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Video: Julia Rehkopf | Inforadio | 28.11.2013

Alter Friedhof der Heilstätten - Hoffnung für die vergessenen Toten von Wittenau

Auf dem Anstaltsfriedhof der ehemaligen Wittenauer Heilstätten liegen Menschen begraben, die unter den Nationalsozialisten als "lebensunwert" bezeichnet wurden. Über die Gräber wächst schon seit langer Zeit Gras, der Bezirk hatte schon Bebauungspläne in der Tasche. Doch Angehörige wie Paul Gidius haben nun wieder Hoffnung, dass ihre Verwandten nicht vergessen werden. Von Dominik Lenz

Ein kalter Novembertag in Reinickendorf, die Sonne steht schon tief. Paul Gidius ist aus Mannheim angereist und betritt ganz vorsichtig den Ort, an dem seine Mutter vor fast siebzig Jahren beerdigt wurde. Lange war er nicht mehr hier. An seiner Seite ist seine Frau, seine Stütze - wie Paul Gidius sagt – auch im wahrsten Sinne des Wortes. Nach einem Schlaganfall ist er nicht gut zu Fuß. Links stützt er sich auf eine Krücke, rechts hält ihn seine Frau. Mit dabei auch die Pastorin Irmela Orland, die seit zwanzig Jahren gegen das Vergessen des Friedhofs kämpft. Durch sie hat Paul Gidius erstmals den Totenschein seiner Mutter in Händen gehalten. Heute fällt es ihm schwer, sich zu orientieren. Er sucht die die Reste des alten Anstalts-Friedhof. In seiner Erinnerung und auf alten Fotos markiert Efeu die alten Massengräber.

Die Mutter verschwindet an Pauls Geburtstag

Der Friedhof gehörte einst zu den Wittenauer Heilstätten, später Karl-Bonhoeffer Nervenklinik. Berlins erste Pflegeanstalt für psychisch Kranke war bei ihrer Gründung 1880 eine fortschrittliche Einrichtung. Doch unter den Nationalsozialisten galten die Patienten als unwert zu leben: Behinderte, psychisch Kranke, aber auch Kriminelle und Alkoholiker. Oder einfach Menschen wie Else Gidius, Mutter von vier Kindern. Paul Gidius erinnert sich noch genau an den schlimmen Tag 1945 im Siedlungshaus der Familie in Malchow, der Krieg war gut wie verloren und die Stadt lag unter schwerem Beschuss. Seine Mutter lag schluchzend im Bett, als der Junge aus der Schule nach Hause kommt. Der Vater ist gefallen. Das stellt sich später als falsch heraus, doch Else Gidius bricht zusammen. Am nächsten Tag ist die Mutter verschwunden. Zwei Nachbarinnen, Mitglieder der NS-Frauenschaft haben dafür gesorgt, dass sie nach Wittenau kommt, wie Paul Gidius erzählt. "Zufällig war das auch noch mein Geburtstag, der 26. März, da hieß es: sie ist weg, im Krankenhaus." Die Kinder wissen zunächst nicht wo, sie suchen die Mutter und finden sie in den Heilstätten – ein schlimmer Anblick für die drei Brüder. Die vergitterten Fenstern, die blutigen Hände der Mutter, die kurzgeschnittenen Fingernägel, diese Bilder verfolgen Paul Gidius bis heute und bringen ihn immer noch zum Weinen. Die Mutter fleht, dass die Kinder sie nach Hause bringen sollen. Der Älteste ist 14. Undenkbar, dass er sie an den Wärtern vorbei schleust.

Eine Efeu umrankte Mauer im ehemaligen Anstaltsfriedhof der Wittenauer Heilstätten - Foto: rbb Inforadio/Julia Rehkopf
Völlig zugewachsen: Die frühere Mauer der Wittenauer Anstalten.

