
Kreative erobern Spandau - "Am Anfang hatte ich auch dieses Oh-Gott-Gefühl"
Spandau ist hip. Der Satz klingt für viele wie ein Widerspruch in sich, aber tatsächlich entdeckt die Kreativszene gerade den westlichsten Berliner Bezirk für sich. Weil die Mieten in der Innenstadt steigen, zieht ein Teil der Karawane weg aus Mitte oder Prenzlauer Berg - raus an den Stadtrand, wo nun sogar ein "Kreativnetzwerk" entstehen soll. Von Ute Schuhmacher
"Am Anfang hatte ich auch dieses Oh-Gott-Gefühl, dann bin ich hier hingefahren und hab mich verzaubern lassen von dem Ort. Vom Wasser, vom Strand und von den eigenen Gebäuden." Der Architekt und Projektentwickler Ingo Pott steht auf dem Gelände seiner Havelwerke direkt am Havelstrand und blinzelt in die Sonne, das Wasser glitzert, ein Schwan schwimmt vorbei.
Hinter ihm stehen alte Backstein-Industriehallen, zum Teil aus Kaiserszeiten, zum Teil schon saniert, an anderen wird noch gearbeitet, noch andere werden neu gebaut. Rund 5 Euro kostet der Quadratmeter die Mieter hier, sagt Pott. Darüber freut sich schon ein Design-Möbelhaus und ein Oldtimerfreak. Interesse hat ein Bootsbauer angemeldet, ein Hausbootvermieter und ein Sozialnetzwerk. Wichtig ist aus Potts Sicht, neuen Ideen bezahlbaren Raum zu geben. In Mitte ist das nicht mehr möglich, weiß er. "Insofern ist es ja relativ logisch, dass Mitte nicht mehr der Ort der Ideen ist."
Auch Lichtenberg und Köpenick locken Kreative an
Das sagt Ingo Pott, der quasi ein Kind von Mitte ist. Nach der Wende kam er in die Stadt, hat da unter anderem das Szene-Ausstellungshaus C/O Berlin mit aufgebaut und auch sein Büro befindet sich selbstverständlich in Mitte. Jetzt sieht er die ersten Kreativen weiter wandern. Die Stadtentwicklungsexpertin der Grünen Antje Kapek kennt diese Wanderungsbewegung weg von Mitte auch aus anderen Teilen Berlins.
"Die gibt es zum Beispiel auch nach Lichtenberg, Köpenick und in andere Randbereiche beziehungsweise in die so genannte Zwischenstadt." Die Stadtforschung stelle schon seit Jahren fest, dass bei steigenden Mieten in der Innenstadt gerade die Kreativen sich immer neue Bereiche suchen, die günstig seien und neue Inspirationen mit sich brächten, analysiert Kappeck.
Neue Webseite soll Spandaus Vorzüge anpreisen
Spandaus Baustadtrat, Carsten Röding (CDU) freut sich sehr über das Interesse der Kreativen an einigen Bereichen von Spandau. Um hier vielleicht noch ein paar weitere Ecken mit ins Spiel zu bringen hat er zusammen mit der Stadtentwicklungsverwaltung eine Online-Plattform erdacht.
"Sie heißt Spandauer Kreativnetzwerk, und da sollen Orte für die Kreativwirtschaft detaillierter beschrieben werden." In einigen Wochen soll die Internetseite www.kreativwirtschaft-spandau.de an den Start gehen.
Im kommenden Jahr soll in den Havelwerken alles fertig sein. Eine Strandbar soll es dann auch geben, mit eigenem Paddelbootanleger und Schwimmstrand mit Blick auf die Zitadelle und Eiswerder mit ihren alten Backsteinindustriehallen. In die soll 2015 das Meilenwerk mit seinen Oldtimern einziehen – das zumindest ist der Plan.




