Der kurz zuvor gesprengte ehemalige RIAS-Sendemast wird am 18.07.2015 in Berlin von Journalisten inspiziert (Quelle: dpa)
Video: Abendschau | 18.07.2015 | Laurence Thio

Historischer Sendemast gesprengt - Ehemaliger RIAS-Sendemast in Britz ist Geschichte

Mit ihm verschwindet ein Stück West-Berliner Vergangenheit: 1946 ging von Berlin-Britz aus der RIAS on air. Im Kalten Krieg wurde der Sendemast zu einem der leistungsstärksten Europas - wegen der DDR-Störsender. Doch nun hat der Fortschritt den Mast obsolet gemacht. Am Samstag wurde er gesprengt. Von Annette Bräunlein

Seit 1961 ragte der ehemalige RIAS-Sendemast in Berlin-Britz 160 Meter in die Höhe - und gehörte damit zu den höchsten Bauwerken Berlins. Doch seit Samstag gibt es diesen Orientierungspunkt nicht mehr: Um 14 Uhr wurde der Mast per Sprengung abgerissen.

Die Sprengung setzte an drei der Stahlseil-Verankerungen an, die den Mast hielten. Daraufhin fiel er, von den übrigen Stahlseilen gezogen, in sich zusammen - und landete dann innerhalb weniger Sekunden mit all seinen 55 Tonnen Gewicht auf einer Freifläche. "Das ist eine Stahlgitterkonstruktion, das kann man nicht sprengen wie zum Beispiel Beton", sagt Reinhardt Deuscher. Er ist beim Deutschlandradio, dem der Mast gehört, für die Programmverbreitung zuständig und koordinierte daher die Sprengung.    

Schaulustige bekommen etwas zu sehen

Wer jedoch auf einen lauten Knall bei der Explosion gehoffet hatte, konnte nur enttäuscht werden, kündigte Roland Domke von der Firma TVF Altwert schon vorab an. Seine Firma führte die Sprengung durch - mit sehr wenig Sprengstoff. "Eine Fensterscheibe im Abstand von 40 cm würde definitiv ganz bleiben."

Der letzte Sendemast, den die Firma in der Region gesprengt hat, war der Sendeturm der Richtfunkanlage in Berlin-Frohnau im Februar 2009. Der musste allerdings in zwei Teile gesprengt werden, "damit er nicht in voller Höhe fällt", erinnert sich Domke. Denn er war mit 358 Metern wesentlich höher als der Britzer Mast.

Wettlauf gegen Störsender

Mit der Sprengung verschwand auch ein Stück West-Berliner Geschichte aus Zeiten des Kalten Krieges: Am 4. September 1946 war von der Vorgänger-Sendeanlage am Britzer Damm aus der Rundfunk im Amerikanischen Sektor (RIAS) on air gegangen. Der Anfang war eher provisorisch: mit einem 800-Watt-Sender auf der Ladefläche eines amerikanischen Militärlastwagens.

Doch die Sendeleistung wurde schnell ausgebaut. Schließlich sollte der RIAS als "freie Stimme der freien Welt" auch die Bürger der DDR erreichen – was die DDR wiederum mit Störsendern zu unterbinden versuchte. "Das war wie ein Wettlauf", sagt Deuscher. "Die Störsender konnte man nur durch bessere Antennen und eine höhere Leistung übertönen."

Neben dem Sendemast in Berlin-Britz, der am 18. Juli 2015 gesprengt werden soll, steht das Senderhäuschen (Quelle: Deutschlandradio/ Bettina Straub)
Sendehäuschen mit dem Fuß des Mastes im Hintergrund

1953 war der Mast mit 300 Kilowatt auf dem Leistungshöhepunkt angekommen und einer der leistungsstärksten Mittelwellensender Europas. Allerdings reichte auch das nicht ganz aus: "Je größer die Entfernung von Berlin, desto stärker war das Knacken, Brummen und Zischen", so Deuscher. Indem sie den Empfang verschlechterten, sollten die Störsender die Hörer in der DDR von der RIAS-Frequenz vergraulen.

Seit 2013 abgeschaltet

Nach der Wende, 1994, übernahm das frisch fusionierte Deutschlandradio die Sendeanlage. Dazu gehörten damals Deutschlandradio Kultur – darin waren der RIAS und das Kulturprogramm des Rundfunks der DDR (zuletzt Deutschlandsender Kultur) aufgegangen – und der Deutschlandfunk.

Zuletzt wurde über den Mast Deutschlandradio Kultur per Mittelwelle übertragen. Doch seit September 2013 ist der Mast abgeschaltet. Bereits 2007 musste der Sendebetrieb in Britz teilweise eingestellt werden: wegen Schäden an der teils jahrzehntealten Technik, hieß es vom Deutschlandradio. Ein zweiter Mast war bereits im Herbst 2012 demontiert worden. Dieser musste damals mit einem Kran abgebaut werden, um den Sendemast, der nun gesprengt wurde, nicht zu beschädigen. "Die beiden Sendemasten", so Deuscher, "waren auch ein Wahrzeichen in Britz."

Ende einer rundfunktechnischen Ära

Gesprengt wurde nun letztlich aus finanziellen Gründen: Das sei notwendig, um die Kosten für Instandhaltung und Sicherheitsmaßnahmen so niedrig wie möglich zu halten, hieß es vom Deutschlandradio.

Denn auch wenn der Sender einstmals einer der leistungsstärksten in Europa war: Inzwischen kann die Mittelwelle nicht mehr mithalten. Das Digitalradio ist leistungsstärker und auch kostengünstiger. Deshalb setzen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten auf den Ausbau der digitalen Übertragung, das Digital Audio Broadcasting (DAB+). Damit folgen sie einer Empfehlung der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF). Diese hatte das Ende der Lang- und Mittelwellenübertragung gefordert. Wer nicht digital hören will, kann die drei Programme des Deutschlandradio aber weiterhin in UKW empfangen - über den Fernsehturm am Alexanderplatz.

Für Reinhard Deuscher geht mit dem Verschwinden des Britzer Sendemasts aber auch rundfunktechnisch eine Ära zu Ende. "Der Mittelwellenrundfunk begann 1923 in Berlin", erklärt er. Bis Ende des Jahres sollen die restlichen sechs Mittelwellensender in Deutschland abgeschaltet sein. "Da ist schon ein bisschen Wehmut dabei, dass die Mittelwelle nur fast die 100 Jahre erreicht hat."

Veranstaltungen und Hörfunkproduktionen

Nach der Sprengung soll der Britzer Mast zerlegt werden und wird dann wohl in der Stahlschmelze landen, meint Deuscher. Neben dem Mast selbst muss die gesamte Senderinfrastruktur abgebaut werden, darunter das Senderhäuschen, die Mastfundamente und Verkabelungen. Das Deutschlandradio will das Gelände verkaufen. Vorerst soll das Hauptgebäude aber noch genutzt werden: für Veranstaltungen und Hörfunkproduktionen.

Mit Informationen von Kai Ludwig

Beitrag von Annette Bräunlein

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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