Offizielle Todesursache: Fortschreitende Lähmung

Else Gidius stirbt am 18. April 1945 - keine vier Wochen nach ihrer Einlieferung. Während des Krieges sind die Wittenauer Heilstätten die einzige Berliner Einrichtung für psychisch Kranke. Das Haus ist völlig überfüllt, es gibt kaum zu essen. Die Patienten werden zwangssterilisiert und dienen als lebendes Forschungsmaterial. Niemand bleibt lange hier. Sie werden nach Osten ins Gas geschickt oder sterben elend in den Heilstätten. In den Akten finden sich die immer gleichen angeblichen Todesursachen: Herzversagen oder Lungenentzündung. Die Todesursache, auf dem Totenschein der Mutter, geht Paul Gidius schwer über die Lippen. Seine Frau, selbst Ärztin, souffliert: "Progredierende Paralyse, das heißt fortschreitende Lähmung". Für Paul Gidius ist klar, seine Mutter daran nicht gestorben ist.

Mittlerweile ist er an dem Ort angelangt, an dem er seine Mutter vermutet. Reihe 18, Grab 381, diese Zahl hat er sich gemerkt. Ein Angestellter des Friedhofs hat den Kindern damals gesagt, dass die Mutter hier mit anderen Toten verscharrt wurde. Dieser Mann erzählte auch eine andere Version vom Tod der Mutter, er berichtete, dass viele Patienten der Heilstätten eine Spritze bekamen, alles sei drunter und drüber gegangen.

"Da lagen die Leichen gestapelt"

Paul Gidius erinnert sich, dass kurz hinter der Friedhofsmauer ein Häuschen stand. Dort lagen die Toten in den chaotischen Tagen kurz vor Kriegsende: Klinik-Patienten, Gefallene, aber auch Zwangsarbeiter, so wurde es den Kindern damals erzählt. "Da lagen die Leichen gestapelt und haben schon gerochen, weil sie nicht nachkamen mit dem Beerdigen."

An der Stelle, an der Paul Gidius das Grab der Mutter vermutet, steht ein Baum mit mächtigen Auswüchsen, so hat er sich den Ort gemerkt, denn ein Name stand nie auf dem Grab. Paul Gidius hält alte Fotos vom Grab der Mutter in der Hand. Heute gibt es kein Kreuz, keinen Erdhügel mehr. Hier nicht und nirgendwo.  Er würde die Mutter noch heute gerne umbetten.

Doch das Friedhofsbuch ist verschwunden, wie so vieles, was den Friedhof angeht. Längst ist er entwidmet, die Gräber eingeebnet. Vor 20 Jahren wurden 39 Tote offiziell umgebettet. Aber die Umgebetteten waren Gefallene des Volkssturms, versehentlich war auch der Klinikleiter, einer der Hauptverantwortlichen für Menschenverachtung und Menschenversuche in den Heilstätten dabei. Nicht ein Klinik-Opfer wurde umgebettet. Unverständlich für Paul Gidius, der Angst hat, dass der Friedhof, der heute dem Vivantes-Klinikum gehört, als Bauland verscherbelt werden könnte. Mindestens ein Gedenkstein gehört hierher, findet Gidius.

Ein Runder Tisch soll die Erinnerung sichern

Wenn er redet, klingt der ganze Schmerz des kleinen Paul durch, der mit zehn Jahren die Mutter in den Wittenauer Heilstätten verlor. "Es ist schon ein paar Jahre her, da war ich ziemlich verzweifelt. War es, weil ich die Stelle auf dem Friedhof nicht gefunden hatte? Da kam ein Windhauch und ein Ast streichelte mir über den Kopf, da dachte ich, das ist ein Zeichen von ihr."

Die finstere Geschichte der Wittenauer Heilstätten wurde lange vertuscht. Heute gibt es dort eine eindrucksvolle Ausstellung zu Euthanasie und Menschenversuchen in Wittenau. In der so genannten Kinderfachabteilung der Klinik hat vor kurzem ein Geschichtslabor zur eröffnet und auch beim Friedhof scheint nun etwas zu geschehen: Der Bezirk berät an einem Runden Tisch, wie der Anstalts-Friedhof aus dem Vergessen geholt werden kann.

Beitrag von Dominik Lenz