Thomas und Peter von der DB-Sicherheit (Quelle: rbb/Inforadio)

Auf Streife mit der DB-Sicherheit - Wenn die Mitarbeiter in ihren Westen auf das Problem zugehen

Bahnhöfe sind selten Orte, an denen man sich wirklich wohl fühlt – vor allem in den Abend- und Nachtstunden. Die Deutsche Bahn hat mit ihrem Sicherheitskonzept darauf reagiert: Seit Anfang des Jahres patrouillieren auf den Berliner Brennpunktbahnhöfen Zoo, Ostbahnhof, Gesundbrunnen oder auch am Alexanderplatz rund um die Uhr Streifen der DB-Sicherheit. Thomas Rautenberg hat sie einen Abend lang begleitet.

Der Feierabendverkehr am Bahnhof Alexanderplatz ebbt langsam ab. Auf den Bahnsteigen und Rolltreppen hat sich das Gedränge gelichtet. Statt Aktentaschen tragen die meisten Leute jetzt große Einkaufstüten. Thomas und Peter, ihre Nachnamen sind aus Sicherheitsgründen tabu, schlendern in ihren schwarzen Uniformen und den leuchtend gelben Warnwesten durch das Erdgeschoss der S-Bahnstation. Bahnhöfe haben eine ganz eigene Atmosphäre, meint Thomas, man weiß nie was kommt, schließlich treffen hier tausende Charaktere aufeinander.

"Der eine ist ruhig, der andere ist aggressiv, der dritte ist alkoholisiert und der vierte meint, er müsse sich an das Rauchverbot nicht halten", sagt der Mitarbeiter der DB-Sicherheit. "Und dann haben wir natürlich auch die Problematik der Rettungs- und Fluchtwege, die freigehalten werden müssen. Da müssen wir Ansammlungen von Personengruppen in solchen Bereichen entgegenwirken."

Passanten an einem Bahnsteig am Alexanderplatz (Bild: imago)

"Kommen Sie mal, da liegt jemand"

Thomas ist 38 Jahre alt und Peter 62, sie sind zwei von insgesamt 20 Sicherheitsleuten der Bahn, die als neue Bahnhofstreife in Berlin zum Einsatz kommen. Ihr Revier ist hauptsächlich die Station am Alexanderplatz, manchmal müssen sie aber auch auf anderen Problembahnhöfen aushelfen. Waffen, wie bei Polizisten, sind an ihnen erstmal nicht zu sehen, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. "Wir haben natürlich Einsatzmittel zur Notwehr", sagt Thomas und lüftet seine Uniformjacke ein bisschen. "Das heißt in erster Linie Pfefferspray und in zweiter Linie den Einsatzstock - kurz, ausziehbar. Das sind die Mittel, die uns zur Verfügung stehen."

Seit 14 Uhr sind die beiden auf dem S-Bahnhof am Alex unterwegs. Eine halbe Stunde nach Schichtbeginn wurden sie schon zum ersten Noteinsatz auf den Bahnsteig gerufen – wegen einer volltrunkenen Person. Passagiere hatten die Wachschützer auf den hilflosen Mann aufmerksam gemacht. „Der war so volltrunken, dass Null Reaktion bestand“, sagt Thomas. "Wir mussten den Rettungswagen rufen und der Mann wurde in die Charité abtransportiert."

Alles Weitere ist dann Routine. Markenzeichen der neuen Bahnhofsstreife ist die grellgelbe Weste - wie ein Clown, spöttelt Peter, aber das gehe schon in Ordnung: "Ja, man ist besser zu sehen und die Leute können uns zuwinken, wenn etwas ist. Nach dem Motto: Kommen Sie mal, da liegt jemand…"

In brenzligen Situationen hilft die Polizei

Das leuchtende Gelb an den Uniformen ist der Bahn wichtig, erklärt Holger Bajohra, Sprecher für Konzernsicherheit. Denn der Bahn war immer wieder vorgeworfen worden, dass die DB-Sicherheitskräfte nicht wahrnehmbar seien. "Daher hatten wir die Idee, dass diejenigen, die auf dem Bahnhof präsent sind, auch ansprechbar und erkennbar sein sollen. Und am Ende ist diese Weste auch ein Mittel zur Prävention, denn viele Probleme lösen sich schon, wenn die Mitarbeiter in ihren Westen auf das Problem zu gehen."

Thomas und Peter gehen auch jetzt auf das Problem zu, in diesem Fall einen jungen Mann, der seinen braunen, muskelbepackten Staffordterrier nicht angelein hat. Kaum sieht er die Gelbwesten, ist der Hund, ruck zuck, an der Leine.

Von solchen Bagatellen abgesehen, verläuft die Schicht bislang ruhig. Das ist nicht immer so, meint Peter. "An den Wochenenden ist es schlimmer. Weil hier auch viele Discos und Clubs sind und da kommt es oft zu Schlägereien. Da passiert dann schon eine Menge."

Es ist nicht ohne, etwa einem Trupp angetrunkener Jugendlicher gegenüber zu stehen. Wie entscheiden die Männer von der Streife, was sie tun und was sie in der Situation besser lassen sollten? "Wenn es etwas mit Messer oder Waffe ist, dann gehen wir zwar in die Nähe, aber nicht mitten rein", sagt Peter ohne lange überlegen zu müssen. "Dann rufen wir die Polizei, dass die uns unterstützt."

