Eine Frau fotografiert mit einer Smartphon-App ihren Arm (Quelle: dpa)
Video: Abendschau | 22.07.2014 | Laurence Thio

Selbstdiagnose mithilfe von Apps - Die Vermessung des Ichs

Sie träumen von der totalen Selbst-Überwachung: Sensoren an ihrem Körper zählen alles, Puls, Herzfrequenz - jeden Schritt und jeden Atemzug. Digitale Selbstvermesser streben nach mehr Gesundheit, Fitness und Glück. Mit den Daten ändert sich ihr Verhältnis zum eigenen Körper - und womöglich das Vertrauen in die Medizin. Von Laurence Thio

Sie ist nicht zu sehen, aber immer da. Egal wo Phillip Kalwies gerade auf der Welt ist, sie folgt ihm. Und sie wächst mit jedem Schritt und jedem Atemzug. Eine gewaltige Datenwolke schwebt über ihm.

Schritte: 4.836. Herzfrequenz: 140. Schweißbildung: niedrig. In jeder Sekunde produzieren kleine Sensoren in seinem Armband und Apps in seinem Smartphone Daten über ihn.

Kalwies ist ein Selbstvermesser. Wie Tausende weltweit gehört er zur "Quantified Self"-Bewegung. Ihr Ziel: so viele Daten wie nur möglich über den eigenen Körper sammeln. Egal ob es um Blutzucker, Gewicht oder die Luftqualität im Schlafzimmer geht. Vor allem die Neugier treibt ihn dabei an, so Kalwies. "Natürlich ist die große weite Welt viel spannender als ich, aber die kann ich nicht vermessen. Deshalb fange ich bei mir an". Er habe auch schon Daten über sich selbst genommen, als es noch keine erschwinglichen Geräte und Apps gab, erzählt der Wahlberliner.

"Selbstvermesser" Philipp Kalwies trägt einen Schlafphasenmesser auf der Stirn (Quelle: rbb)
Kalwies mit Schlafphasenmesser "Die Welt kann ich nicht vermessen, deshalb fange ich bei mir an"

Das Leben als Kurve

Seine Rohdaten presst Philipp Kalwies in Kurven. Auf seinem Notebook trägt er gewissenhaft die Werte in Tabellen ein, die nicht automatisch über Apps eingespeist werden. Dann lässt er Analysen berechnen. Eine Kurve zeigt seinen Blutzucker-Spiegel. Eine Kurve den Gewichtsverlauf. Eine andere Kurve protokolliert seinen Schlaf. Außerdem hat er eine Gen-Analyse und ein Spermiogramm anfertigen lassen.

Drei Jahre seines Lebens liegen in Zahlen auf der Festplatte seines Computers – der Mensch als Datenmasse. Aber die Analysen sagen nichts, was man auch nicht in einem kurzen Gespräch mit Kalwies herausfinden könnte: "Ich bin kerngesund. Ich mache viel Sport, ich versuche jeden Tag 10.000 Schritte zu gehen. Ich könnte ein bisschen weniger wiegen. Was ich auch verbessern könnte, wäre mein Schlaf. Ich schlafe sehr unregelmäßig", sagt Kalwies.

Während er das erzählt, trägt er seinen Schlafphasenmesser. Ein Gerät mit drei Sensoren, das aussieht wie eine Stirnlampe, nur dass sie nicht leuchtet, sondern die Gehirnwellen aufzeichnet. Zusätzlich sind zwei weitere Sensoren an seiner Matratze befestigt, die seine Bewegungen und seine Atmung protokollieren.

Philipp Kalwies träumt von der totalen Selbstvermessung. Er hofft damit sein Leben so weit wie möglich zu optimieren, zu kontrollieren und mögliche Krankheiten bereits im Vorhinein zu identifizieren. Ist Kalwies ein zwanghafter Datensammler oder ist er Vorreiter?

Zehntausende Gesundheits-Apps

Zumindest ist die ständige Selbstdiagnose ein lohnendes Geschäftsfeld. Inzwischen gibt es etwa 15.000 Gesundheits-Apps in den App-Stores von Google und Apple. Fitness-Tracker – also Armbänder, Uhren und Gürtel mit integrierten Sensoren - kosten keine 100 Euro mehr. Sie sind leicht zu bedienen, niemand muss mehr Tabellen von Hand ausfüllen, das Smartphone übernimmt den Job und zeigt Tabellen, Kurven und Statistiken über die eigene Gesundheit an.

Pharmakonzerne unterhalten eigene Digitalabteilungen, die sich nur mit der Entwicklung von Apps und mobiler Medizintechnik beschäftigen. Auch die Krankenkassen beobachten die digitalen Selbstvermesser mit großem Interesse. Wissenschaftler und Politiker sind da langsamer als die App-Entwickler: bisher wird nicht geprüft, welche App als medizinisches Produkt gilt und welche dazu nicht taugt. In den USA gibt es bereits eine Art App-TÜV.

"Selbstvermesser" Matthias Elgeti bedient die Sauerkraut App auf einem Tablet (Quelle: rbb)
"Selbstvermesser" Matthias Elgeti bedient die Sauerkraut App auf einem Tablet.

Der Patient von Morgen könnte Diagnose hinterfragen

Die Selbstvermessung könnte das Verhältnis zur eigenen Gesundheit trotzdem verändern: Der Patient der Zukunft wird seine Fitness, seine Blutdruckwerte und seinen Kalorienverbrauch bestens kennen. Er wird die Diagnose des Arztes hinterfragen, seine Medikamente selbst dosieren und ausprobieren, was ihm gut tut.

So hat das auch bei Matthias Elgeti begonnen. Auch er ist ein Selbstvermesser. Seine Motivation ist nicht Neugier, sondern Schmerz. Als er 42 Jahre alt war, ging plötzlich nichts mehr. Die Finger taten weh, Töpfe fielen ihm aus der Hand und er kam kaum noch die Treppen hoch. Die Diagnose: Athrose in beiden Handgelenken und Entzündungen in den Knien. Die Ärzte empfahlen Mittel gegen die Schmerzen, machten ihm aber keine Hoffnung die Krankheit selbst zu bekämpfen.

Aus dem Urin lesen

Elgeti wollte sich damit nicht zufrieden geben. Im Selbstversuch nahm der Berliner  täglich mehrmals den ph-Wert seines Urins. Aus den Werten hat er eine Entsäuerungs-Diät abgeleitet und seine Ernährung auf mehr Gemüse umgestellt. Die ersten Resultate spürte Elgeti sofort. Nach drei Jahren war er dank Selbstvermessung und Diät schmerzfrei. Elgeti entwickelt nun eine eigene App. "Im Bereich Diabetes und Rheuma gibt es schon einige mobile Anwendungen. Für Arthrose gibt es so gut wie nichts auf dem Markt", sagt Elgeti. Die Entwicklung der App ist nicht ganz einfach – im Moment sucht er nach Testern. Elgeti will prüfen, bei wie vielen Nutzern sich sein Erfolg gegen die Arthrose wiederholen lässt. Sobald er dazu verlässliche Werte hat, will er die eigene App auf den Markt bringen.

Kalwies und Elgeti haben selbstvermessen ihr Leben geändert. Ob Tabellen, Diagramme und Datenkurven wirklich das Rezept sind für mehr Gesundheit und mehr Glück? Das ist bisher nicht messbar.

Beitrag von Laurence Thio