
Berliner Hostels konkurrieren um junge Party-Touristen - Das Bett in der Menge
Etagenbetten, Gemeinschaftsdusche und Toiletten auf dem Gang: Wem ein eher spartanischer Standard reicht und wer auf seinen Geldbeutel achten muss, der kann in Berlin für recht kleines Geld eine Übernachtungsmöglichkeit finden. Die Szene-Hostels der Stadt sind beliebt. Doch wie sieht ein Hostel-Alltag eigentlich aus? Marie Asmussen hat ein Hostel in der Nähe des Alexanderplatzes in Berlin-Mitte besucht.
Freitagmorgen gegen 10 Uhr in der weitläufigen Lobby des One80-Hostel. In Sesseln und auf Sofas sitzen junge Franzosen, Spanier, Engländer und Chinesen, blättern in Berlin-Führern, studieren den Stadtplan. Andere kauen noch müde und schweigsam ihre Frühstücksbrötchen.
Hellwach und munter sind dagegen fünf gerade eingetroffene österreichische Studentinnen. Zu nachtschlafender Zeit sind sie heute früh im Gasteiner Tal aufgebrochen, haben ihr Gepäck im Hostel abgestellt und wollen jetzt los: Berlin erleben.

Georg Höhner an der Rezeption gibt Tipps, wie die fünf das kurze Wochenende optimal nutzen können. Der junge Mann trägt am Hemdkragen drei kleine Anstecker: die französische Trikolore, den britischen Union Jack und das deutsche Schwarzrotgold. Das heißt er spricht französisch, englisch, deutsch - und auch ein bisschen österreichisch.
Die Österreicherinnen diskutieren.
"Was sagt's ihr jetzt zu dem Plan? Wenn wir heute das Sightseeing zu Fuß machen. Dann gehen wir auf die Nacht wieder her und dann gehen wir irgendwo fort. - Ich denk Du willst ins Hard Rock Café? Das tun wir morgen und dann gehen wir Shoppen. - Genau, und dann trinkt Ihr Kaffee im Hard Rock Café."
Sightseeing, Shoppen und Feiern. Wenn die jungen Frauen das bis Sonntag alles schaffen wollen, dürfen sie keine Zeit verlieren.
Modern und spartanisch
Das Hostel One80 ist groß und relativ neu. Im Mai 2012 wurde der Neubau an der Otto-Braun-Straße eröffnet - mit 705 Betten in 132 Zimmern auf zehn Etagen. Das Angebot reicht vom Doppelzimmer mit eigenem Bad bis zum Achtbettzimmer mit Etagendusche.
Auf dem Flur im ersten Stock liegen Wäschehäufchen vor den offenen Türen. Wenn die Gäste ankommen, müssen sie ihre Betten selbst beziehen und vor dem Auschecken wieder abziehen. Die Putzfrauen machen jetzt sauber für die Neuankömmlinge.
Nicole Schmiedeberg ist Chefin des Hostels. Mit einer Magnetstreifenkarte öffnet die 29-jährige die Tür zu einem Zimmer, aus dem die Gäste gerade ausgezogen sind. In diesem Raum stehen drei Etagenbetten, also insgesamt sechs Betten. "Jedes hat einen kleinen Spind und einen großen Rollcontainer, und beides ist mit einem Vorhängeschloss abschließbar", sagt Schmiedeberg.
Das ist wichtig, sagt die Hostelmanagerin. Man weiß schließlich nicht, mit wem man in so einem Gemeinschaftszimmer wohnt. Viele Gäste mieten einfach nur ein Bett, aber nicht alle: "Es gibt auch drei Freunde die sagen, sie buchen sich drei Betten im Achtbettzimmer in der Hoffnung, vielleicht haben wir ein paar junge Mädels mit auf dem Zimmer und haben eine schöne Zeit in Berlin. Und es gibt natürlich die vier Freunde die sagen, sie möchten gern zu viert ein Vierbettzimmer haben", so Schmiedeberg.
Der Konkurrenzkampf ist groß
Die hellen Hostelzimmer sind praktisch, aber sparsam möbeliert, die Bäder relativ nobel mit anthrazitfarbenen Fliesen und mit Glastüren vor den Duschen. Dafür kostet die Nacht hier auch etwas mehr als in schlichteren Hostels. "Im Sommer geht es so ab 20 Euro los und im Winter haben wir die
günstigsten Betten für 11 Euro angeboten. Aber es ist wirklich dann die
günstigste Nacht. Es ist ein Bett im Achtbettzimmer mit Etagen-Dusche
und WC für eine Dienstagnacht zum Beispiel, wo einfach nicht so viel
Nachfrage ist", erklärt Schmiedeberg.
Die Managerin freut sich über jedes vermietete Bett. Am gefragtesten und teuersten sind die Betten zu Silvester oder zum Berlin-Marathon, auch die Berlinale bringt Gäste ins Haus.
Auf dem Berliner Hostelmarkt herrscht mittlerweile ein harter Konkurrenzkampf, aber Nicole Schmiedeberg ist mit der Auslastung ihres Hauses zufrieden. Präziser möchte sie an dieser Stelle nicht werden.

