Illustration: Zaun am Platz des 18. März im Tiergarten (Quelle: Bezirksamt Mitte)

Streit um Festmeilen-Sicherung - Der Zaun des Anstoßes

Kurz vor dem nächsten Großereignis im Berliner Tiergarten - der Silvester-Partymeile – wirbt Mittes Baustadtrat Carsten Spallek (CDU) noch einmal eindringlich für eine permanente Einzäunung des Parks. Absperrgitter seien nicht sicher genug, sagt Spallek.  Der Senat hält sich weiterhin auffällig zurück. Von Andrea Marshall

Panik will er ausdrücklich nicht verbreiten. Aber bei dem Gedanken an die Love-Parade-Katastrophe von Duisburg mit 21 Toten (2010) oder den Anschlag auf Marathonlauf in Boston im April (drei Tote) wird es Carsten Spallek hörbar mulmig.

Carsten Spallek (CDU), Baustadtrat von Berlin-Mitte
Mittes Bezirksbaustadtrat Spallek mahnt zur Eile.

Der CDU-Politiker ist Baustadtrat in Mitte – dem Bezirk, in dem Berlins Großveranstaltungen wie die Fußball-Fanmeilen, große Teile des Berlin-Marathons oder jetzt eben die Silvester-Open-Air-Party stattfinden. Und Spalleks Tiefbauamt ist zuständig für die Genehmigung des Sicherheitskonzepts der Veranstalter.

"Wir haben eine Verpflichtung gegenüber jedem einzelnen Besucher: Wir sorgen für Sicherheit", sagt Spallek. Und nicht nur das: Sollte etwas schief gehen, sehen sich der Stadtrat und sein Tiefbauamtsleiter Harald Büttner persönlich in der Verantwortung - bis hin zur persönlichen Haftung.

Fanmeile zur WM 2010 (c) dpa
Die nächste Fußball-WM-Fanmeile startet im Juni - soll bis dahin ein Zaun stehen, wird die Zeit knapp.

Zu wenig Kontrolle mit bisheriger Absperrung

Bisher werden Großveranstaltungen im Tiergarten mit leichten Stahlbau-Elementen abgesperrt. Die hält Spallek für "nicht mehr zeitgemäß". Es habe mehrmals Durchbrüche gegeben, unter anderem beim SPD-Fest zum 150. Gründungsjubiläum. Lückenlose Kontrollen seien damit unmöglich. Außerdem verletzten sich immer wieder Feiernde an umgefallenen Absperrgittern. Und der Auf- und Abbau belaste den Park wie den Straßenverkehr.

Ohnehin müsse spätestens bis 2015 ein stabilerer Zaun her, argumentiert Spallek. Denn dann sei Berlin Ausrichter der Frauen-Fußball-WM und des Champions-League-Finales.  Für diese internationalen Turniere gelten die strengeren Sicherheitsanforderungen der Fußballverbände.

Der Zaun könnte allerdings auch zur Fußball-WM im nächsten Juni stehen. Dafür allerdings dürfte die Zeit knapp werden.

Skizze eines möglichen dauerhaften Zauns um den Großen Tiergarten (Quelle: Bezirksamt Berlin-Mitte)
So könnte ein dauerhafter Zaun um den Großen Tiergarten aussehen.

Auch Polizei und Feuerwehr für neue Sicherung

Unterstützung bekommt der Baustadtrat von einem selbst beauftragten Gutachten, an dem auch der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung  mitgewirkt hat, sowie von der Senatsinnenverwaltung.  Deren Staatssekretär Bernd Krömer (CDU) schreibt in einer Stellungnahme: "Bauzäune können relativ schnell aus ihrem Sockel gehoben, umgestoßen, eingerissen … oder mit Werkzeugen geöffnet werden. Im Fall einer Panik bieten sie keinen hinreichenden Widerstand. Umgestürzte Elemente stellen erhebliche Gefahren für … fliehende Menschen dar."

Arbeiter stellen am Berliner Tiergarten Bauzäune auf (dpa-Archivbild)

Kurzum: Derartige Zäune entsprächen nicht "den Anforderungen einer sicheren Durchführung von Großveranstaltungen".

Auch die Berliner Polizei und die Feuerwehr hätten sich dafür ausgesprochen, den Tiergarten mit einer festen Umzäunung zu sichern, schreibt der Staatssekretär.

Fester Zaun, flexible Öffnungen

Doch wie soll eine "feste Umzäunung" aussehen? Spallek und die Gutachter werben für eine permanente Lösung: ein fest im Boden einbetonierter Zaun aus Metallstreben von ca 2,40 Metern Höhe, der das ganze Jahr über im Tiergarten stehen bleibt, möglicherweise im historischen Design. Ein solcher Zaun sollte 4,2 Kilometer weit um die Straße des 17. Juni herum verlaufen, denn im Fall einer Panik müssten die Menschen weit in den Tiergarten laufen können. An den Stellen, wo Wege aus dem Park herausführen, sind Tore vorgesehen.

