
Prozessauftakt nach Schüssen auf Berliner Steuerberater - Keine Zeugen, keine Waffe, unklares Motiv
Ein Schuss in den Kopf, vier in den Oberkörper - diese Kugeln töteten im vergangenen Sommer einen 49-jährigen Berliner Steuerberater in dessen Kanzlei. Feuerte der 16-jährige Sohn die insgesamt zehn Schüsse auf den Vater ab? Ab Dienstag steht der Schüler deswegen vor Gericht - die Anklage wirft ihm heimtückischen Mord vor. Es wird ein schwieriger Indizienprozess. Von Ulf Morling
War es der Sohn des Opfers? Handelt es sich um eine Familientragödie, obwohl die Familie unter besten Bedingungen lebte? Die Staatsanwaltschaft zeigt sich überzeugt, dass im vergangenen August ein damals 16-jähriger Schüler seinen Vater, einen Steuerberater und Anwalt, in dessen Berliner Kanzlei heimtückisch ermordet hat. Zehn Schüsse soll der junge Mann abgefeuert haben. Ein Kopfschuss und vier Schüsse auf den Oberkörper trafen.

Großeltern gegen das jüngste Enkelkind
Wenn sich der Schüler ab Dienstag vor dem Berliner Landgericht verantworten muss, ist dies auch für seine Großeltern, die Eltern des getöteten Steuerberaters, der schwerste Gang ihres Lebens: Das Ehepaar, beide Mitte 70, will bei der Gerichtsverhandlung um den Tod ihres Sohnes dabei sein.
"Die beiden sind am Boden zerstört", sagt ihr Anwalt Roland Weber. "Sie erhoffen durch den Prozess Aufklärung: War ihr Enkel der Täter? Wer war beteiligt? Es gibt Indizien, dass der Täter nicht allein war." Im Prozess tritt das Ehepaar gegen ihr jüngstes Enkelkind auf, das als Mörder angeklagt ist.
Was geschah am Tattag?
Die zehn Schüsse peitschten am Mittag des 12. August 2013 durch die Steuerberater- und Rechtsanwaltskanzlei im gutbürgerlichen Berliner Westend. Der 49-jährige Jurist wird lebensgefährlich verletzt und stirbt im Krankenhaus. Noch am Tattag werden seine damals 16 und 18 Jahre alten Söhne von der Mordkommission vernommen und wieder freigelassen. Erst über zwei Monate später, am 22.Oktober 2013, wird der jüngste Sohn des Ermordeten inhaftiert.
"Der Angeklagte soll in die Steuerberatungs- und Rechtsanwaltskanzlei seines Vaters hinein gekommen sein. Er soll dann völlig unvermittelt die zehn Schüsse auf seinen Vater abgegeben haben. Fünf Schüsse sollen getroffen haben," sagt Gerichtssprecher Tobias Kähne.
Keine Zeugen, keine Waffe
Es gibt bisher keine unmittelbaren Tatzeugen. Die Tatwaffe ist bis heute verschwunden. Nur Patronenhülsen wurden am Tatort gefunden. Die Berliner Staatsanwaltschaft will anhand einer Indizienkette den jüngsten Sohn als Täter überführen (siehe Infobox).
Im Januar dieses Jahres erhob die Staatsanwaltschaft Anklage vor der 39. Jugendkammer des Berliner Landgerichts. "Es gibt eine Vielzahl von Indizien und Zeugenaussagen, aber keines dieser Indizien und Beweismittel ist für sich genommen ausreichend, um den Angeklagten zu überführen - nicht einmal ansatzweise. Das Gericht muss versuchen, aus der Gesamtheit dieser Indizien zu rekonstruieren, was passiert ist", sagt Gerichtssprecher Kähne.
Was war das Motiv?
Da der Angeklagte zur Tatzeit 16 Jahre alt und damit minderjährig war, gilt für ihn der besondere Schutz des Jugendstrafrechts. Deshalb fließen offizielle Informationen spärlich. Zum Motiv etwa will Gerichtssprecher Kähne nichts Näheres sagen. "Es steht nach dem Gesetz nicht die Bestrafung, sondern die Erziehung im Vordergrund. Aus Sicht des Gesetzgebers hält man es deshalb nicht für sachdienlich, dass solche Dinge erörtert werden.“
Fest steht, dass die vierköpfige Familie vor der Tat in Beruf und Schule Bilderbuchlebensläufe hatte. Allerdings hatte der später Getötete kurz vor der Tat die Scheidung eingereicht. Die Eltern des angeklagten Schülers lebten in Trennung. Aus diesem Grund waren zu Beginn der Ermittlungen familiäre Streitigkeiten als Motiv für die Tat angenommen worden. Auch deshalb läuft das Ermittlungsverfahren gegen die Witwe und den älteren, 18-jährigen Sohn des Ermordeten als Verdächtige weiter.

Monatelanger Prozess erwartet
Für den Prozess sind bis Ende Juli 19 Verhandlungstage vorgesehen. Den Vorsitz der 39. Jugendkammer führt der langjährig erfahrene Jugendrichter Uwe Nötzel. Er ist für seine umsichtige und professionelle Verhandlungsführung bekannt.
Am ersten Verhandlungstag wird nur die Anklage verlesen. Danach wird der 17-Jährige dem Vernehmen nach dem Gericht erklären, dass er die Aussage zu den Geschehnissen am Tattag verweigert. Damit wird der erste Prozesstag beendet. Erst nach Ostern wird die Verhandlung fortgesetzt. Für den gesamten Prozess ist die Öffentlichkeit aus Jugendschutzgründen ausgeschlossen.
Sollte der Sohn des getöteten Steuerberaters und Anwalts verurteilt werden, ist nach dem Jugendstrafrecht mit einer Jugendstrafe von höchstens zehn Jahren zu rechnen.
"Wie kommt ein 16-Jähriger an eine Waffe?"
Auch wenn ihr Enkel in dem Prozess voraussichtlich schweigt, so hoffen seine Großeltern dennoch auf viele Antworten. Wenn sich herausstellen sollte, dass er es war, der den Steuerberater erschoss, wollen die Großeltern mehr über das Motiv erfahren. Und eine ihrer dringlichsten Fragen, sagt Nebenklagevertreter Roland Weber, lautet dann folgendermaßen: "Wie kommt ein 16-Jähriger aus bestbürgerlichen Verhältnissen mir nichts, dir nichts an eine Schusswaffe?“

