
Diskussion um Ehrenbürger aus Lychen - Eine Frau kämpft um das Andenken ihrer Familie
Jahrelang hatte sich Lychen (Uckermark) wenig mit seiner Vergangenheit beschäftigt, bis die Zeit der Nationalsozialisten plötzlich auf der Tagesordnung der Stadtverordnetenversammlung stand. Am Montag hat das Kommunalparlament einstimmig entschieden, dem jüdischen Stifter und Mäzen Siegmund Cohrs seine Ehrenbürgerwürde zurückzugeben. Angestoßen hat die Debatte seine Großnichte Hilde Singer. Inforadio-Redakteurin Martina Schrey hatte die 102-Jährige vorab in den USA getroffen.
Kennengelernt habe ich die zierliche Frau, die maßgeblich dafür gesorgt hat, dass die Lychener aufgewacht sind, im Sommer 2013 in New York. Die Jüdin Hilde Singer wurde 1911 in Berlin als Hilde Tradelius geboren und wuchs dort im Bayerischen Viertel auf, einer Gegend, die man damals auch die "jüdische Schweiz" nannte. Dort lebten viele Kaufleute, Anwälte und Ärzte jüdischen Glaubens – und fast Hildes gesamte Familie.

Die junge Hilde besuchte die Chamisso-Schule am Barbarossaplatz. Ihre Eltern, Siegried und Alice Tradelius, hatten ein Textilgeschäft und gehörten der jüdischen Reformgemeinde an. In einer Jugendgruppe lernte Hilde ihren späteren Mann Kurt Singer kennen, zur Hochzeit schenkten ihre Eltern ihnen einen Buchladen. Das war 1932. Kurz darauf endete, was Hilde Singer noch heute, über achtzig Jahre später, eine "schöne und glückliche Kindheit und Jugend" nennt.
Lieder von Brecht in Manhattan
Gemeinsam mit ihrem Mann floh die junge Frau 1935 aus Berlin. Die erste Station war Schweden, seit 1940 lebt sie nun in den USA. Zustande kam mein Kontakt zu ihr über meine deutsche Freundin Daniela Reinsch, die Hilde Singer das erste Mal in Manhattan bei einer Lesung über Juden in Berlin getroffen hatte. "Ich dachte damals: Wenn sie sich das anhört, dann hat sie vielleicht früher selbst einmal in Berlin gelebt", erzählte sie mir. Die beiden Frauen freundeten sich an. Bis dahin hatte Hilde Singer jahrzehntelang kein Deutsch gesprochen, selbst mit den eigenen Kindern nicht. Jetzt entdeckte sie ihre Muttersprache wieder. Und wenn Daniela Reinsch sie in ihrer Wohnung in Manhattan besucht, dann reden sie nicht nur über die Vergangenheit – manchmal singen sie auch, am liebsten Lieder von Bertolt Brecht.
Bei meinem Besuch erzählte Hilde Singer mir vom Berliner Zoo, in den sie mit ihren Eltern immer gegangen war und von dem Buchladen, in dessen Keller sie gemeinsam mit ihrem Mann Flugblätter gegen die Nazis druckte. Sie wurden verraten, ihr Mann konnte fliehen – doch Hilde musste wegen Beihilfe zum Hochverrat für ein Jahr ins Gefängnis: "Wenn man durch die Gitter sah, dann konnte man Karstadt sehen, und oben auf dem Dach war so eine goldene Figur. Deshalb haben wir das immer 'Hotel zum goldenen Gott' genannt", schilderte sie die Zeit in ihrer Zelle – und lachte dabei.
Ein Stolperstein für Hildes Mutter
Überhaupt lacht Hilde Singer viel, die weißhaarige Frau nutzt jede Gelegenheit für einen Witz – doch als unser Gespräch auf ihre Mutter kam, ging ein Schatten über ihr Gesicht. "Sie hat sich im Gefängnis umgebracht. Mein Vater konnte fliehen. Ich weiß bis heute nicht, was damals genau geschehen ist." Nur ein Foto von ihrer Mutter konnte Hilde auf ihrer Flucht retten, aufgenommen in den 1920er Jahren auf dem Balkon der elterlichen Wohnung in der Jenaer Str. 21 in Berlin. Heute hängt es in Hilde Singers Wohnzimmer. "Das ist alles, was mir von ihr geblieben ist", erzählte sie mir damals. Und wurde ganz wach, als sie hörte, dass es in Deutschland Stolpersteine gibt, die an das Schicksal der ermordeten und vertriebenen Juden erinnern. "Einen Stolperstein für meine Mutter – das wünsche ich mir!"

