
Zwei Jahre nach Jusefs Tod - "Der Fall wurde nicht ernst genommen"
Vor zwei Jahren wurde in Neukölln der 18-jährige Jusef erstochen. Er hatte versucht einen Streit zu schlichten, der nach einem Fußballspiel eskaliert war. Der Mann, der Jusef tötete, hat aus Notwehr gehandelt - sagt die Staatsanwaltschaft. Doch Freunde und Familie glauben das bis heute nicht. Von Torsten Mandalka.
In der Weißen Siedlung in Neukölln ragen hell verputzte Hochhäuser in den Himmel. Doch die Farbe des Betons kann nicht darüber hinwegtäuschen: hier ist ein so genannter sozialer Brennpunkt. Hier hat Jusef gewohnt. Nicht weit weg - in einer benachbarten Betonsiedlung - ist er gestorben. In jener Nacht vor zwei Jahren verbreitete sich die Nachricht von seinem Tod wie ein Lauffeuer im Kiez. Die Freunde Önder und Marius erhielten sie per Handy, Önder machte sich auf den Weg ins Krankenhaus. Auf der Station habe es dann vor Polizisten in voller Montur nur so gewimmelt, erzählt er von diesem Tag. Seine Papiere wurden kontrolliert, dann wurde ihm mittgeteilt, dass Jusef inzwischen nicht mehr am Leben ist.

Die Frage nach der Wahrheit geht keinem aus dem Kopf
Auch für Marius war die Nachricht ein Schock. Erst nach und nach realisiert er, dass sein Freund Opfer einer Messerattacke geworden ist. Und er realisiert, dass der 18-jährige Jusef von einem 35 Jahre alten Erwachsenen getötet wurde - in Folge eines sehr skurrilen Streits, der auf dem Fußballplatz begann und in einer Wohnstraße endete. Dorthin waren die Jugendlichen gezogen, um den Kontrahenten zur Rede zu stellen. Jusef war als Streitschlichter hinzugerufen worden - obwohl ihn weder mit der einen, noch mit der anderen Seite mehr verband als eine lose Bekanntschaft. Dass ausgerechnet er getötet wurde, das will auch zwei Jahre danach keinem seiner Freunde in den Kopf. Sie haben zusammen mit Jusefs Bruder einen Erinnerungs-Rap komponiert. Sie wissen bis heute nicht genau, was damals wirklich passiert ist. "Nach zwei Jahren weiß ich immer noch nicht die 100 Prozent originale Geschichte – auch nicht von den Jungs, die dabei waren", sagt Öner.

"Er verdient es nicht"
Das "nicht wissen" zermürbt auch Jusefs Familie. Wie ist sein Tod bloß zu erklären? Er konnte einfach nicht "Nein" sagen, meint Jusefs Mutter Majda. Und ihr Sohn habe nie gesehen, was böse ist. "Er hat die Leute und die Lage unterschätzt", so erklärt sie sich, warum ihr Sohn sich damals in den Streit eingemischt hat. Majda spricht in der Gegenwartsform von ihrem Sohn. Auch zwei Jahre nach seinem Tod ist die Erinnerung noch frisch, die Jahre haben den Schmerz nicht gemildert. Sie sagt, es sei schwer, damit weiterzuleben, dass ihr Sohn nicht mehr wiederkommt. Schwer ist es auch, weil sie seinen Tod als himmelschreiende Ungerechtigkeit empfindet. "Er verdient es nicht, weil er mit dem Streit nichts, absolut nichts zu tun hatte", sagt Majda. Vor diesem Hintergrund kann Jusefs Mutter vor allem eines nicht begreifen: wieso der Mann, der für sie ein Täter ist, nie vor Gericht gestellt wurde. Und wieso es Notwehr gewesen sein soll. Das klingt, als wäre Jusef ein aggressiver Angreifer gewesen.

