Ursachenforschung zu häufigen Staus - Staufalle Stadtring
Der Berliner Stadtring gehört zu den meist befahrenen Autobahnen Europas. Es kommt dort häufig zu Unfällen - und die sorgen dann oft für kilometerlange Staus. Daran hat sich trotz moderner Leittechnik in den vergangenen Jahren nichts geändert. Die Ursachen dafür sind nicht nur die vielen Baustellen, es ist auch ein Systemproblem. Von Markus Streim
Vor vier Wochen war es mal wieder soweit: Gleich zu Beginn des Berufsverkehrs kracht es. Ein PKW fährt an einem Dienstag Ende September an der Auffahrt Halensee viel zu schnell auf den Berliner Stadtring und löst einen Mega-Stau aus. Rettungsfahrzeuge bahnen sich den Weg zur Unfallstelle, die Autobahn wird gesperrt. Die Folge: stundenlanges Verkehrschaos.
Nicht immer sind die Unfallfolgen so extrem - doch Staus auf der A100 gibt es inzwischen fast zu jeder Tageszeit. Oft ausgelöst durch einen kleinen Auffahrunfall, einen liegen gebliebenen LKW, die ausgelöste Tunnel-Höhenkontrolle, Wartungsarbeiten, Schlaglochbeseitigung, Feuerwehreinsatz, Staatsbesuch, und so weiter.
Ganz ohne Behinderungen kommt man auf dem Stadtring heute eigentlich gar nicht mehr ans Ziel. Und dennoch ist am nächsten Tag anscheinend alles wieder vergessen.
Verkehr hat zugenommen
Wie entstehen die Staus? Ursachenforschung auf der Stadtautobahn - im blau-weißen Mercedes der Autobahnpolizei. Vier solcher Fahrzeuge überwachen gleichzeitig rund um die Uhr die Berliner Autobahnen. Insgesamt 80 Kilometer. Es ist Mittag, die morgendlichen Pendler sind schon durch, auf der A100 dominieren jetzt die LKW und Kleintransporter.
Der Güterverkehr hat extrem zugenommen. Seit der Fertigstellung der A113 wird Berlin zur Durchfahrt genutzt, von der A113 aus Dresden kommend Richtung Norden. Wird bei zu hoher Beladung die Höhenkontrolle vor den Tunneln ausgelöst, dann wird erst einmal vorsorglich gesperrt.

Einfache Auffahrunfälle sorgen oft für große Staus
Solche Routineeinsätze erlebt die Autobahnpolizei regelmäßig, beispielsweise bei Auffahrunfällen auf der linken Spur. Da wüssten Autofahrer meist nicht, wie sie sich richtig verhalten, erklärt Nikolas Ohlsen: "Sie sichern weder ihre Unfallstelle ab, und sie bleiben, was noch viel gefährlicher ist, wegen eines Bagatellschadens mitten auf der Autobahn stehen."
Da die Autobahnpolizei nur für Absicherung zuständig ist, muss für die Aufnahme des Unfalls zusätzlich noch ein Streifenwagen kommen. Schnell sind gleich zwei Spuren gesperrt. Der Stau wird länger, und das häufig nur wegen ein paar Schrammen oder einer Beule. Dabei ließen sich laut ADAC viele solcher Probleme auch an der nächsten Ausfahrt regeln.
Gründe für Staus sind meist Unfälle und Baustellen
Oft ist der Schaden aber größer, und dann müssen neben Polizei noch Feuerwehr und Abschleppwagen anrücken - und der Verkehr kommt ganz zum Erliegen.
2012 registrierte die Polizei allein auf den Berliner Autobahnen 2.500 Unfälle. In den Jahren davor war die Zahl immer weiter angestiegen. Hauptgründe sind Achtlosigkeit beim Spurwechsel und ein zu geringer Abstand.
Doch ADAC-Sprecher Jörg Becker sieht noch weitere Ursachen für die Staus, etwa "die Vielzahl der Maßnahmen in der Stadt, große Bautätigkeiten, Protokollfahrten durch Staatsbesuche." Deshalb müssten die technischen Möglichkeiten optimiert werden, damit man im Notfall sofort auf Ausweichstrecken umschalten könne.
Verkehrslenkung bei großem Unfall auch machtlos
Genau für dieses Umschalten ist seit fünf Jahren die Verkehrslenkung zuständig. Die Schaltzentrale befindet sich im Gebäude des stillgelegten Flughafens Tempelhof. 36 Bildschirme zeigen die Videos der Autobahn-Überwachungskameras. In Absprache mit der Polizei kann die Zentrale in alle Leitsysteme der Autobahnen eingreifen, also Tempolimits reduzieren sowie Spuren- und Tunneleinfahrten sperren.

Doch trotz der modernen Technik ist man bei einem Unfall wie dem von Ende September oft machtlos. Damals wurde der komplette Verkehr von der Autobahn herunter über die Stadt umgeleitet, Ampelphasen wurden angepasst und die Staumelder mit Informationen versorgt.
Doch es half alles nichts. Die Tagesbilanz in der rbb-Abendschau: "Fast sieben Stunden lang war die Stadtautobahn in Richtung Neukölln dicht. Wer sonst 20 Minuten braucht, benötigte mindestens eine Stunde oder auch zwei. Auch die umliegenden Straßen waren völlig verstopft."
Kein Plan B in Berlin
Am Dreieck Funkturm gebe es viele Auffahrunfälle, sagt Jörg Becker vom ADAC. Die Verkehrssicherheit müsse dort dringend erhöht werden. So entsprächen etwa die kurzen Einfädelungsspuren weder heutigen Standards noch dem Verkehrsaufkommen.
Außerdem bräuchte es bessere Ausweichmöglichkeiten. Doch diesen Plan B gibt es in Berlin nicht. Die Innenstadt ist bereits genug belastet.
Da ein Ausbau der Autobahn-Engpässe in Berlin nicht zur Debatte steht, bleibt eigentlich nur eine Lösung: Der Verkehr darf nicht weiter zunehmen - besser noch sollte er reduziert werden.

Mehr "Park-and-Ride"-Parkplätze notwendig
Das fordert sogar der ADAC. Jörg Becker vermisst ein funktionierendes "Park-and-Ride"-System, wie es anderswo, beispielsweise in München, längst installiert sei. "Aber so lange wir auf der AVUS 25.000 Auto-Pendler täglich haben, aber im Gegenzug nur 400 Park- and-Ride-Plätze anbieten, können wir nicht erwarten, dass die Leute auf den öffentlichen Nahverkehr umsteigen", meint Jörg Becker.
Die Staus auf den Berliner Autobahnen werden auf absehbare Zeit also nicht verschwinden. Bleibt nur der Trost, dass in anderen Großstädten alles noch viel schlimmer ist. Und ganz selten, zu bestimmten Zeiten am Wochenende oder an Feiertagen, gibt es ja sogar Meldungen wie diese: "Im Berliner Stadtgebiet rollt der Verkehr zur Zeit flüssig und auch von den Autobahnen werden aktuell keine Staus gemeldet. Wir wünschen Ihnen eine gute Fahrt."




