
Gedächtniskirche bald ohne Buden - Schluss mit Currywurst
Knapp 20 Buden stehen rund um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz in Berlin-Charlottenburg. Händler verkaufen hier Currywurst und Crepes, oder auch Taschen und T-Shirts mit Berlin-Logo an Touristen. Seit 15 Jahren stehen die Händler hier, direkt am Ku'damm. Doch bis Ende April müssen die Händler mit ihren Buden verschwunden sein. Von Martin Donath
Im Sommer werden die jahrelangen Bauarbeiten an der Turmruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche abgeschlossen sein. Dann sollen nicht nur die Gerüste weg, sondern auch die Imbiss- und Souvenirbuden rund um die Kirche. Keine gute Nachricht für die Händler hier. "Ich bin der Meinung, dass die Stände eigentlich bleiben sollten", sagt eine der Verkäuferinnen, die an ihrem Stand Eulen und Drachen aus Holz anbietet. "Das sind alles selbstständige Leute hier. Die schickt man praktisch in die Arbeitslosigkeit, denn sie leben von den Touristen." Touristen, die nicht nur einkaufen wollen, sondern auch die Gedächtniskirche besichtigen.
1895 als Denkmal für Kaiser Wilhelm den Ersten errichtet, wurde die Kirche im Zweiten Weltkrieg zerstört. In den 50er Jahren entwarf der Architekt Egon Eiermann einen Neubau. Die Turmruine erhielt er als Mahnmal. Jahrelang war sie eingerüstet, nun sind die Bauarbeiten fertig. Die Gerüste sollen weg, und mit ihnen auch die Buden, sagt der Stadtrat für Stadtentwicklung in Charlottenburg-Wilmersdorf, Marc Schulte, der auch für Denkmalschutz zuständig ist. "Bei der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche handelt es sich ja um ein Denkmal, und dieses Denkmal kann man nur dann wahrnehmen, wenn es nicht eingehaust oder umstellt ist", so Schulte. Die Buden verschandeln seiner Ansicht nach den Blick auf das Denkmal: "Diese Holzbuden gehören einfach nicht zu dem Eiermann-Bau, das passt einfach nicht."
Eine Frage der Ästhetik? Für eine Crepes-Verkäuferin Mitte 40 eher ein Existenzproblem. Sie kann kaum noch schlafen, sagt sie. "Wir leben jetzt alle mit der Ungewissheit, wie es weitergeht, und wie wir weiter arbeiten können. Allein die Crepes-Stände, das sind schon 70 Mitarbeiter, die jetzt auf der Straße sitzen."

Zu wenig Geld für die Gemeinde
Für Martin Germer, Pfarrer an der Gedächtniskirche, ist es auch keine leichte Situation. "Es tut mir menschlich gesehen sehr leid, dass wir den Markthändlern jetzt sagen müssen, dass sie bei uns nicht mehr tätig sein können", sagt er. Aber er darf das Kirchengelände nicht mehr an die Händler verpachten. Damit gehen auch der Gedächtniskirche wichtige Einnahmen verloren. Denn obwohl sie jährlich eine Million Besucher hat und damit der meistbesuchte Ort in der evangelischen Landeskirche ist, erhält die Gemeinde Kirchensteuern nicht nach der Zahl ihrer Touristen, sondern ihrer Mitglieder. Und davon kann sie sich nur eine Pfarrstelle leisten. Zu wenig für eine Gemeinde, die täglich drei Andachten und jeden Sonntag zwei Gottesdienste macht. Durch den Markt konnte die Gemeinde bisher eine zweite Pfarrstelle mit finanzieren.
Neben den Einnahmen verliert Germer aber auch Menschen, die längst ein Teil der Gedächtniskirche geworden sind: "Von den Händlern, die bei uns tätig sind, sind relativ viele von Hause aus Muslime. Aber für sie ist es klar: Wir gehören hier zur Gedächtniskirche", sagt der Pfarrer. Viele Markthändler hätten sich mit der Kirche identifiziert. "Die haben da nicht nur Geschäfte gemacht, sondern auch buchstäblich die Köpfe hingehalten für uns", erinnert sich Germer. "Beim DFB-Pokalfinale vor eineinhalb Jahren hatten wir mal die Situation, dass unser Marktleiter von einigen Dortmund-Hooligans tätlich angegriffen worden ist. Er hat sich verpflichtet gesehen, dafür zu sorgen, dass die einen Bogen um die Kirche machen - das hat ihm ein gebrochenes Nasenbein beschert."
"Eine Kirche, die zum Himmel gestunken hat"
Der Markt habe auch geholfen, für Ordnung und Sicherheit rund um die Kirche zu sorgen. "Es gab jahrzehntelang um die Gedächtniskirche herum erhebliche Probleme, wo Kirchenbesucher sich bedrängt und angepöbelt fühlten", sagt Germer. Bis es den Markt gab, hätten sich viele Touristen nicht getraut, in die Kirche hineinzugehen – die Umgebung war wenig einladend. "Das dauernde Pinkeln an die Kirche von Leuten, die vorher entsprechend viel Bier konsumiert hatten; eine Kirche, die wirklich zum Himmel gestunken hat", so fasst Germer die Probleme zusammen. "Die Markthändler haben uns einfach durch ihre Existenz und durch ihr Interesse, ihre Umgebung in Ordnung zu halten, sehr geholfen."
Nun plant Martin Germer, ein Café vor der Gedächtniskirche zu eröffnen - wenn das Denkmalschutzamt mitspielt. Die Händler wollen eine Unterschriftenaktion machen, um doch noch bleiben zu können. Doch der Pfarrer geht davon aus, dass die Händler bis Ende April freiwillig den Platz räumen. Sonst droht Stadtrat Marc Schulte mit einer Zwangsräumung.


