Die Polizei sperrt am 17.09.2015 die Heerstraße in Berlin-Spandau ab. Grund ist ein Polizeieinsatz, bei dem ein Mann getötet und eine Beamtin schwer verletzt wurden. (Quelle: rbb/Katrin Veuskens)
Video: rbb aktuell | 17.09.2015 | K. Breinig & A. Tiemeyer

41-Jähriger verletzt Polizeibeamtin schwer - Getöteter Angreifer war polizeibekannter Islamist

Er stand rund um die Uhr unter Aufsicht - und sollte eigentlich eine Fußfessel tragen: Der Mann, der am Donnerstag in Berlin-Spandau nach seinem Messerangriff auf eine Polizistin erschossen wurde, war ein verurteilter Islamist. Jetzt bedrohte der 41-Jährige Passanten mit einem Messer. Ob die Tat einen islamistischen Hintergrund hatte, ist noch unklar.

Der Angreifer, der am Donnerstagvormittag in Berlin eine Polizistin mit einem Messer verletzt hat und bei dem Polizeieinsatz erschossen wurde, war nach Angaben der Staatsanwaltschaft ein Islamist.

Bei dem Täter handelt es sich um den 41-Jährigen Rafik Y., wie die Berliner Staatsanwaltschaft am Abend auf einer Pressekonferenz bestätigte. Der Mann war 2008 vom Oberlandesgericht Stuttgart wegen Mitgliedschaft in der terroristischen Organisation Ansar-al-Islam zu einer Haftstrafe von acht Jahren verurteilt worden. Er hatte zusammen mit Komplizen im Jahr 2004 einen Mordanschlag auf den damaligen irakischen Ministerpräsidenten Ijad Alawi während eines Berlin-Besuchs des Politikers geplant.

Henkel: Behörden konnten Rafik Y. nicht abschieben

2013 sei er aus der Haft entlassen worden und habe seitdem unter Führungsaufsicht gestanden, musste sich einmal pro Woche melden und habe eine elektronische Fußfessel getragen. Die aber habe der 41-Jährige am Morgen entfernt. Wie er das bewerkstelligen konnte, muss noch geklärt werden, erklärte Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) im rbb. Die Polizei wurde daraufhin alarmiert, fuhr zu seiner Wohnung, fand ihn dort aber nicht vor. Gleichzeitig gingen die Informationen ein, dass der Mann in Spandau Personen mit einem Messer bedrohte.

Die Behörden hätten versucht, Rafik Y. in den Irak abzuschieben, teilte Henkel mit. Dies sei aber nicht möglich gewesen, weil ihm bei seiner Rückkehr in den Irak die Todesstrafe gedroht hätte. Daher habe ein rechtliches Abschiebungsverbot bestanden.

Erschossener hat sich "auffällig benommen"

Henkel erklärte weiter, es gebe Anhaltspunkte, die gegen ein geplantes Vorgehen des Irakers sprechen. Eine religiöse Motivation könne aber nicht ausgeschlossen werden. Für eine abschließende Einschätzung sei es aber zu früh, sagte er in der rbb-Abendschau. Henkel stellte noch einmal klar, dass es in Berlin etwa 300 gewaltbereite Salafisten gibt. Die Sicherheitsbehörden täten aber alles, um die Szene im Blick zu behalten und, wenn nötig, aktiv zu werden.

Nach Einschätzung des ARD-Terrorismusexperten Michael Götschenberg war Rafik Y. nicht in der gewaltorientierten salafistischen Szene in Berlin vernetzt. Im Moment deute nichts zwingend darauf hin, dass es sich bei den Messerangriffen um einen geplanten Anschlag handele, sagte Götschenberg im rbb. Bereits bei dem Gerichtsverfahren 2008 sei die Frage gestellt worden, ob der Mann zurechnungsfähig sei. Auch am Donnerstag sei er als verwirrt beschrieben worden.