Tatsächlich nahm sich die Wilmersdorfer Stolperstein-Initiative der Sache an, hat in alten Archiven geblättert, Polizeiberichte gelesen und Gerichtsakten studiert. So wurde klar, dass auch Hildes Eltern verraten und festgenommen wurden, denunziert von ihrem damaligen Dienstmädchen, weil sie angeblich Geld ins Ausland geschafft hatten. Alice Tradelius war den täglichen Verhören nicht mehr gewachsen und nahm sich in der Nacht zum 4. November 1938 das Leben. Durch die umfangreichen Recherchen der Initiative erfuhr Hilde Singer, dass fast ihre gesamte Familie von den Nazis ermordet worden war - auch die, von denen sie immer gehofft hatte, dass sie sich haben retten können.
Der Großonkel in Lychen
Und so hörte sie auch das erste Mal von dem Schicksal ihres Großonkels. Salomon Cohn war der älteste Bruder ihres Großvaters. Er hatte sich schon 1903 offiziell vom jüdischen Glauben abgewandt und in Siegmund Cohrs umbenannt - zu dieser Zeit ein typisch deutscher Name. Hilde Singer erinnert sich an Besuche mit ihren Eltern bei "Onkel Siegmund". "Beim Kommerzienrat mussten wir immer schön artig sein", erzählt sie in einem Video, das Daniela Reinsch vor ein paar Wochen mit ihr aufgenommen hat. Siegmund Cohrs war Fabrikant und engagierte sich als Vorstand der Kinderheilstätten Hohenlychen für die Versorgung tuberkulosekranker Kinder. Er gründete das Cohrs-Stift und wurde 1914 Ehrenbürger in Lychen. Noch heute sind in der uckermärkischen Stadt eine Straße und ein Kindergarten nach ihm benannt.
Siegmund Cohrs starb 1924. Im Schatten des als Kindereinrichtung, Jugendherberge und Versammlungshaus genutzten Cohrs-Stifts wurde eine Begräbnisstätte mit Säulen für ihn errichtet, so schrieb es Ende November die Journalistin Birgit Bruck im Uckermark-Kurier. Diese, so heißt es dort weiter, wurde von Templiner Nazis und Lychener Gesinnungsgenossen 1938 komplett verwüstet – für sie war Siegmund Cohrs immer ein Jude geblieben. 1939 wurde ihm posthum die Ehrenbürgerwürde aberkannt. Eine Entscheidung - und das empörte seine Großnichte Hilde Singer besonders - auch mehr als 70 Jahre später noch immer nicht rückgängig gemacht worden war.

Bewegung in der Uckermark
Dabei haben schon viele Leute versucht, Siegmund Cohrs Würde wiederherzustellen – darunter auch der Lychener Ortschronist Eberhard Kaulich und Birgit Bruck vom Uckermark-Kurier. Bislang ohne Erfolg. Womöglich war es den Lychenern nicht so wichtig, vielleicht beunruhigt es sie aber auch, dass es die eigenen Vorfahren gewesen sein könnten, die damals als Mob durch die Straßen zogen. Umso überraschter war Bruck, als im November plötzlich ihr Telefon klingelte - ein Anruf aus New York. Es war Daniela Reinsch, die sich im Auftrag von Hilde Singer an sie wandte: "Sie hat mich gebeten, alles in meiner Macht stehende dafür zu tun, dass ihm die Ehrenbürgerwürde zurückgegeben wird." Und tatsächlich hat sich nun etwas bewegt: Am Montag hat die Lychener Stadtverordnetenversammlung einstimmig dafür gestimmt, die Ehrenbürgerwürde von Siegmund Cohrs in vollem Umfang wiederherzustellen.
Möglicherweise wird es sogar einen Festakt geben, im nächsten Jahr. Dann ist es genau hundert Jahre her, dass Siegmund Cohrs zum ersten Mal Lychener Ehrenbürger wurde. Eines ist aber jetzt schon entschieden: 2014 werden vor der Jenaer Str. 21 in Berlin Stolpersteine verlegt. Für Hildes Eltern, Alice und Siegfried Tradelius.



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