Zigarettenschmuggel (Foto: A. Ernst)

Zollfahnder in Rathenow - Die endlose Jagd auf die Zigarettenmafia

Das Geschäft mit unverzollten Zigaretten geschieht täglich und vor aller Augen, als ginge es um ein Kavaliersdelikt. Dabei entgehen dem Staat jährlich mehr als vier Milliarden Euro. Der Zoll liefert sich ein tägliches Katz- und Maus-Spiel mit den Händlern und zieht oft den Kürzeren. Amelie Ernst war in Rathenow mit Fahndern unterwegs.

Detlef Szesny und seine Kollegen vom Potsdamer Hauptzollamt wissen genau, wo sie suchen müssen. Wobei suchen eigentlich das falsche Wort ist: Denn der Zigarettenschwarzmarkt floriert ganz öffentlich - hier in Rathenow fast vor jedem Supermarkt.

"Ein Parkplatz vor einem Einkaufszentrum - das ist ein ganz typischer Bereich", sagt Szesny und deutet an den Rand der Parkfläche. "Da wo die Steine liegen, das ist so eine Art Verkaufstisch. Da steht der Zigarettenverkäufer und wartet auf Kundschaft." Normalerweise. Meist sind es Männer, häufig Vietnamesen, und in der Regel versuchen sie betont unauffällig zu bleiben. Heute aber steht niemand hier. Szesny kommt zu spät, denn der Verkäufer hat offenbar Wind von der Razzia bekommen und sich schon aus dem Staub gemacht, bevor die beiden Zivilautos vom Zoll in der Nähe des Supermarktes zum Stehen kommen.

Das gibt den Beamten zumindest die Gelegenheit, nach dem Zigarettenversteck zu suchen. Ein Erdwall mit einer kleinen Falltür kommt den Beamten gleich verdächtig vor.

Zollfahndungsamt beschlagnahmt 13 Millionen Zigaretten, Quelle: dpa

"Das hier ist wieder so ein typisches Erdloch"

"Hier ist so ein kleiner Kellerraum in der Nähe des Parkplatzes. Und hier sind auch schon mal Zigaretten gefunden worden",  sagt Szesny, während er mit der Taschenlampe ins Dunkel des Kellers leuchtet. Doch im Lichtkegel tauchen nur alte Reifen und jede Menge Laub auf.

"Im Moment ist dieser Lagerraum geräumt. Keine Zigaretten da." Szesny hat heute wohl kein Glück. "Nur noch die Reste von den Verpackungen - hier hatte jemand also mal was deponiert." Doch der Keller hier hinter dem Rathenower Parkplatz ist nicht die letzte Möglichkeit.

Nur wenige Meter weiter gibt es schon das nächste Versteck. Denn die Zigarettenhändler haben gelernt – kaum einer hat die unversteuerten Kippen direkt bei sich am Körper. Szesnys Kollege geht in die Knie und schiebt ein paar Äste beiseite. "Das hier ist wieder so ein typisches Erdloch", sagt der Mann, der als Fahnder anonym bleiben muss. "Das ist nur mit dem Spaten ausgehoben. Da kann man locker ein bis zwei Stangen verstecken. Dann ein bisschen Laub drüber und schon ist das kaum zu sehen."

"Sie kennen uns, sie kennen unsere Autos"

Aber auch hier: Fehlanzeige. Weitere drei Stunden schleichen Szesny und seine Kollegen noch um die Rathenower Supermärkte. Doch von den Zigarettenhändlern keine Spur – der erste scheint die anderen gewarnt zu haben. Denn man kennt sich mittlerweile – und auch die Tarnkennzeichen der Zollautos sind längst kein Geheimnis mehr.

"Es ist wirklich oft enttäuschend, wenn die am nächsten Tag wieder dastehen. Aber da sind uns mehr oder weniger die Hände gebunden", sagt einer der Fahnder und fordert ein deutlich härteres Vorgehen des Staates gegen die Händler. "Wir hoffen, dass sich das irgendwann mal ändert – durch höhere Verwarnungen  und höhere Bußgelder. Und dass man insgesamt gegen die Straßenhändler energischer vorgeht." Denn die haben im Geschäft mit unverzollten Zigaretten viel zu verlieren. Eine Stange kostet illegal nur halb soviel wie in der Kaufhalle nebenan. Entsprechend groß ist der Schaden: Über vier Milliarden Euro entgehen dem Staat dadurch jedes Jahr.

Und doch gibt es zu wenig Fahner, und die haben nur begrenzte Möglichkeiten: "Sie kennen unsere Autos", sagt einer der Potsdamer Zöllner. "Sie kennen uns, und wenn man da einmal nicht aufpasst, brechen die sofort ihre Aktion ab." Und sind weg. So wie heute schon den ganzen Rathenower Tag über.

Nur einen Käufer erwischen sie noch, mit sechs Stangen unverzollter Zigaretten aus Weißrussland. Der Mann muss mit ein paar Hundert Euro Strafe rechnen. Und dann machen auch Szesny und seine Kollegen Schluss für heute – nächster Versuch morgen, dann in einer anderen Stadt.

Beitrag von Amelie Ernst

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