"Verbotene Reise" (Quelle: Jens Kießling / keine Verwenung ohne Erlaubnis des Urhebers)
06.03.2014 | Abendschau | Georg Berger

Abenteuerliche Flucht aus der DDR - Die Verbotene Reise: Über China in den Westen

Ein junges Paar vom (Ost-)Berliner Prenzlauer Berg reist 1987 auf eigene Faust quer durch die Mongolei und von dort weiter nach China. Eine für DDR-Bürger eigentlich unmögliche Reise, an deren Ende sich ihre Wege trennen: Sie tritt die Heimreise an zurück in die DDR, er geht in die bundesdeutsche Botschaft in Peking und reist in den Westen aus. Der Journalist Peter Wensierski hat die Geschichte dieser Reise jetzt in einem Buch nacherzählt. Von Sabine Jauer

Die Reise war nicht als Flucht geplant. Es war nur eine vage Idee. Jens Kießling fälscht eine Einladung in die Mongolei, so bekommen sie Visa und Reisepässe. Anders als seine Freundin, für die klar ist, in die DDR zurückzukehren, kann er sich durchaus vorstellen, die Reise zur Ausreise in den Westen zu nutzen. Er war exmatrikuliert worden, sah kaum noch Perspektiven in der DDR.

Geschichten von Menschen, die schon bei der Vorbereitung einer Flucht gescheitert sind, kennt er viele: "Man räumt die Wohnung aus, man verkauft alles was man hat, weil man abhauen möchte, man steckt die Geburtsurkunde und das Abiturzeugnis sich irgendwo unters Hemd - und bei einer Kontrolle findet man das und man kommt gleich ins Gefängnis", erinnert sich Kießling. "All diese Sachen haben wir uns natürlich auch vorher überlegt, aber für uns entschieden, nein, wir leben ganz normal weiter."

Die Idee, tatsächlich in den Westen auszureisen, kam für ihn erst in dem Moment, als die beiden schon in China waren. Für seine Freundin Marion Mentel, die damals Marie genannt wurde, war das zu diesem Zeitpunkt nicht der richtige Weg, sagt er. "Aber wir hatten so ein großes Verständnis füreinander, dass wir den anderen nie gedrängt hätten, etwas zu tun, was der nicht möchte."

"Verbotene Reise" (Quelle: Jens Kießling / keine Verwenung ohne Erlaubnis des Urhebers)
Jens Kießling in der Mongolei.

"Wir sind so nah dran"

Um von der Mongolei weiter nach China zu kommen, brauchen die beiden ein Visum. Es ist ein gewagter Versuch: sie gehen in die chinesische Botschaft in Ulan Bator und - es klappt: "Das Spannendste war dieses Herzklopfen, als man uns fragte: 'Warum haben Sie das Visum denn nicht zu Hause bestellt?' - und wir sagten, dass wir ja überhaupt nicht vorhatten, nach China zu reisen", erzählt Jens Kießling. Die beiden sagten dem Beamten, sie hätten hier Menschen getroffen, die von China geschwärmt hatten, nachdem die ersten fünf Städte für Ausländer geöffnet worden waren. "Wir sagten ihm, jetzt sind wir so nah dran, das passiert in unserem Leben vielleicht nie wieder - und deswegen wollen wir das Visum."

Jens Kießling hatte zuvor schon den Kaukasus bereist und kannte viele Tricks. Als Alleinreisende geraten er und Marie immer wieder in Kontrollen und erzählen, Vorhut einer Expedition von Vogelkundlern zu sein. "Unser Glück war, dass es so wenig Leute vor uns gab und man uns immer die Geschichten geglaubt hat, die wir ihnen erzählt haben", so Mentel. "Man musste auch immer weniger sagen, wir waren so überzeugend. Zu Anfang haben wir noch in vielen Sätze um unsere Sache herumgeredet, zum Schluss brauchte man nur noch drei Sätze und sie haben es uns geglaubt."

Auf getrennten Wegen zurück

In Peking schließlich trennen sich dann nach vielen Wochen ihre Wege. "Das war traurig, aber nicht schwierig", erinnert sich Mentel. "Uns war beiden klar, dass ich wieder nach Hause will, weil ich da studiere und weil alles da ist, was ich brauche. Jens dagegen hatte bei uns nicht so viel und wollte weiter."

Die beiden treffen sich noch wenige Male, über 20 Jahre haben sie dann keinen Kontakt, leben jeweils mit ihren Familien in Brandenburg, sie als Kostümbildnerin, er als Biologe. Bis Spiegel-Autor Peter Wensierski von ihrer Geschichte hört – und sie erzählen wollte. "Ich fand das verrückt - aus dem Prenzlauer Berg, aus der Rykestraße, sind es eigentlich nur zehn Minuten nach West-Berlin. Dass jemand einmal fast um die ganze Welt herumreist, um den Weg nach West-Berlin zu nehmen - das ist eine ganz irre Geschichte", sagt der Buchautor. Für ihn war der Reiz daran, von Menschen zu erzählen, die trotz aller Schwierigkeiten in der DDR nach Möglichkeiten gesucht habe, ihre Ziele durchzusetzen. "Obwohl Jens Kießling viele Knüppel in den Weg geworfen wurden, haben die beiden eben nicht den Kopf in den Sand gesteckt, sondern immer überlegt, wo ist die nächste Lücke im System?"

Zusammen mit den beiden damaligen Studenten wird "Die verbotene Reise" am 6. März zusammen mit zahlreichen Bildern von der Reise erstmals vorgestellt, in der Bibliothek am Wasserturm in Prenzlauer Berg, genau dort, wo die Reise 1987 begann.

Beitrag von Sabine Jauer