Bunkeranlage "Fuchsbau": Lasteneingang Altbau (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)
Inforadio | 03.01.2014 | Thomas Rautenberg

Unterwelten in Berlin und Brandenburg - Durch acht Türen in den Untergrund

Zuerst SS-Nachrichtenzentrale in der Nazizeit, schließlich zentraler Gefechtsstand der DDR-Luftverteidigung: Der "Fuchsbau", ein Atombunker in den Rauener Bergen, war eine der größten - und geheimsten - Bunkeranlagen in Brandenburg, ganz in der Nähe des Kurortes Bad Saarow. Ein unterirdischer Rundgang von Thomas Rautenberg.

Hans-Joachim Pötzsch wartet auf mich am Haupteingang einer zweigeschossigen Mannschaftsunterkunft. Nichts deutet für mich daraufhin, dass sich in diesem Gebäude der Zugang zu einer der größten und vor allem geheimsten Bunkeranlagen in Brandenburg befindet.

Nach ein paar Schritten stehen wir vor einem spartanisch eingerichteten Raum. Hier erfolgte einst die Zugangskontrolle durch einen schwer bewaffneten Posten: "Und dieser Wachposten hat penibel abgehakt auf einer Liste das Betreten für den Tag. Wer nicht auf der Liste draufstand kam nicht in den Bunker."

Wie oft Pötzsch selbst auf der Liste gestanden hat, kann er heute nicht mehr sagen. "Ich bin ab März 1977 hier im Einsatz gewesen. Und wir haben diese Anlagen unter allen Lagebedingungen für friedliche und auch  möglicherweise für dann andere Zwecke gefahren."

Die Bunkerstollen in den Rauener Bergen stammen übrigens aus der Nazi-Zeit. Die SS hatte hier ihre Nachrichtenzentrale eingerichtet. Nach dem Krieg stand die Anlage lange leer bis sie dann Anfang der 60er Jahre erneut zum Hochsicherheitstrakt wurde. Erst zogen Einheiten des DDR-Katastrophenschutzes ein. Ab 1975 wurde der Bunker dann zum Zentralen Gefechtsstand der DDR-Luftstreitkräfte ausgebaut. Rund um die Uhr besetzt, mit einer Dauerleitung zum russischen Befehlsstand in Minsk.

Bunkeranlage "Fuchsbau": Hans-Joachim Pötzsch erklärt das Bunkersystem (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)
Hans-Joachim Pötzsch kennt sich im Bunker gut aus.

Niemand sollte die Anlage je wieder betreten

Hans-Joachim Pötzsch führt mich weiter, zum Hinterausgang des Gebäudes. Es geht leicht bergab in einen etwa 80 Meter langen Tunnel. Der Zugang zum eigentlichen Bunker ist so eng, dass ich unwillkürlich den Kopf einziehe. Dieser Teil des Stollens, erzählt er,  war im Jahr 1994, nach dem Abzug der Bundeswehr, mit Beton versiegelt worden, niemand sollte die still gelegte Anlage jemals wieder betreten.

Doch Pötzsch und seine Kollegen haben den Weg wieder freigelegt. Der Zugangsstollen macht einen scharfen Linksknick und endet an einer schweren, verrosteten Bunkertür: "Die ist deshalb so verrostet, weil sie komplett im Beton gestanden hat. Und auch in dem nächsten, kleinen Raum ist auch Beton hinein gefüllt worden. Deshalb ist auch hier im Altbau des Bunkers einiges verrottet. Dagegen sieht es im Neubau wie neu aus."

Nach der ersten Bunkertür folgen mehrere Schleusen - der einstige Gefechtsstand der NVA-Luftverteidigung konnte hermetisch gegen alle äußeren Einflüsse abgeriegelt werden. Der mannshohe Zugang mündet in ein Röhrensystem mit einem Durchmesser von etwa vier Metern. Unmittelbar hinter dem Eingang stehe ich in einem primitiven Speisesaal, mit einer Durchreiche zu einer großen Küche.

"Die Tagesdienste, die ihren ganz normalen Schichtalltag hatten, haben draußen gegessen. Aber die diensthabende Besatzung hatte eine Alarmierungszeit von drei Minuten", sagt Pötzsch. "Und es gab mehrfach in der Woche Alarm und es war immer ein echter Alarm, es war nie eine Übung. Wir sind im kalten Krieg. Das heißt, beide Systeme haben sich belauert!"

Bunker Fuchsbau: Funkspezialsit Harald Poganiatz vor Originalanlagen (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)
Hans-Joachim Pötzsch vor den Messanlagen.

19 Meter unter der Erde

Der frühere Technikchef des Bunkers führt mich weiter durch die Betonröhre. Wie in einem U-Boot sind die einzelnen Arbeitsbereiche innerhalb der Betonröhren nur durch Türen abgetrennt. Nach gefühlten dreimal links und fünfmal rechts habe ich die Orientierung längst verloren.

An einer elektronische Schalttafel zeigt mir Hans-Joachim Pötzsch den zurückgelegten Weg: "Wir sind herein gekommen, sind dann um die Ecke gegangen und das sind insgesamt tatsächlich acht Türen. Eine Drucktür, eine hermetische Drucktür, eine hermetische Tür und dann macht man das ganze Spiel noch einmal. Und das dient dazu, dass empfindliche Stellen, wie die Ein- und Ausgänge gesichert sind."

