächsischen Genehmigungsbehörden ab. Die sind gerade dabei, zueinander finden.

 Im Unterschied dazu arbeiten in Brandenburg Behörden, Kommunen, Aktionsbündnis und auch Anwohner bereits zusammen. Klaus Freytag, der Präsident des Landesbergamtes koordiniert im Auftrag der Landesregierung alle Maßnahmen im Kampf gegen die braune Spree. Lösungsorientiert und pragmatisch will er vorgehen. Denn die Dimension der Aufgabe ist unglaublich groß, sagt er mit Blick auf eine Landkarte, die er auf seinem Schreibtisch ausrollt. "Die Region südlich des Spreewaldes, die wir hier in Bearbeitung haben, ist ein Schwamm, der so groß ist wie anderthalb Mal Berlin - ein enorm großer Bereich. Dieser Bereich ist über 40, 50 Jahre durch den Bergbau einmal umgekehrt worden und so sieht man, welche riesige Maßnahme vor uns liegt."

Fährmann steuert Kahn auf braunem Spreewaldfließ in Ragow (Bild: dpa)
So sah es Anfang des Jahres aus: Roter Schlamm in einem Fließ im Spreewald.

Das Bergamt beschäftigt mittlerweile einen ganzen Stab zusätzlicher Gutachter. Noch sind viele Fragen ungeklärt. Zum Beispiel, was mit dem ausgebaggerten Eisenschlamm aus den Fließen oder der Talsperre Spremberg gemacht werden kann. Deponieren komme schon aus Kostengründen nicht als einzige Lösung in Frage, so Bergamtpräsident Freytag: "Wir können die Leute dort nicht mit den 70, 80, 90 Euro pro Tonne ausgebaggerten Gut belasten. Das bringt viele Sprewälder an den Rand des Ruins. Hier müssen wir einfache Lausitztypische, brandenburgische Lösungen finden, die bezahlbar sind, auch für die einfachen Menschen, die ja in den Fließen auch immer ihren Anteil mit leisten müssen."

Freytag setzt bei der Lösung solcher Fragen auf das Know How der Wissenschaftler der Brandenburgisch-Technischen Universität Cottbus-Senftenberg: "Wir suchen nach vielen zukunftsweisenden Aufgaben für unsere neue Hochschullandschaft im Süden Brandenburgs "Cottbus Senftenberg". Ich denke ein besseres Betätigungsfeld vor der Haustür, das sogenannte Reallabor, bietet hier auch im Bereich Verwertung von Baggergut, von Eisenschlamm ganz tolle Möglichkeiten."

Nur eins wissen die Experten schon heute genau: Die dauerhafte Lösung des Problems wird noch lange dauern. Mindestens 60, vielleicht aber auch 100 Jahre.

Beitrag von Dirk Schneider

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