Eine Polizistin sichert nach dem tödlichen Schuss auf einen bewaffneten Mann den Tatort am Neptunbrunnen vor dem Roten Rathaus in Berlin. (Quelle: dpa)

rbb-Film "Tödliche Polizeikugeln" - "Diese Menschen hätten Hilfe gebraucht"

Dieser Fall sorgte für Aufsehen: Im Sommer 2013 erschießt ein Polizist einen Mann, der mit einem Messer bewaffnet nackt im Berliner Neptunbrunnen badet. Die rbb-Dokumentation "Tödliche Polizeikugeln" beleuchtet die Hintergründe. Das Ergebnis: Zwei Drittel der Menschen, die in Deutschland von Polizisten getötet werden, sind nicht Schwerstkriminelle, sondern Menschen in psychischen Ausnahmesituationen. Ein Interview mit Norbert Siegmund, Autor des Films.

Herr Siegmund, Sie haben sich, wie viele damals, die Frage gestellt, ob die Polizei am Neptunbrunnen nicht auch anders hätte vorgehen können, ob der Mann wirklich sterben musste – und ob es noch mehr solcher Vorfälle gibt. Was haben Sie herausgefunden?

Wir hatten in Berlin in den letzten Jahren vier Todesfälle, die ähnlich gelagert waren. Das fand ich ziemlich erschreckend. Davon waren drei Menschen psychisch krank, der vierte ein Drogensüchtiger. Alle sind von Polizisten erschossen worden. Dabei sind das Menschen, bei denen man eigentlich das Gefühl hat, dass sie Hilfe von der Polizei gebraucht hätten. Ich habe mich gefragt, wie das so eskalieren konnte, warum das so ausgegangen ist. Es gab da zum Beispiel – diese Geschichte ist ja auch öffentlich bekannt geworden - den Mann im Wedding, der mit der Axt durch den Kiez gelaufen ist. Und dann kam die Polizei, die Situation eskalierte, es wurde zehnmal geschossen. Als der Mann schon am Boden lag, wurde ein Hund auf ihn gehetzt, er wurde mit Reizgas eingesprüht  - und da stellt sich schon die Frage: Muss man so mit einem psychisch Kranken umgehen? Mir erschien das unverhältnismäßig.

Norbert Siegmund (Foto: rbb/Martina Schrey)
Norbert Siegmund bei der Recherche

Ich habe mir von der Innenkonferenz bundesweite Zahlen kommen lassen und für das vergangene Jahr auch selbst recherchiert. Das Ergebnis: In den letzten fünf Jahren sind 38 Menschen durch Polizeikugeln ums Leben gekommen. 38 Menschen, die von Polizisten erschossen wurden. Fast immer, so heißt es, in Notwehr. Aber es gibt keine Auswertung, ob es sich bei den Getöteten um Kriminelle oder psychisch Kranke handelt. Oder um Verwirrte, wie in dem Berliner Fall.

Ich habe bundesweit versucht, über Artikel in den Lokalzeitungen etwas über die Zusammenhänge herauszufinden, mit Staatsanwaltschaften gesprochen. Herausgefunden habe ich, dass zwei Drittel der Getöteten entweder psychisch Kranke waren oder der Polizei bereits als psychisch auffällig bekannt. Oder auch Lebensmüde – und eben keine Mörder, Terroristen oder Geiselnehmer, wie man sich das als Laie vielleicht vorstellt.

Grafik: Schusswaffengebrauch von Polizisten (bundesweite Statistik) (Quelle: Innenministerkonferenz 2013, Niedersachsen)
Bundesweite Statistik: Schusswaffengebrauch von Polizisten in den Jahren 2002 - 2012 (Quelle: Innenministerkonferenz 2013, Niedersachsen)

Müssten Polizisten also stärker darin geschult werden, wer ihnen eigentlich gegenübersteht?

Experten sagen: ja. Die Polizeiausbildung muss eigentlich auf ein Phänomen ausgerichtet werden, mit dem die Polizei immer häufiger zu tun hat, nämlich dass psychisch Auffällige unterwegs sind und dass man mit diesen Menschen nicht umgehen kann wie mit normalen Kriminellen.

Ein Psychiater hat es mir so erklärt: Der Polizist sieht in einem psychisch Kranken, der auf der Straße oder in seiner Wohngemeinschaft mit dem Messer herumwedelt, vor allem den "normalen" Kriminellen. Der aber würde seine Waffe weglegen, wenn er sich einer Übermacht von Polizisten gegenüber sieht. Der psychisch Kranke versteht das nicht so. Der sieht sich selber bedroht und fuchtelt dann erst recht mit seinem Messer herum. Und das wiederum versteht der Polizeibeamte nicht. Der denkt, er habe es mit einem ganz besonders widerspenstigen Gegenüber zu tun, dem nur mit besonders harten Mitteln beizukommen ist.

Dadurch eskalieren Situationen, die möglicherweise nicht eskalieren müssten. Wenn Polizisten darin geschult wären zu erkennen, ob das ein Mensch ist, der eigentlich Hilfe braucht. Ein psychisch Kranker. Und die sich dann fragen: Müssen wir nicht erstmal einen Psychiater oder einen Psychologen rufen?

Wenn Menschen bei polizeilichen Einsätzen ums Leben kommen, gibt es danach ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren. Wird dann auch untersucht, ob es sich bei den Getöteten um psychisch Kranke handelte?

Da wird untersucht, inwieweit sich Beamte persönlich schuldig gemacht haben. In der Regel werden diese Verfahren aber mit der Begründung "Notwehr" eingestellt. Bei den Fällen, die ich mir angeguckt habe, hatte ich mitunter allerdings den Eindruck, dass es sich die Staatsanwaltschaften manchmal etwas leicht machen.  Auf jeden Fall sind wir als Gesellschaft hier in einer Art Teufelskreis: Die Verfahren werden eingestellt, es gibt also keine öffentliche Aufarbeitung mehr, wie das bei einem Gerichtsprozess der Fall wäre. Wir haben aber auch keine andere Art der Aufarbeitung solcher Tötungsereignisse durch die Polizei. Und das führt letztlich dazu, dass die Innenpolitiker immer sagen können: Wir haben kein Problem, wir wissen ja nichts davon. Und deswegen wird offenbar auch an der Polizeiausbildung nichts geändert.

Mit Ihren Erkenntnissen haben Sie auch den Berliner Innensenator Frank Henkel konfrontiert. Wie hat er reagiert?

Innensenator Henkel hat gesagt, dass es schon ein Problem wäre zu definieren, wer psychisch krank ist und wer nicht. Damit hat er im Prinzip erstmal recht, die Schwierigkeit hatte ich bei meiner Recherche auch. Aber Fachleute, Psychiater und auch Rechtswissenschaftler sagen, es wäre ein Leichtes, die Merkmale herauszuarbeiten. Oder Psychiater und Psychologen in die Polizeiausbildung zu schicken, die den Polizeibeamten sagen können: Wenn einer nackt im Brunnen schwimmt, dann wird er weniger der klassische Kriminelle, sondern eher der psychisch Kranke sein. Ich denke, hier muss man deeskalieren und nicht Staatsgewalt um jeden Preis durchsetzen.

Das Gespräch führte Martina Schrey

Mehr zum Thema