Extra-Kaution für Gruppen junger Männer
Bei Hostels in Wohngebieten gibt es immer wieder Ärger mit Anwohnern, wenn Gäste laut sind und allzu wild feiern. Dieses Konfliktpotential hält sich hier am Alexanderplatz in Grenzen. Die Zimmer nach hinten raus liegen allerdings an einem ruhigen Innenhof, an dem auch ein Apartmenthaus steht. Dessen Bewohner sollen nicht belästigt werden.
Auch deshalb müsse man einige Gäste besonders im Auge behalten, sagt Nicole Schmiedeberg - vor allem junge Männer, die in Gruppen anreisen, um beispielsweise Junggesellenabschied zu feiern und die es gerne mal richtig krachen lassen. Von denen wird schon mal eine Extra-Kaution verlangt, vorsichtshalber. "Wenn sie sich erinnern, dass wir noch 200 Euro von ihnen haben, dann denken sie schon noch mal drüber nach, ob sie die Kaution wieder mitnehmen wollen oder ob sie die bei uns lassen, weil wir damit das Zimmer grundreinigen müssen", sagt Schmiedeberg.
In solchen Fällen bewährt es sich auch, wenn das Hostel-Personal gleich jemanden zum Ansprechpartner bestimmt. "Es ist eigentlich immer so, dass zwei oder drei Vernünftige in diesen
Gruppen sind und zu denen muss man gehen. Es bringt natürlich nichts
sich mit dem anzulegen, der sowieso nicht möchte, sondern man sucht sich
dann den aus, wo man das Gefühl hat, da kommt noch was an", schildert Schmiedeberg ihre Erfahrung.

Party beginnt schon im Flugzeug nach Berlin
Bei Georg Höhner an der Rezeption haben gerade Gäste aus dieser Risikokategorie eingecheckt. Sechs junge Männer sind aus London angereist, um in Berlin einen 30. Geburtstag zu feiern. Wenn das Geburtstagskind volltrunken ist, dann wollen seine Kumpel ihn an einem Laternenmast festbinden.
Nach der Fahne zu urteilen, die die Männer umweht, hat die Party offenbar schon im Flugzeug nach Berlin begonnen. Von Berlin werden die Briten wohl nicht viel sehen, schätzt Georg Höhner. Ob er auf diese Gäste besonders achten muss? "Ein bisschen schon. Ich habe auch extra gesagt, kein Alkohol auf den Zimmern, kein Rauchen im ganzen Gebäude. Das sagt man dann schon noch mal extra", sagt Höhner.
Die lustigen Londoner haben ein Sechsbettzimmer gemietet und bleiben da unter sich. In anderen Zimmern sind die Gäste bunt gemischt. Das geht meistens gut, manchmal sogar so gut, dass sich zwei verlieben. Aber es gibt auch echte Unverträglichkeiten: "Es gibt Leute, die können sich nicht riechen. Das können Iren und Engländer sein, die müssen noch nicht mal viel getrunken haben", sagt Höhner.
Manche Gäste fallen auch aus allen Wolken, wenn ihnen klar wird, dass sie ein Bett im Gemeinschaftszimmer gebucht haben. Andere haben ein Problem damit, dass die Zimmer nicht nach Geschlechtern sortiert sind. Wenn möglich versucht man in solchen Fällen, den Gästen entgegen zu kommen und sie umzuquartieren.

City-Tax sorgt für Unmut
Zu solch alltäglichen Herausforderungen an der Rezeption ist nun auch noch die seit Jahresanfang fällige Berliner City-Tax gekommen. "Die Gäste, die vor dem 1. Januar 2014 gebucht haben, die sind befreit. Der
eine muss bezahlen, der andere muss nicht bezahlen. Da sind viele
Erklärungen nötig", sagt Schmiedeberg. "Gerade junge Leute schauen nicht so viel Nachrichten
und schon gar nicht, wenn sie aus New York kommen. Und dann gucken sie auf ihre Rechnung und fragen, was denn das
für fünf Prozent seien. Wir müssen es dann erklären, das bedeutet lange
Wartezeiten - und das nervt."
Wer beruflich in Berlin zu tun hat, ist von der City-Tax befreit. Solche Gäste gibt es hier auch, zum Beispiel Messebauer. Die brauchen ihren Schlaf, weshalb wilde Zimmer-Partys tabu sind. Dafür sorgen zur Not die Männer vom Sicherheitsdienst, die nachts im Haus unterwegs sind.



