
Prozess um die "Pillenbande" - 200.000 in bar: "Ich dachte, das sei eine Ordnungswidrigkeit"
Gewinne in schwindelerregender Millionenhöhe: Im Prozess gegen die sogenannte Pillenbande hat am Freitag einer der Hauptangeklagten weitere Details enthüllt – und nur wenig Unrechtsverständnis gezeigt. rbb-Gerichtsreporterin Lisa Steger war bei der Verhandlung.
Im Prozess gegen die sogenannte Pillenbande vor dem Landgericht Potsdam sind am Freitag weitere Details über das Netzwerk bekanntgeworden. Den sieben Angeklagten wird vorgeworfen, über das Internet gefälschte Potenz- und Schlankheitsmittel verkauft zu haben. Die Gruppe soll sich so innerhalb von drei Jahren einen illegalen Gewinn in Höhe von mehr als 21 Millionen Euro erschlichen haben.
Ein Programmierer aus Pirmasens in Rheinland-Pfalz, der als einer der Haupttäter gilt, gab in der Verhandlung am Freitag an, zwischen 2008 und 2011 für seine Dienste rund 200.000 Euro erhalten zu haben - stets in bar. Dass er sich strafbar machte, war dem Pfälzer allerdings eigener Darstellung zufolge nicht klar. Er hielt seine Tätigkeit für eine Ordnungswidrigkeit.
rbb-Gerichtsreporterin Lisa Steger hat den Prozess am Freitag beobachtet.

Die Gewinne der "Pillenbande" sind laut Anklage etwa einhundert Mal so hoch gewesen wie beim Heroinhandel. Worum ging es in dem Strafverfahren heute?
Das Gericht hat den Angeklagten zu Beginn angeboten, dass sie geringere Strafen bekommen, wenn sie sofort gestehen. Drei haben davon schon Gebrauch gemacht, heute also Nummer Vier, der Programmierer aus Rheinland-Pfalz.
Er gibt zu, über 200.000 Euro Honorar bekommen zu haben, dafür, dass er Internetseiten der Bande programmierte. Er holte das Geld in bar ab. Er wusste irgendwann, dass einige Bandenmitglieder in Untersuchungshaft saßen, und machte trotzdem weiter. Wörtlich sagte er: "Ich dachte, solange die Pillen wirken, habe ich damit kein Problem. In Thailand wird so was auf der Straße verkauft."
Anderseits hat er die Potenzpillen selbst nicht genommen, weil er keine Ahnung hatte, was drin ist, sagte er. Der Mann will nicht gewusst haben, dass das, was er da machte, strafbar ist. Dies wurde ihm nach eigenen Worten erst in der Untersuchungshaft klar. Während der Verhandlung am Freitag sah es zwischendurch immer wieder so aus, als ob der Verteidiger ihn leicht anstupste - möglicherweise als Zeichen, nicht so viel zu sagen.
Was sagt denn der Richter dazu? Reicht ihm das als Geständnis?
Wahrscheinlich nicht. Dies war nun schon der vierte Angeklagte, der sich ahnungslos gab, und der Vorsitzende Richter Andreas Dielitz sagte heute wörtlich: "Sie wussten, dass die Sachen aus China kommen und viel billiger sind als in der Apotheke. Trotzdem haben Sie allen Ernstes darauf vertraut, dass es Originale sind? Das war doch höchstgradig illegal."
Es ist nicht sicher, dass der Deal zustande kommt. Dazu müsste die Kammer das Geständnis als "von Reue und Einsicht getragen" anerkennen. Dann, und nur dann, kann dieser Programmierer mit "deutlich über zwei bis drei Jahren" davonkommen, wie es ihm in Aussicht gestellt wurde.
Der Chef der Bande ist ja mittlerweile auch in Haft, wo hält er sich jetzt auf?
Der 44-Jährige wurde in Uruguay festgenommen, ausgeliefert und jetzt ist er in Brandenburg an der Havel in Untersuchungshaft. Im aktuellen Verfahren sitzt er nicht mit auf der Anklagebank, gegen ihn wird später verhandelt.
Glaubt man den jetzt Angeklagten, so hat der 44-Jährige praktisch allein die Fäden gezogen. Sie belasten ihn und sie belasten sich gegenseitig. Auf dem Flur des Gerichts würdigen sie einander keines Blickes. Die Komplizenschaft von einst ist vorbei.
Am kommenden Dienstag wird der Prozess fortgesetzt. Ein Urteil könnte im Juni fallen.