Bei kleineren Rangeleien gehen die beiden Wachschützer sofort dazwischen. Bierselige Jugendliche, die gern in den Bahnhofsecken sitzen, fordern sie auf zu gehen. Manchmal müssen sie sogar ein Hausverbot erteilen: "Wobei ein Hausverbot in dem Fall heißt, er kann den Bahnhof betreten und verlassen, wenn er reisen möchte", sagt Thomas. "Das Hausverbot heißt nur, dass das Verweilen auf dem Bahnhof ohne Reiseabsichten nicht gestattet ist. Und wenn dem nicht Folge geleistet wird, dann geht das in den Hausfriedensbruch hinein und dann sind wir bei einer Straftat."

Thomas ud Peter L. am Bahnhof Alexanderplatz (Bild: Th. Rautenberg, rbb-Inforadio)

In den Eingeweiden des Bahnhofs

Während Thomas erzählt, kommt die Streife im Erdgeschoss an einer schweren Metalltür vorbei. Ein Zugang zum Keller. Viele Obdachlose kennen die Tür und wenn es draußen kalt ist, versuchen sie in den dahinterliegenden Bahnhofskatakomben zu übernachten. Das ist streng verboten und deshalb müssen die Wachschützer auch hier ihre Runden drehen. Also ab in den Keller.

Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fällt, steht die Zwei-Mann-Streife in einem riesigen Raum, so breit und lang wie der gesamte Bahnhof darüber. An den groben Ziegelmauern schlängeln sich unzählige Rohrleitungen entlang. Hinter Gitterverschlägen lagert der Nachschub für die Geschäfte im Erdgeschoss. Obdachlose sind hier heute nicht, Thomas und Peter brauchen also auch nicht einzugreifen. Es ist warm hier unten und riecht nach frisch gebackener Pizza. "Ja", sagt Thomas, "das sind praktisch die Eingeweide des Bahnhofes."

Thomas ist seit 18 Jahren beim Sicherheitsdienst der Bahn. Peter, der ältere der beiden, war lange Zeit als Fahrkartenkontrolleur bei der S-Bahn, bis er sich vor einigen Jahren freiwillig zum Streifendienst meldete. Die Wachschützer haben beide eine Menge Erfahrungen. Die Menschen haben sich in den vergangenen Jahren sehr verändert, sie sind aggressiver geworden, meint Peter, vor allem die Jugendlichen kennen häufig keine Schmerzgrenze mehr.

"Die rasten sehr schnell aus, muss man sagen. Das liegt wahrscheinlich an Drogen und Alkohol. Das ist schon traurig mit der Gesellschaft."

Nackte Frauen und Klebeband in Automaten

Durch eine Schiebetür geht es zurück ins Bahnhofsleben am Alexanderplatz. Die beiden Wachschützer nehmen die Rolltreppe hoch zu den Bahnsteigen. Oben angekommen testet Peter, ob der Fahrkartenautomat funktioniert. Mit zwei, drei Handgriffen prüft er am Ausgabeschacht, ob nichts manipuliert wurde, wie es immer wieder geschieht. "Da wird dann irgendwo Klebeband rein geklebt. So kann das Geld nicht herausfallen und die Täter lauern hier irgendwo, um sich dann das Geld rauszuholen."

Heute ist alles in Ordnung. Thomas in seiner gelben Weste hat derweil die Aufmerksamkeit von zwei hilfesuchenden Touristinnen auf sich gezogen.

Thomas L.: "Können wir Ihnen helfen?"
Touristinnen: "Wo fährt die S7?"
Thomas L.: "Zu welcher Station wollen Sie?"
Touristinnen: "Zur 02-World".
Thomas L.: "Okay, nächste Treppe rechts."

Die beiden jungen Frauen ziehen von dannen. Manchmal, meint Thomas, ist schon etwas mehr Improvisationstalent gefragt. "Wir hatten mal eine Gruppe junger Damen, denen wurden beim Baden die Sachen gestohlen. Das war natürlich nett anzuschauen, aber für die Damen natürlich nicht von Vorteil."

Und dann beschreibt Thomas die "Erste-Hilfe"-Aktion: "Die Rettungsdecke erstmal rüber, aber für die Damen war das nicht so lustig, denn die mussten ja ihre Blöße bedecken. Letztendlich haben wir deren Männer angerufen und die haben sie dann abgeholt. Zum Schluss haben wir alle gelacht."

Zum Lachen ist der Blumenfrau auf dem Bahnhof nicht zu Mute. Sie winkt gerade die Streife heran. Die Blase drückt und sie ist allein und kann den Laden nicht verlassen:

Thomas: "Du musst mal in den Keller? Dann geh mal!"
Verkäuferin: "Passt ihr solange auf?"
Thomas: "Na, selbstverständlich!"

Für einige Minuten ist der Blumenhandel auf dem Bahnhof Alexanderplatz eines der am besten bewachten Geschäfte Berlins.

Auf den Bahnhofsgängen vor dem Laden ist es inzwischen noch ruhiger geworden. Ein kalter Luftzug streicht durch die leere Vorhalle, die Atmosphäre lässt einen frösteln. Die Wachschützer werden weiter ihre Runden drehen.

Beitrag von Thomas Rautenberg

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