- Semesterstart - Wie viel Studium brauchen wir?
In der Hauptstadtregion gibt es etwa 115.000 Studenten, die einen Hochschulabschluss anstreben. Immer mehr junge Leute machen Abitur, studieren und streben einen Hochschulabschluss an. Doch wie viele Akademiker brauchen wir eigentlich?
Am Montag beginnt an den Universitäten in Berlin und Brandenburg das neue Wintersemester. In der Hauptstadtregion gibt es etwa 115.000 Studenten, die einen Hochschulabschluss anstreben. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie und ehemalige SPD-Kulturstaatssekretär Julian Nida-Rümelin meint, dass zu viele junge Menschen studieren und zu wenige eine Ausbildung machen. Er spricht von "Akademisierungswahn" - ein Phänomen, das seiner Ansicht nach gestoppt werden sollte.

Es gehe ihm allerdings weniger darum, dass es zuviele Studenten gebe, so Nida-Rümelin, sondern eher zu wenige junge Menschen, die eine Ausbildung im Betrieb und Berufsschulen anstreben. Sollte dieser Trend anhalten, könnte es in einigen Jahrzehnten Probleme geben, den Industriestandort Deutschland aufrecht zu erhalten, "weil es dann eben zu wenig Schlosser, zu wenig Mechatroniker oder Menschen in den sozialen Diensten - also zu wenig nicht-akademische Fachkräfte - gibt."
Abitur-Quote hat sich verdoppelt
Die Abiturquote liege mittlerweile bei knapp 50 Prozent eines Jahrgangs und habe sich damit in den letzten 12 oder 13 Jahren nahezu verdoppelt, sagte Nida-Rümelin der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Bald laufen die Studenten den Azubis den Rang ab. Das finde ich falsch."
Die hochwertige Berufsausbildung im dualen System funktioniere nur, "wenn die Mehrzahl eines Jahrgangs weiter in die berufliche Lehre geht, nicht eine kleine Minderheit". Und: "Es gibt unterschiedliche Talente und Interessen. Nicht jeder muss Lust darauf haben, komplizierte Texte zu lesen oder aus dem Lateinischen zu übersetzen. Und das ist doch auch nicht schlimm."
Fachkräfte unterhalb der akademischen Ebene fehlen
Für seine Äußerungen erntete Nida-Rümelin Widerspruch von Bildungsexperten. Deutschland benötige mehr Studenten, vor allem mehr erfolgreiche Hochschulabsolventen. Arbeitsplätze entstünden vor allem in wissensintensiven Branchen wie etwa der Medizintechnik oder der Softwareentwicklung, so die Argumentation.
Nida-Rümelin hält dagegen, dass in Deutschland auch nach wie vor das KfZ-Gewerbe sehr stark sei, ebenso Branchen wie Chemie oder biologischen Technologien. Das seien zwar alles Bereiche, die auch Akademiker brauchen, daneben aber eben auch Fachkräfte unterhalb der akademischen Ebene. "Wenn wir die so ausdünnen, wie das sich gegenwärtig abzeichnet," so die klare Aussage von Nida-Rümelin, "dann werden wir uns umschauen."