19 Meter tief unter der Erde, hinter anderthalb Meter dicken Betonwänden, beschleicht mich in den engen Gängen ein beklemmendes Gefühl. Auf Dauer möchte ich hier unten nicht hinter hermetisch abgeriegelten Türen eingesperrt sein.  Ex-Technik-Chef Pötzsch weiß, was ich meine.

Das Bunkerleben, sagt er, hatte seine ganze eigene Atmosphäre: "Für den, der neu hier rein kam, was es schon sehr stressig. Er wusste, ich darf nur dort und dorthin gehen. Man durfte nur in seinen Bereich. Also man hatte das von der Geheimhaltung her sehr abgeschirmt. Die Kleidung war auch salopp: Hose lang, Halbschuhe, Stiefel waren verboten."

Ein Knopfdruck für 35.000 Sirenen der DDR

Ein Teil des Stollens ist durch eine einfache Holztür verschlossen. Dahinter ist die so genannte WAZ, die Warn- und Alarmzentrale, ein kleiner Raum, von dem aus mit einem Knopfdruck alle 35.000 Sirenen in der DDR in Gang gesetzt werden konnten.

Ganze 20 Leute waren über die Existenz dieser Anlage informiert. Und nicht einmal der Konstrukteur, der sich Jahre später bei Pötzsch meldete, wusste, wozu er die Technik gebaut hatte: "Er kam mit einem ehemaligen Schaltmeister hierher. Dann haben sie beide auf dem Fußboden gelegen und sich die Einschübe angeschaut. 'Oh, VEB Studiotechnik 1975', hat er gerufen. Und dann hat er gesagt: 'Ja, ich wusste nicht wofür. Und nun sehe ich sie endlich!"'

Neben dem Schaltpult steht eine einfache, aus Holz gezimmerte Sprecherkabine. Von hier aus hätte der Diensthabende direkt und ohne jeden Umweg die Rundfunkprogramme der DDR unterbrechen können, um die Öffentlichkeit über eine drohende Gefahr zu  informieren.

Über einen Verbindungsgang erreichen wir schließlich den neuen Teil des Bunkers. Ab 1975 gebaut und drei Jahre später als Zentraler Gefechtsstand in Betrieb genommen. Die Räume im Neubau sind vergleichsweise groß, von Enge ist hier keine Spur. Aus einem Raum dringt Funklärm. Harald Poganiatz ist dabei, Teile der Funkanlage wieder flott zu machen.

Bunkeranlage "Fuchsbau": Führungssaal (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)

Von Hobby-Forschern freigelegt

Als der Bunker Fuchsbau ab 2005 von den Freizeitforschern wieder freigelegt wurde, kam der 68-Jährige Hobbyfunker aus Neugier hierher. Der Reiz der alten Technik hat ihn dann nicht mehr losgelassen: "Mein Bestreben geht dahin, alles mit Originalbauelementen zu bestücken und wieder so zu machen, wie es mal war – erhaltenswürdig, museumswert. Es so der Nachwelt zu erhalten."
Herzstück des neuen Bunkers ist zweifellos der so genannte Führungssaal. Groß wie eine Sporthalle, neun Meter hoch, wurde der gesamte Luftverkehr über Europa ständig mit Projektoren auf riesige Leinwände übertragen. Davor saßen die Diensthabenden, um bei einer drohenden Luftraumverletzung sofort Alarm auszulösen.

Im Kalten Krieg haben sich beide Systeme ständig provoziert und die Reaktionsfähigkeit der gegnerischen Luftverteidigung getestet. Die Amerikaner hatten in England zwei Spezialflugzeuge stationiert, die mit 3.500 Stundenkilometern die DDR-Grenze in wenigen Minuten erreichen konnten. "Kalte Krieger" hießen diese Maschinen in der Sprache der Fuchsbau-Besatzung, erinnert sich Pötzsch: "Sie kamen meist dreimal in der Woche. Exakt zur Mittagszeit! Das heißt, das Essen wurde immer kalt."

Bunker-Bilder

An den Wahnsinn des Krieges erinnern

Wenn der Bunkeralarm ertönte, rollten zeitgleich die ersten Abfangjäger auf die Startbahn und wurden Raketenstellungen in Gefechtsbereitschaft versetzt. Die Hand des Diensthabenden lag auf dem roten Knopf. Nirgendwo sonst war die Grenze zwischen Kaltem Krieg und einer militärischen Auseinandersetzung so schmal, wie im Zentralen Gefechtsstand der Luftstreitkräfte.

Deshalb möchte Hans-Joachim Pötzsch den Bunker unbedingt für die Nachwelt erhalten. "Es geht doch darum", so Pötzsch, "bestimmte Geschichtszeugnisse aufzuheben, um auf diesen Wahnsinn hinzuweisen. Dieser Wahnsinn, dass die Menschheit nur ein Ziel hatte: Wie kann ich den anderen auslöschen? Und dieser Wahnsinn ist noch nicht vorbei, denn es gibt noch Atomwaffen, mehr als genug um die Menschheit drei Mal auszulöschen."