
Im Wettbüro erschossen - Hätte die Polizei den Mord an Tahir Ö. verhindern können?
Der Mord an Tahir Ö. in einem Berliner Wettbüro gibt weiter Rätsel auf. Zwar wurden bisher acht Männer festgenommen, die daran beteiligt gewesen sein sollen. Allerdings stellt sich mittlerweile die Frage, ob die Polizei den Mord hätte verhindern können. Die Grünen fordern dringend Auklärung über die Frage, ob alles getan wurde, um die Tat zu verhindern.
Am 10. Januar stürmten mehrere Männer gegen 23 Uhr in ein Wettbüro in Berlin-Reinickendorf. Sie marschierten zielgerichtet in das Hinterzimmer, wo Tahir Ö. am Spielautomaten saß. Innerhalb von fünf Sekunden feuerte der Schütze acht Schüsse auf das Opfer ab, sechs davon trafen Tahir Ö. in den Oberkörper, der sofort starb. Die Polizei hat diese Videoaufnahmen mittlerweile veröffentlicht.
Hintergrund der Tat war offenbar eine Messerstecherei am 23. Oktober 2013, bei der das spätere Opfer Tahir Ö. einen Türsteher mit einem Messer verletzte. Der Türsteher des "Traffic" am Berliner Alexanderplatz musste verletzt ins Krankenhaus, er wird der Rockerszene zugerechnet. Kadir P., Anführer des inzwischen verbotenen Rockerclubs "Hells Angels MC Berlin City", soll daraufhin den Mord an Tahir Ö. in Auftrag gegeben haben. Kadir P. hat sich mittlerweile gestellt und ist in Haft. Auch sieben andere Männer sitzen dort.
Ihnen wird "gemeinschaftlicher Mord" vorgeworfen, Ermittlungen zufolge war die Tat ein Racheakt für die Messerstecherei. In diese Auseinandersetzung soll auch ein Polizist verwickelt sein. Er soll zusammen mit dem getöteten Tahir Ö. und einem weiteren Mann am 13. Oktober 2013 an diesem Streit beteiligt gewesen sein.
"Wirkung dieser Gespräche sind ausgesprochen gering"
Seit geraumer Zeit gibt es den Vorwurf, dass die Berliner Polizei den Mord hätte verhindern können. Laut SPIEGEL TV wusste die Polizei schon Wochen vor dem Mord, dass der getötete Tahir Ö. gefährdet ist. Sie kannte demnach auch seinen Aufenthaltsort. So habe ein Fahnder des Landeskriminalamtes (LKA) in einem Vermerk festgehalten, dass "Tahir Ö., Ekrem und Ferhat im Auftrag des Kadir Padir ermordet werden sollen. Der Mordauftrag ergeht aufgrund der schwerwiegenden Verletzungen bei den Angreifern, welche dem Umfeld des HAMC zuzurechnen sind." Als Quelle diene eine zuverlässige V-Person.
Nach diesem Vermerk sei es aber nicht zu einer so genannten "Gefährdungsansprache" mit dem mutmaßlichen Auftraggeber Kadir P. gekommen. Diese Gespräche werden von der Polizei geführt, um potentielle Gewalttäter von ihrem Plan abzubringen. LKA-Chef Christian Steiof sagte SPIEGEL TV, dass die Wirkung und Sinnhaftigkeit dieser Maßnahmen - gerade im Rockerbereich und Klientel wie Kadir P. - ausgesprochen gering sei.
Der getötete Tahir Ö. erfuhr allerdings erst gar nichts von der Polizei. Er sei nicht erreichbar und im Ausland gewesen, heißt es. Doch weitere Dokumente scheinen das zu widerlegen. Denn das LKA hörte diverse Telefonanschlüsse der Hells Angels ab, auch Gespräche von Kadir P.. In einigen Gesprächen sei es auch um den Aufenthaltsort von Tahir Ö. gegangen. Dieser habe sich demnach in der Reinickendorfer Residenzstraße aufgehalten, Schutzweste und Waffe getragen. Auch nach diesen Hinweisen habe das LKA die Suche nach Tahir Ö. nicht verstärkt, schreibt der Spiegel.
Die Grünen wollen nun dringend wissen, ob die Polizei alles getan hat, um den Mord an Tahir Ö. zu verhindern. Das LKA dürfe "unter keinen Umständen den Anschein erwecken, einen Mord 'laufen zu lassen'", sagte der Grünen-Abgeordnete Benedikt Lux am Montag. Das gelte auch, wenn das spätere Opfer ein bekannter Straftäter und Krimineller sei. In der nächsten Sitzung des Innenausschusses am 17. Februar soll das Thema deswegen auf die Tagesordnung.




