Links oben: Ein Wolf schaut hinter einem Nadelbaum hervor | Links unten: Ein Biber schwimmt im Fluss | Rechts oben: Ein Reh steht im Feld und leckt sich das Maul | Rechts unten: Raupen des Eichenprozessionsspinners sitzen auf einem Ast (Quelle: alle 4 Fotos von imago/blickwinkel)

Biber, Wolf, Wild und Prozessionsspinner in Brandenburg - Mit den Tieren leben - oder sie ausrotten?

Gerissene Schafe, angefressene Bäume, geflutete Keller und juckender Hautausschlag - die heimischen Wildtiere sorgten auch 2015 für Diskussionen. Bevölkerung, Politik, Tierschützer und Jäger streiten darüber, welches Tier am meisten Schaden anrichtet. Aber wie sieht die Situation in Brandenburg nüchtern betrachtet aus? Von Jule Kaden

Der Wolf gönnt sich täglich ein Schaf und ein Kalb, der Biber flutet sämtliche Keller, Bambi frisst die brandenburgischen Waldgebiete kahl. Und der Eichenprozessionsspinner? Der frisst die restlichen Bäume und löst allergische Reaktionen aus. Überspitzt ein Bild, das sich aus der Diskussion ergibt, die Bevölkerung, Politik, Tierschützer, Jäger und Presse regelmäßig führen. Die Debatte ist vor allem eines: emotional. Zeit also, ganz nüchtern einen Blick auf Zahlen, Fakten und Hintergründe zu werfen - die in der Diskussion manchmal vergessen werden.

ein junger Rehbock frisst an Zweigen (Quelle: imago/CHROMORANGE)
Reh-, Dam- und Rotwild erfreuen sich besonders an jungen Bäumchen. Damit schaden sie dem Jungwald.

Wild

Kleine Knospen, saftige Blätter, Rinde und junge Triebe - all das schmeckt Waldbewohnern wie Reh-, Dam- und Rotwild besonders gut. Insbesondere dann, wenn es sich um junge Pflanzen und heranwachsende Bäumchen handelt. Ein Problem für die 1,1 Millionen Hektar großen Waldgebiete in Brandenburg: Jede zweite Jungpflanze ist durch den so genannten Wildverbiss geschädigt, schlimmstenfalls stirbt sie ab.

Nicht zuletzt wegen des Klimawandels und relativ milder Winter ist das Nahrungsangebot besser, und auch schwache Tiere überleben, sagt Jens Uwe Schade, Sprecher des Brandenburger Umweltministeriums. In Brandenburg steige deshalb der Wildbestand Jahr für Jahr an. Die Jagdstrecken, also die Anzahl der geschossenen oder durch Unfälle getöteten Tiere, nehmen hingegen nur wenig zu. Der Bestand sei sogar höher als zu DDR-Zeiten, als die Regierung ihn künstlich oben hielt, sagt Schade. Brandenburg ist nicht nur eines der waldreichsten, sondern auch eines der wildreichsten Bundesländer Deutschlands.

Ein Reh steht im Feld und leckt sich das Maul (Quelle: imago/blickwinkel)
Der Wildbestand ist laut Umweltministeriumssprecher Jens Uwe Schade heute höher als zu DDR-Zeiten.

Bisher hat das Land versucht, dem Verbiss durch Einzäunen des Jungwaldes vorzubeugen. Doch das ist teuer. Die Kosten für Aufbau und Unterhaltung schätzt Carsten Leßner, Referatsleiter für Wald und Forstwirtschaft des Umweltministeriums Brandenburg, Ende 2014 auf jährlich bis zu acht Millionen Euro. Seit 2015 verzichtet der Landesbetrieb Forst nun auf diese Schutzmaßnahmen und zieht die Jäger stärker in die Pflicht.

Dass das funktionieren kann, zeigt das Beispiel des Hatzfeldt-Wildenburg'schen Jagdreviers in Rheinland-Pfalz. Ohne Zäune, allein durch Jagd und die damit verbundene erhebliche Reduzierung des Wildbestandes konnte der Wald verjüngt werden. Jedes geschossene Reh entspricht einem Wert der Verjüngung von 1.400 Euro, die sonst in Bepflanzung, Umzäunung und Instandsetzung hätten investiert werden müssen.

Ein Biber schwimmt im Fluss (Quelle: imago/blickwinkel)
In Brandenburg leben bis zu 3.500 Biber, davon 600 in Märkisch-Oderland.

Biber

Zwei Bibermanager und eine Biberverordnung für Brandenburg sind das Resultat aus dem Jahr 2015. Mit seinen Zähnen und Pfoten macht der Biber Landwirten, Dorfbewohnern und Fischern das Leben schwer.

Er unterwühlt Deiche, fällt Bäume, setzt damit Keller unter Wasser und verwüstet Fischteiche. Im Grunde ist er ziemlich unbeliebt, obwohl der Biber zu den schützenswerten Arten gehört und seine Wiederansiedlung nach der Wende gewollt war. 3.000 bis 3.500 Biber leben derzeit in Brandenburg. Der Bestand sei wieder gesichert, sagt Georg Baumann, Geschäftsführer vom Landesjagdverband Brandenburg. Sein europäischer Schutzstatus könne also wieder geändert werden.

