Abdelkader Daoud spricht am 22.09.2015 als Imam der Islamischen Gemeinschaft Ibrahim Al Khalil Moschee in Berlin-Tempelhof im Gebetsraum mit Journalisten (Quelle: dpa)
Video: Abendschau | 22.09.2015 | Rainer Unruh

Imam reagiert auf Razzia in Al Khalil Moschee - "Die Jugendlichen hören längst nicht mehr auf einen Imam"

Er soll zu Gewalt und Terror aufgerufen haben: Der Imam der Ibrahim Al Khalil Moschee in Tempelhof steht bereits seit geraumer Zeit unter Verdacht, in Berlin Menschen für Anschläge in Syrien zu rekrutieren. Nun reagiert er im rbb auf die Durchsuchung seiner Moschee.

Eine Moschee steht im Zentrum der Ermittlungen der Berliner Polizei: Beamte durchsuchten am Dienstagmorgen die Ibrahim Al Khalil Moschee in Tempelhof, sowie sieben weitere Wohnungen. Der Imam der Moschee, Abdelkader Daoud, wird verdächtigt, Dritte dazu angestiftet zu haben, sich in Syrien auf Seiten militant-jihadistischer Gruppen am bewaffneten Kampf gegen das Assad-Regime zu beteiligen, so ein Polizeisprecher.

Der Imam wehrt sich gegen diese Anschuldigungen. Im Gespräch mit der rbb Abendschau sagt er, dass er niemanden nach Syrien geschickt hätte, um dort zu kämpfen. Jeder, der am Freitag zum Gebet in die Moschee kommt, könne das bestätigen, übersetzte sein Sohn die Antworten des 51-jährigen Marokkaners.

Abdelkader Daoud führt als weiteres Argument dafür an, dass er gar keinen so großen Einfluss auf die Jugendlichen hätte: "Die Jugendlichen hören nur noch auf das, was sie im Internet finden. Sie hören nicht mehr auf einen Imam." Im Gegenteil: Einige Jugendliche hätten den Imam bereits als Ungläubigen bezeichnet und ihm das gemeinsame Gebet versagt, weil sie ihm vorwerfen, in Deutschland unter Nicht-Muslimen zu leben.

Innenräume der Al Khalil Moschee (Quelle: rbb/Miriam Keuter)
Über 2.000 Quadratmeter misst die Fläche der Al Khalil Moschee.

Imam im Visier des Verfassungsschutzes

Am Dienstagmorgen war die Polizei mit fast vierhundert Beamten im Einsatz, wie ein Polizeisprecher dem rbb berichtete. Die Moschee habe über 2.000 Quadratmeter Fläche. Bei den Razzien sollten Beweismittel wie Schulungsmaterial für die Rekrutierungen gefunden werden. Anhaltspunkte, dass Anschläge in Deutschland geplant seien, gebe es aber keine.

Die Generalstaatsanwaltschaft und das Landeskriminalamt ermitteln bereits seit einem halben Jahr gegen den Marokkaner. Schon im Verfassungsschutzbericht 2014 wird der Imam genannt. Er soll in seinen Predigten zu Terror und Gewalt aufgerufen haben, sagte Polizeisprecher Stefan Redlich rbb online. "Die Sorge besteht natürlich, dass diese Menschen sich in Syrien ausbilden lassen und irgendwann nach Deutschland zurückkehren", so Redlich. Bisher ist etwa ein Drittel der aus Deutschland nach Syrien ausgereisten Menschen zurückgekehrt.

Henkel: Präventionsprogramme werden gestärkt

Ermittelt wird auch gegen einen 19-jährigen Mazedonier, der im Verdacht steht, sich derzeit in Syrien am Kampf dschihadistischer Gruppen zu beteiligen. Die anderen sieben Wohnungen, die durchsucht wurden, befinden sich in Tempelhof, Neukölln und Charlottenburg. Hier vermutete die Polizei Kontaktpersonen der beiden Hauptverdächtigen. Ein Zusammenhang mit dem Messerangriff auf eine Polizistin in der Heerstraße besteht laut Polizei nicht.

Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) sagte nach den Durchsuchungen, die Ermittlungen zeigten, dass die Behörden die islamistische Szene fest im Blick hätten und jede Spur verfolgten. Ebenso wichtig seien jedoch auch Programme, um junge Menschen zurückzuholen, die in die gewaltbereite Salafistenszene abgerutscht seien. Die Prävention solle mit dem kommenden Doppelhaushalt und einem Landesprogramm deutlich gestärkt werden.

Hintergrund

Salafisten in Berlin

nach Angaben des Berliner Verfassungsschutzes und der Senatsverwaltung für Inneres. Die tatsächlichen Zahlen liegen aufgrund hoher Dunkelziffern vermutlich darüber.

Jahr Salafisten insgesamt davon gewaltorientiert
09/2015 670
350
12/2014 570 290
2011 350 100

Rückkehrer

Rund 100 Vertreter der islamischen Extremisten reisten nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden in den vergangenen Jahren Richtung Syrien oder Irak, um dort im Bürgerkrieg mitzukämpfen oder Terrororganisationen logistisch, finanziell oder propagandistisch zu unterstützen. Die wirkliche Zahl der ausgereisten Männer liegt wohl deutlich darüber.

Etwa ein Drittel der Ausgereisten kehrt nach Berlin zurück. Unter diesen Islamisten gibt es desillusionierte und erschöpfte Kämpfer. Andere kommen zurück, um Nachwuchs anzuwerben. Am meisten Sorgen bereiten dem deutschen Staat diejenigen, die weiterhin gewaltorientiert sind und möglicherweise Anschläge in Deutschland planen.

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

Studio Frankfurt

Vom Landkreis Oder-Spree bis zur Uckermark: Das rbb-Regionalstudio Frankfurt (Oder) mit Nachrichten, Reportagen und Hintergründen aus der Region.  

Das könnte Sie auch interessieren

Fahrgäste schieben die Tram in den Stromabschnitt (Quelle: Thomas Schröder)

Weiterfahrt gerettet - Fahrgäste schieben Berliner Straßenbahn an

Ein Baum fällt auf eine Oberleitung, Fahrstrom unterbrochen, Straßenbahn steht still: Nur wenige Meter trennen die M1 am Montagabend von der Stromzufuhr, damit sie weiterfahren kann. Frei nach dem Motto "selbst ist der Fahrgast" schoben die Insassen die 30 Tonnen schwere Tram an.