Bei  "Gefährdungslagen" könnte der Zaun dann flexibel geöffnet werden, heißt es in einem Schreiben des Bezirksamts. Verletzungsgefahren würden auf diese Weise minimiert. Auf- und Abbau fielen weg.

Bis zu 3,5 Millionen Euro würde ein solcher Zaun kosten. Den Löwenanteil dürfte aber die EU übernehmen - Berlin müsste voraussichtlich nur zehn Prozent der Summe ko-finanzieren: 350.000 Euro.

Fahrradfahrer fährt bei Sonnenschein durch den herbstlichen Tiergarten, Quelle: imago
Der Tiergarten soll auch Ruhe und Erholung bieten.

Partyzone oder Erholungspark?

Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) hält jedoch wenig von einer Einzäunung des Tiergartens. Man habe jahrzehntelang gut ohne einen Zaun gelebt, sagte Müller im Mai im Abgeordnetenhaus und sprach von Gesamtinvestitionen von 40 Millionen Euro.  

Müller möchte verhindern, dass die Straße des 17. Juni zur dauerhaften Festmeile mit "erheblichen Beeinträchtigungen" für den Park und den Verkehr wird. Der Tiergarten habe schließlich eine Erholungsfunktion für die Berliner, so der Senator.

Wieder andere sagen, es reiche ein neuer mobiler Zaun für die Dauer der Freiluftsaison von April bis November. Mobile oder gar versenkbare Zäune sind laut Gutachten aber teurer als dauerhafte (siehe Kasten).

Michael Müller (SPD), Stadtentwicklungssenator von Berlin (Bild: dpa)
Senator Müller (SPD) sieht die Pläne von Stadtrat Spallek (CDU) kritisch.

Antrag vor einem Jahr gestellt

Der Antrag für die "Ertüchtigung" der Festmeile liegt jedenfalls laut Bezirk seit fast einem Jahr in Müllers Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Neben dem möglichen Tiergarten-Zaun geht es in dem Antrag auch um feste Strom-, Notstrom- und Wasseranschlüsse für künftige "Premium"-Fanmeilen und andere Großveranstaltungen.

Petra Roland, Sprecherin der Senatsverwaltung, sagt, dass der Antrag monatelang nicht geprüft werden konnte, weil Unterlagen fehlten. Bezirksstadtrat Spallek bestreitet das. Senator Müller habe persönlich mit einer Aktennotiz dafür gesorgt, dass die Prüfung ausgesetzt werden soll, heißt es im Bezirksamt.

Die Senatsverwaltung weist wiederum darauf hin, dass sich der Bezirk nicht eindeutig positioniert habe. "Will man einen festen Zaun, oder will man ihn nicht? Von Bezirksbürgermeister Hanke haben wir nichts gehört", sagt Sprecherin Petra Roland. In der Tat – Christian Hanke (SPD) schweigt. Gegenüber rbb online verweist er auf die Zuständigkeit seines Baustadtrats Spallek. Das Parlament des Bezirks hat sich wiederum gegen einen festen Zaun ausgesprochen.

Sportler beim 39. Berlin-Marathon (Bild: dpa).

Kein Berlin-Marathon mehr?

Inzwischen hat der Baustadtrat weitere Unterlagen eingereicht – die Stadtentwicklungsverwaltung prüft jetzt.  Wann mit einem Ergebnis zu rechnen ist, wollte die Sprecherin nicht sagen. In Mitte hoffen einige, dass noch rechtzeitig für die Fanmeile zur Fußball-WM im Juni und Juli "ertüchtigt" werden kann.

Kommt der stabile Zaun allerdings nicht, müsse Berlin in Zukunft auf so manche Großveranstaltung verzichten, warnt Baustadtrat Spallek. Zum Beispiel auf den Berlin-Marathon. Denn dann müssten die Veranstalter selbst in bessere Sicherheitsmaßnahmen investieren. Viele wären finanziell überfordert. "Oder die Polizei sichert das Gelände mit einer Personenkette", sinniert Spallek. Damit sei aber wegen der Personalknappheit nicht zu rechnen.

Eine "lebendige Einzäunung" aus Polizeibeamten dürfte wohl auch nicht die nötige Standfestigkeit haben. Bei aller Ehre.

Überlegungen für Zaun um Tiergarten (Quelle: rbb)
  • Der feste Zaun

  • Der mobile Zaun

  • Der Bauzaun

Beitrag von Andrea Marshall

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