
Schwerwiegende Ermittlungspanne - Polizei ermittelt nach Mord in Wettbüro intern
Nach der Informationspanne bei der Polizei vor dem Mord in einem Reinickendorfer Wettbüro gibt es jetzt eine interne Prüfung. Möglicherweise muss sogar die Staatsanwaltschaft eingeschaltet werden. Die Polizei wusste vor der Bluttat von der Gefahr für das spätere Opfer, sprach aber nicht mit ihm.
Nach dem Mord in einem Wettbüro in Berlin-Reinickendorf hat die Berliner Polizei eine interne Untersuchung eingeleitet. Dabei soll geklärt werden, warum das spätere Mordopfer von der Polizei nicht gewarnt wurde, obwohl das zuständige Kommissariat von der Gefährung wusste. Das teilte die Polizei am Mittwoch mit.
Außerdem soll ermittelt werden, warum der Chef des Landeskriminalamtes (LKA), Christian Steiof, vor einer Pressekonferenz zu dem Thema von seiner zuständigen Abteilung falsch informiert wurde.
Polizei wusste von Racheplänen
Am 10. Januar 2014 war der 26-jährige Ex-Rocker Tahir Ö. in einem Wettbüro in Reinickendorf vor mehreren Überwachungskameras erschossen worden. Die Polizei nahm bisher zehn Verdächtige der Rockergruppe Hells Angels fest. Der Mord war nach Einschätzung der Polizei die Rache für eine Schlägerei im Oktober 2013, bei der ein Hells-Angels-Rocker vor einer Diskothek verletzt worden war.
Die Polizei wusste bereits kurz nach der Schlägerei durch einen V-Mann von den Racheplänen der Hells Angels. LKA-Chef Steiof sagte im Januar, die Polizei habe das Opfer nicht explizit gewarnt, weil sie davon ausgegangen sei, dass sich Tahir Ö. im Ausland aufgehalten habe.
"Gefährdungslage wurde falsch eingeschätzt"
Kürzlich wurde jedoch durch einen Bericht von "Spiegel-TV" bekannt, dass ein abgehörtes Telefongespräch ergeben hatte, dass das spätere Opfer bewaffnet und mit schusssicherer Weste durch Berlin-Wedding lief. Über die Auswertung dieses Gesprächs wurde der LKA-Chef von seinen Leuten aber falsch informiert.
"Aus diesem Telefonat wie dem VP-Hinweis [Hinweis der Vertrauensperson] im November war dem Fachkommissariat mithin bekannt, dass sich Tahir Ö. wieder in Berlin aufhielt", räumte die Polizei nun sehr offen ein. Trotzdem seien "nicht alle zur Verfügung stehenden, risikomindernden Maßnahmen ausgeschöpft bzw. konsequent umgesetzt worden". Die Gefährdungslage für den bedrohten Tahir Ö. sei falsch eingeschätzt worden, hieß es.
Diese falsche Bewertung, die von Anfang November bis zum Mord galt, habe dazu geführt, dass es kein sogenanntes Sensibilisierungsgespräch, also keine Warnung des Opfers, gab. Auch der mutmaßliche Auftraggeber sei von der Polizei nicht angesprochen worden.
Geprüft wird nun, ob diese Fehler im zuständigen Kommissariat disziplinarrechtlich bestraft werden und ob die Staatsanwaltschaft ermitteln muss. Außerdem will die Polizei interne Kriterien zur Beurteilung derartiger Situationen ändern.