Die Oberstaatsanwälte Michael von Hagen (M., Staatsanwaltschaft Berlin) und Dirk Feuerberg (Generalstaatsanwaltschaft Berlin) sowie der Leiter der Mordkommission, Andreas Maaß (l), geben am 17.09.2015 in Berlin eine Pressekonferenz zu den Ereignissen auf der Heerstraße.(Quelle: dpa)
Der Leiter der Mordkommission, Andreas Maaß, und die Oberstaatsanwälte Michael von Hagen und Dirk Feuerberg (v.l.) bei der Pressekonferenz am Donnerstag

Die Wohnung von Rafik Y. wurde nach Angaben der Staatsanwaltschaft durchsucht und auf Hinweise zu terroristischer Plänen überprüft. Der Iraker sei seit seiner Entlassung "ausgesprochen aggressiv aufgetreten", es habe mehrere Fälle von Bedrohung gegeben. Dies habe er damit gerechtfertigt, dass die Opfer gegen seine Religion verstoßen hätten.

Zur genauen Ermittlungen der Todesursache wurde bei dem Mann eine Obduktion durchgeführt. Ober er unter Drogen stand, soll ein Bluttest klären. Die Ergebnisse liegen noch nicht vor. Es gebe Hinweise darauf, dass sich der 41-Jährige sehr auffällig benommen habe. "Auch die Tatsache, dass er ihm völlig unbekannte, wildfremde Personen bedroht hat, spricht dafür, dass es möglicherweise zu psychischen Problemen bei ihm gekommen ist", so Oberstaatsanwalt Michael von Hagen. "Aber das ist im Moment Spekulation."

Polizistin durch Messer und Schuss verletzt

Wie der Leiter der Mordkommissionen, Andreas Maaß, erklärte, habe sich der Täter am Donnerstagmorgen von der Ecke Heerstraße/Gatower Straße in Richtung der Pichelsdorfer Straße bewegt. Es sei ein Notruf eingegangen, dass der Mann mehrere Personen mit einem Messer bedrohe, daraufhin wurden vier Einsatzwagen an die Heerstraße beordert. Nach den bisherigen Erkenntnissen habe der erste Streifenwagen, besetzt mit einer Polizeibeamtin und einem Beamten, neben dem Mann gehalten.

Vermutlich habe die Beamtin ihm zugerufen, dass er das Messer fallen lassen solle.  Der 41-Jährige habe sie sofort attackiert und ihr ein Klappmesser mit einer neun Zentimeter langen Klinge in Hals und Schulter gestochen. Daraufhin habe ihr Kollege geschossen.

Dabei wurde die Polizistin, die eine Sicherheitsweste trug, lebensgefährlich verletzt und musste mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden. Ihr Zustand ist inzwischen den Angaben zufolge stabil, befragt werden konnte sie aber bis zum Abend noch nicht. Wie Maaß erklärte, habe die Polizistin verschiede Verletzungen: Stichverletzungen im Schulter- bzw. Halsbereich, sowie eine Schussverletzung im Bereich der Hüfte. "Und da der inzwischen verstorbene Angreifer keine Schusswaffe dabei hatte, muss man davon ausgehen, dass diese Schussverletzung von dem Polizeibeamten verursacht wurde."

Absperrungen nach Schießerei an der Heerstraße (Quelle: rbb / Katrin Veuskens)
Die Heerstraße war zwischenzeitlich gesperrt, BVG-Busse mussten einen Umweg fahren.

41-Jähriger innerlich verblutet

Der 41-Jährige starb trotz Wiederbelebungsversuchen in einem Krankenwagen noch am Tatort. Er war am Ellenbogen und im Bereich der Hüfte getroffen worden. Nach bisherigen Erkenntnissen sei er innerlich verblutet, hieß es. Gegen den Polizeibeamten, der geschossen hat, wurde - wie in solchen Fällen üblich - ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Innensenator Henkel gab dem Beamten Rückendeckung: Er habe seiner Kollegin sehr wahrscheinlich das Leben gerettet, sagte Henkel in der rbb-Abendschau, "Gott sei Dank".

Eine Zeugin berichtete, sie habe kurz vor 10.00 Uhr mindestens drei Schüsse nahe des Hauses Heerstraße 223 gehört, als sie mit ihrem Hund spazieren war. Eine weitere Zeugin sprach von vier Schüssen, die sie gehört habe.

Passanten wurden nach dem vorläufigen Ermittlungsstand bei dem Vorfall nicht verletzt. Allerdings prüften die Behörden nach eigenen Angaben noch einen möglichen Zusammenhang mit einem anderen Messerangriff, der sich zuvor ereignet hatte.

Die Heerstraße war wegen des Polizeieinsatzes zwischen Gatower und Pichelsdorfer Straße stadteinwärts über Stunden komplett gesperrt.

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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