Der Nebenkläger Nasser A. sitzt am 12.03.2015 vor dem Verhandlungssaal im Kriminalgericht in Berlin, um dem Prozess gegen seine Entführer beizuwohnen (Quelle: dpa)
Video: Abendschau | 12.03.2015 | Norbert Siegmund

Deutsch-Libanese wehrt sich gegen Homophobie - "Ich bin kein Mensch, der sich versteckt"

Weil er homosexuell ist, entführt die Familie ihren eigenen Sohn, um ihn im Libanon zwangszuverheiraten. Doch der 18-jährige Nasser El-A. wehrt sich und verklagt anschließend seine eigene Familie - mit Erfolg. Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Vater und zwei Onkel des jungen Mannes am Donnerstag zu Geldstrafen. El-A. hofft, dass er mit seinem Fall nun eine Debatte anstößt - und andere Opfer seinem Beispiel folgen.

Innerhalb von fünf Minuten war am Donnerstag die Verhandlung um die Entführung des 18-jährigen Deutsch-Libanesen Nasser El-A. vor dem Amtsgericht Berlin-Tiergarten beendet. Der angeklagte Vater und die ebenfalls angeklagten beiden Onkel des jungen Mannes waren nicht vor Gericht erschienen.

Das Gericht wandelte das Verfahren daher in ein vereinfachtes Strafbefehlsverfahren um. Nun müssen die Angeklagten 90 Tagessätze zu je 15 Euro zahlen, wenn sie den Strafbefehl annehmen.

Der Kläger will offenbar keine weiteren rechtlichen Schritte gehen. "Ich habe es geschafft, diesen Fall vor Gericht zu bekommen", sagt El-A. nach dem Urteilsspruch. "Für mich ist das Kapitel damit abgeschlossen." Angst habe er nun aber nicht. "Ich bin kein Mensch, der sich versteckt. Ich will meine Sexualität nicht unterdrücken."

Die Familie wollte ihn in den Libanon verschleppen

Nasser El-A. hatte vor zwei Wochen seine Geschichte öffentlich gemacht und damit mit Tabus gebrochen: Homosexualität, Zwangsehe und familiäre Gewalt. Doch es war ihm wichtig, Scham und vermeintliche Ehre beiseite zu lassen: "Ich habe dadurch eine politische Debatte ausgelöst, und das war auch mein Ziel. Diese Debatte möchte ich auch aufrecht erhalten", sagte er vor dem Prozess dem rbb.

Nach seiner Schilderung wurde er im Oktober 2012 von seiner Familie entführt, die ihn gegen seinen Willen verheiraten wollte. Der Grund: Die Familie sei nicht damit zurechtgekommen, dass ihr Sohn homosexuell ist. 

Schon vor der Entführung wurde El-A. eigenen Schilderungen zufolge von seiner Familie drangsaliert. Sein Onkel habe ihn auf Geheiß des Vaters mit Benzin übergossen und gedroht ihn anzuzünden, erzählte er dem rbb. Am gleichen Tag habe er kochendes Wasser über ihn gegossen. Sein Vater habe zudem gedroht, ihm ein Messer in den Hals zu rammen.

Mehrfach lief der Jugendliche davon, suchte Hilfe beim Jugendamt. Seinen Eltern wurde das Sorgerecht entzogen. In seiner Abwesenheit organisierte die Familie Nassers Verlobung mit einer jungen Frau. Verwandte versuchten, ihn in den Libanon zu verschleppen. An der rumänisch-bulgarischen Grenze wurde das Auto gestoppt und El-A. zurück nach Berlin gebracht.

Zwangsehen für Homosexuelle führten schon zu Gewalttaten

Eine Zwangsehe für Männer ist in Berlin kein Einzelfall. Genaue Zahlen fehlen, doch von insgesamt 460 Fällen, die den Berliner Behörden bekannt sind, betreffen 29 Männer. Für den Psychologen und Integrationsexperten Kazim Erdogan ist Homosexualität ein wichtiges Thema, das nicht nur junge Männer betreffe, sondern auch viele Einwanderer der ersten Generation. "Sie haben Schamgefühle, viele sind Väter von drei oder vier Kindern. Sie sind als harte anatolische Paschas erzogen worden und können nicht nach 35 Jahren zu ihren Kindern gehen und sich plötzlich outen und damit als schwaches Geschlecht dastehen", sagte Erdogan dem rbb.

Im schlimmsten Fall wird aus dem Unrecht, das zwangsverheirateten schwulen Männern angetan wurde, Aggression gegen die für sie ausgewählten Frauen. Zwei solcher Fälle kennt Berlins Opferbeauftragter Roland Weber: "In diesen Fällen nahm eine Gewaltspirale ihren Lauf. Die Frauen haben uns geschildert, dass die Unzufriedenheit auf beiden Seiten zu Schubsereien und Ohrfeigen führte. Beide Fälle endeten damit, dass die Frauen von ihren Männern niedergestochen wurden."