Die Mutter hat aus der Zeitung erfahren, dass das Verfahren eingestellt wurde
Majda hat versucht, alles zu begreifen. Sie hat sich einen Anwalt genommen, Ermittlungsakten studiert. Jetzt übt sie heftige Kritik an Polizei und Staatsanwaltschaft. Der Fall wurde nicht ernst genommen, klagt sie. Das sei ihr heute klar, über die Einzelheiten des strittigen Tatablaufs will sie nicht sprechen - die Familie erwägt weitere juristische Schritte. Auch die Staatsanwaltschaft will auf rbb-Nachfrage keine Einzelheiten aus den Akten zitieren. Sie bleibt aber dabei: Nach den Ermittlungen sei nichts anderes anzunehmen als Notwehr - und man habe sehr sorgfältig ermittelt. Jedenfalls hat auch das Kammergericht die Haltung der Staatsanwaltschaft bestätigt und jüngst eine von der Familie angestrengte Klageerzwingung zurückgewiesen. Die Mutter kann all das nicht nachvollziehen. Sie fühlt sich von den Behörden allein gelassen. Von der Einstellung des Verfahrens hat sie aus der Presse erfahren, niemand sei auf sie zugekommen.
"Reicht es nicht, dass wir einen Sohn verloren haben?"
Das Schlimmste an all dem ist für sie, dass Jusef in den Medien teilweise wie der eigentliche Täter behandelt wurde. Und die Ermittler diesem Eindruck nicht entgegentreten. Denn dieses Bild hat nichts zu tun mit dem Jusef, den man im Kiez kannte: einem sehr besonnenen jungen Mann. Majda sagt, sie habe ihren Sohn zur Zivilcourage erzogen. Dieses Wissen reiche ihr mittlerweile, um sich nicht mehr so verletzt zu fühlen. "Warum kümmert ihr euch nicht um die, die wirklich Täter sind", diese Frage bleibt für sie offen.
Überhaupt die Medien, vor allem die Boulevardpresse. Zu ihr hat die Mutter inzwischen ein gestörtes Verhältnis. Erst hat man sie in ihrer Trauer nicht in Ruhe gelassen. Dann hat man ihr noch das Wort im Munde herumgedreht. "Reicht es nicht, dass wir einen Sohn verloren haben? Müssen wir jetzt auch noch die Medien zurechtbiegen? Das fand ich traurig."
Die Ungewissheit zermürbt Familie und Freunde
Trauer - das ist auch zwei Jahre nach Jusefs Tod das vorherrschende Gefühl. Auch bei den Freunden. Für die der Fall noch lange nicht geklärt ist. Sie sprechen von der Ungewissheit, die sie heute noch "zerfrisst". Damit hätten sie nie gerechnet, dass so etwas Schlimmes aus einer Dummheit passieren könnte. Als Konsequenz wollen sie mit dafür sorgen, dass sich solche Taten nicht wiederholen.
Die Haltung in den Köpfen, wie war die bei den Ermittlern? Ist der Fall Jusef anders behandelt worden, weil der einen palästinensischen Migrationshintergrund hatte? Und weil die anderen Jugendlichen größtenteils arabischer oder türkischer Abstammung sind, der vermeintliche Täter aber Deutscher ist? Die Staatsanwaltschaft dementiert das heftig. Trotzdem treibt Mutter Majda diese Frage jetzt um. Und was bedeutet das alles für ihr Verhältnis zu Deutschland - zu dem Land in dem sie schon seit Jahrzehnten lebt? Sie sei enttäuscht über die Ermittlungen, aber nicht über Deutschland. Als Migrantin habe sie sich sowieso nie gesehen.
In einem Punkt übrigens dauern die Ermittlungen noch an. Gegen etliche der beteiligten Jugendlichen wird der Vorwurf des Landfriedensbruchs erhoben. Ein Tötungsdelikt aber hat es demnach nie gegeben - nur einen Toten.


