Drogenscreenings in Europas größtem klinischen Labor - Plastik-Penisse und Liquid-Ecstasy
Heroin, Kokain, Haschisch: Das sind die bekannten "Klassiker" unter den illegalen Drogen. Aber längst ist eine ganze Reihe von neuen Substanzen auf dem deutschen Drogenmarkt angekommen: Spice, Liquid Ecstasy, Crystal Meth. Suchthelfer, Polizei und Ärzte haben es schwer, den Überblick zu behalten. Hilfe bekommen sie von Experten aus Europas größtem klinischen Labor, dem Labor Berlin. Von Sylvia Tiegs
Wenn die Fachleute im Labor Berlin ein Drogenscreening machen, entgeht ihnen fast nichts. Alles beginnt hier in der Proben-Annahmestelle, einer weiß-bunten Welt aus hochmodernen, computergesteuerten Maschinen und unzähligen, farbig markierten Reagenzgläsern.
Die Röhrchen stehen in Behältern auf Tischen, fahren durch die Apparate, oder liegen zu Dutzenden in prall gefüllten Säcken. Viele sind mit Blut gefüllt, alle sollen untersucht werden. Worauf, das lesen Maschinen von Etiketten ab. Anhand eines Barcodes wird erkannt, was mit diesem Probematerial zu tun ist, welche Messungen also konkret bei diesem Material durchgeführt werden sollen. Es ist ein bisschen wie im Raumschiff Enterprise, findet Laborleiter Dr. Torsten Binschek-Domaß: "In aller Regel werden die Anforderungen elektronisch eingereicht, und es kommen von den einzelnen Stationen und Kliniken eigentlich nur noch die Probengefäße".
Schwerpunkt: Drogenscreenings
Bis zu 9.000 Proben kommen hier jeden Tag an. Eingeschickt werden die Röhrchen von etwa 100 Kliniken aus dem gesamten Großraum Berlin-Brandenburg, aus den Justizvollzugsanstalten und der forensischen Psychiatrie. Denn einer der Schwerpunkte des Labor Berlin sind Drogenkontrolluntersuchungen, zum Beispiel bei Gefängnisinsassen, Patienten von Drogeneinrichtungen oder bei Leuten, die laut Gerichtsauflage drogenfrei bleiben müssen.
Die Untersuchungen beginnen manchmal schon auf der Besuchertoilette des Labors. 3 bis 10 Kandidaten kommen täglich zur Urin-Abgabe hierher. In einem kleinen Schubladenschrank der Toilette ist alles drin, was dafür benötigt wird: Gummihandschuhe, Becher, Röhrchen, und ein Infrarot-Thermometer gehören dazu. Mit letzterem wird sofort die Urintemperatur gemessen, um sicherzustellen, dass nicht etwa aus einem Beutelreservoir über Schlauchsysteme substanzfreier, aber eben kalter, Urin angeboten wird.

"Unsere Erfahrung ist eben leider tatsächlich, dass wir immer wieder Situationen erleben, bei denen versucht wird, ein normales Drogenscreening zu vereiteln", sagt Laborchef Dr. Torsten Binschek-Domaß. "Durch Zugabe von Stoffen zum Urin bis hin zu vorgeschnallten Gummipenissen, durch die dann ein Kunst-Urin abgegeben wird."
Ob mit Attrappen oder substanzfreiem Urin, der über das Internet bestellt werden kann – getrickst wird häufig. Immerhin hängt von den Ergebnissen dieses Drogenscreenings unter Umständen sehr viel ab, wie Binschek-Domaß erklärt. Zum Beispiel, ob man das Sorgerecht zurückbekommt, den Führerschein behalten oder eine Therapie fortsetzen darf.
Wenn die Mitarbeiter vom Labor Berlin eine Manipulation beobachten, schreiten sie nicht ein. Sie wollen sich schützen vor möglichen aggressiven Reaktionen der Betroffenen. Das Labor meldet die Manipulation allerdings dem Auftraggeber, und der entscheidet dann, wie es weitergeht.
Gegen vielerlei Tricksereien gewappnet
Es gibt auch Kandidaten, die meinen, sie müssten nicht tricksen, weil sie sich für schlauer halten als das Labor, erzählt Torsten Binschek-Domaß: "Die Konsumenten tauschen sich ja heute auch intensiv über die modernen Medien aus: Was ist wie lange nachweisbar, welches Labor kann überhaupt was nachweisen. Ich habe durchaus schon Aussprüche von wegen, 'ich nehme doch kein Haschisch mehr oder kein Cannabis oder kein Gras, ich nehme nur noch synthetische Verbindungen, die könnt ihr ja nicht nachweisen!'"

Irrtum. Die Fachleute vom Labor Berlin wissen schon seit etwa zehn Jahren um die Vielzahl neuer, oft künstlich hergestellter Substanzen - und haben längst aufgerüstet. Etliche der Chemikalien, die hier für das Drogenscreening eingesetzt werden, möchte Laborchef Binschek-Domaß nicht gerne näher benennen: Firmengeheimnis. "Unsere Spezialität in dem Zusammenhang ist hier, dass wir massenspektrometrische Verfahren anwenden, um Substanzgruppen nachweisen zu können wie synthetische Cannabinoide, die ja in 2008 unter dem Begriff "Spice" das erste Mal öffentliches Interesse erlangt haben."
Außerdem beliebt: Cathinon, ein Amphetamin der Kathpflanze. Oder "Kratom", eine Art Opiumersatz. Oder auch die Partydroge BZP, ebenfalls künstlich hergestellt. All diese Stoffe findet das Labor Berlin immer wieder in den Proben der Drogenkontrolluntersuchungen.
Hinweise von Polizei oder Bewährungshelfern sind wichtig
Um immer auf dem Laufenden zu bleiben, wonach sie im Zweifelsfall suchen müssen, halten die Labormitarbeiter hier engen Kontakt mit Ärzten und Suchtexperten. Auch Hinweise von Polizisten oder Bewährungshelfern sind wichtig: ihre Eindrücke von offenbar berauschten Straftätern oder entsprechende Funde am Tatort geben auch den Toxikologen Tipps, wonach sie gezielt suchen sollten. So wurde vor ein paar Jahren klar, dass die Schmerzmittel Tilidin und Tramadol missbräuchlich und in großen Mengen eingenommen werden. Und dass eine Substanz den Markt erreichte, die verheerende Wirkung für ihre Opfer hat: GHB, auch bekannt als Liquid Ecstasy oder "K.O. Tropfen", eine Art "Vergewaltigungsdroge".
"Wir haben hier in Berlin mehrere ziemlich schlimme Fälle erlebt von jungen Frauen, die mit solchen Stoffen 'widerstandsunfähig' gemacht wurden, wie das im Behördendeutsch so schön heißt," sagt Dr. Torsten Binschek-Domaß. "Da ist natürlich immer das Problem, möglichst rasch herauszufinden, was für ein Stoff war das eigentlich."
Generell geht es Binschek-Domaß und seinen Mitarbeitern aber nicht darum, Drogen aufzuspüren, um ihre Konsumenten zu verurteilen. Das stünde ihnen gar nicht zu, sagt der Laborleiter. Seine Philosophie ist eine andere: Nur wenn bekannt ist, was für Substanzen im Umlauf sind und wie sie wirken, kann man den Menschen helfen, davon wieder wegzukommen.



