Halbmondmoschee Wünsdorf. - Quelle: Museum des Teltow, Zossen.
Video: Brandenburg Aktuell | 17.07.2015 | Theresa Majerowitsch

Deutschlands erste Moschee vor 100 Jahren in Wünsdorf - Eine Holzmoschee für die kaiserliche Kriegspropaganda

Ein ganzes Jahrhundert ist es her, dass die erste Moschee auf deutschem Boden eingeweiht wurde – im brandenburgischen Wünsdorf. Ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte der deutsche Kaiser den dort inhaftierten muslimischen Kriegsgefangenen ein Gebetshaus geschenkt. Allerdings nicht aus reinem Humanismus. Von Amelie Ernst

Wer heute in Wünsdorf ein Minarett sucht, der sucht vergeblich: Wo einst die erste von Gläubigen genutzte Moschee Deutschlands stand, befindet sich heute ein Parkplatz. Nur die Moscheestraße erinnert noch an den historischen Ort.

Im Ersten Weltkrieg war der rot-weiß gestrichene Holzbau Teil eines Kriegsgefangenenlagers: Speziell für muslimische Araber, Inder und Afrikaner war hier am 15. Juli 1915 die erste Moschee auf deutschem Boden eingeweiht worden. Denn auf Seiten der Briten und Franzosen hatten auch mehrere Tausend Muslime gekämpft. Viele von ihnen gerieten im Verlauf des Krieges in deutsche Kriegsgefangenschaft – und landeten im sogenannten Halbmondlager in Wünsdorf.

Eher eine militärische Strategie

"Dort gab es Imame, also Vorbeter, es wurde kein Schweinefleisch zubereitet. Im Ramadan wurde darauf geachtet, dass die Gefangenen fasten konnten und abends die Hauptmahlzeit war. Man bemühte sich in Wünsdorf darum, dass die hier konzentrierten Muslime ihren Glauben wirklich leben konnten", erklärt Islamwissenschaftler Peter Heine. Doch warum machten die Deutschen den Kriegsgefangenen dieses ungewöhnliche Angebot? Peter Heine vermutet dahinter mehr militärische Strategie als reinen Humanismus: "Im Ersten Weltkrieg spielt das insofern eine Rolle, als man auf deutscher Seite Muslime als unterdrückte Kolonialvölker darstellen will. Die Deutschen treten nun auf als die Guten, als die großen Verteidiger des Islams in der Welt."

Die Moschee als Propagandamittel

Außerdem will man die Gefangenen als Überläufer gewinnen – was teilweise auch gelingt: Ungefähr 2.000 von ihnen kämpfen später an der Seite der Deutschen. Zudem dient das Wünsdorfer Halbmondlager als Imagefaktor. Das Militär lässt Tausende Postkarten drucken, die in alle Welt geschickt werden. Hauptmotiv darauf sei die Moschee gewesen, erzählt Silvio Fischer vom Museum des Teltow in Wünsdorf: "Postkarten waren damals ein Propagandamedium. Die Lager dienten ja der Propaganda. Heute würde man das über Twitter und Facebook verbreiten. Damals lief das eben über Postkarten aber auch über andere Medien, über Zeitungsartikel und ähnliches mehr."

Eine Holzmoschee als Kriegsinstrument

Doch das Bild der humanen Kriegspartei, das das Kaiserreich nach außen tragen will, stimmt nach innen nur bedingt: Über 900 Kriegsgefangene sterben im Wünsdorfer Lager – wegen der ungewohnten klimatischen Bedingungen, aber auch wegen der mangelnden Versorgung. "Man hat selbst diese Tatsachen noch propagandistisch verwertet, indem man das als große Zeremonie regelrecht gefeiert hat: Schaut Muslime der Welt, wir behandeln euch besser – selbst im Tode noch", sagt Fischer.

Mit dem Kriegsende hat das Wünsdorfer Halbmondlager seinen Zweck verloren. Die Moschee ist noch einige Jahre Ausflugsziel, wird dann aber Ende der 1920er-Jahre abgerissen. Eine Holzmoschee als Kriegsinstrument – für die Ewigkeit war sie nie gedacht.

Archäologen graben nach Überresten

Derzeit graben Archäologen in Wünsdorf nach Überresten der ältesten Moschee Deutschlands. Die Grabungen werden von Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin in Kooperation mit dem brandenburgischen Landesdenkmalamt durchgeführt und sollen bis zum 24. Juli abgeschlossen sein. Danach will das Land Brandenburg auf dem Gelände Container für Asylbewerber aufstellen.  

Beitrag von Amelie Ernst

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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