Seit April gibt es nun eine Biberverordnung, seit September sogar zwei Biber-Manager. Das Land Brandenburg stellt jährlich 300.000 Euro zur Gewässer-Prävention zur Verfügung. Zusätzlich soll es von der EU einen Fördertopf mit 700.000 Euro bis 2020 geben - bei gleichmäßiger Verteilung also zusätzlich 140.000 Euro im Jahr - für die Sicherung von Dämmen, Deichanlagen und Bäumen mittels Drainagen.

Ein Biberdamm staut Wasser eines kleinen Flusses (Quelle: imago/blickwinkel)
Durch Biberdämme können Felder geflutet und Keller überschwemmt werden.

Das reiche aber nicht aus, sagt Lars Dettmann vom Landesfischereiverband, denn Brandenburg verfüge über 4.000 Hektar Teichflächen: "Wenn wir davon nur 50 Prozent gegen Biber-Schäden sichern wollen, brauchen wir etwa 55 Millionen Euro. Ich weiß nicht, woher dieses Geld kommen soll."

Alle Teiche müssten gar nicht gesichert werden, widerspricht Andreas Piela, Leiter des Referats für Artenschutz im Umweltministerium. Es gebe beispielsweise Biberfallen und im Notfall auch eine Ausnahmeregelung, so Piela, die bei genauer Prüfung des Falls durch die Biber-Manager auch einen Abschuss der Tiere ermöglicht; zum Beispiel bei Hochwasserschutzanlagen. Für alternatives Jagen und Entfernen der Biber sei der Landkreis zuständig. Vor allem Märkisch-Oderland ist betroffen: 600 Exemplare leben hier.

Andreas Piela sieht auch viel Gutes in dem Nager, vor allem für die Zukunft: "Er hält Wasser zurück, wovon es in den nächsten Jahren eher zu wenig geben wird." Außerdem schaffe er neue Biotope und Feuchtgebiete, die Lebensräume für eine ganze Reihe neuer Tiere bieten und so zur biologischen Vielfalt beitragen.

Raupen des Eichenprozessionsspinners sitzen auf einem Ast (Quelle: imago/blickwinkel)
Weil die Temperaturen im Frühjahr nicht einbrechen, überleben viele EPS-Raupen.

Eichenprozessionsspinner

Mit ihren weißen, feinen Haaren sieht die Raupe des Eichenprozessionsspinners (EPS) ganz kuschlig aus, ist aber in Wirklichkeit ein eher unangenehmer Zeitgenosse: Der Eichenprozessionsspinner schädigt nicht nur den Baumbestand, seine Brennhaare können auch heftige allergische Reaktionen auslösen. 

Da die natürlichen Gegenspieler mit der massenhaften Vermehrung der Eichenprozessionsspinner allein nicht mehr fertig werden, greift der Forst zur biologischen Insektizidkeule. DIPEL ES heißt das selektiv wirkende Präparat. Es wirkt jedoch nur, wenn der Prozessionsspinner noch im Raupenstadium ist. Auf andere Lebewesen habe das Mittel keine oder nur sehr geringe Auswirkungen, da es erst im Darm bestimmter Raupen toxisch wirke, sagt Jörg Ecker, Referatsleiter für Forsthoheit im Landesbetrieb Forst Brandenburg, ganz nach dem Motto: "Das Wildschwein kümmert es nicht, wenn die Raupenlarve Bauchweh hat."

Es gibt immer wieder Diskussionen, inwieweit DIPEL ES auch andere Raupen töten könnte. Jörg Ecker sieht jedoch vor allem den Nutzen: "Wenn die EPS-Raupen den Wald völlig kahlfressen - und das können sie leicht - ist der gesamte Lebensraum viel stärker in Mitleidenschaft gezogen. Andere Tierarten verlieren dann auch ihre Nahrungsgrundlage."

Ein Mitarbeiter der DHD Helliservice GmbH befüllt am 13.05.2013 bei Potsdam (Brandenburg) den Außentank eines Hubschraubers mit einem Insektizid gegen den Eichenprozessionsspinner. Das Land Sachsen-Anhalt musste in diesem Jahr deutlich weniger Waldfläche gegen Eichenschädlinge besprühen als 2012 (Quelle: Marc Tirl/dpa)
Mit Hubschrauber und dem biologischen Insektizid DIPEL ES geht es den Schmetterlingsraupen an den Kragen

Die Raupen bevorzugten 2015 die Landkreise im Nordwesten: Prignitz und Ostprignitz-Ruppin. Aber auch Kreise wie Oberhavel, Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming waren betroffen. Laut Umweltministerium wurde durch Monitoring bereits festgestellt, dass der Eichenprozessionsspinner gen Süden wandert und auch 2016 weiterhin massiv bekämpft werden muss. Kostenpunkt allein in diesem Jahr: 1,3 Millionen Euro.

Wolf

Das Bild vom bösen Wolf, der kleine rotbekappte Mädchen und ihre Großmütter oder Geislein frisst, ist seit Jahrhunderten in den Köpfen der Menschen verankert. Seit 2007 ist der Wolf wieder in den brandenburgischen Wäldern heimisch, derzeit mit rund 120 Tieren, darunter elf Rudel, ein Paar und Einzelgänger. Bisher gab es keine Zwischenfälle zwischen Wolf und Mensch in Brandenburg, auch ein Problemwolf, der die Scheu zu Menschen verloren hat oder sich anderweitig auffällig verhält, ist bisher nicht aufgetreten - die Angst bisher unbestätigt.

Ein Wolf schaut hinter einem Nadelbaum hervor (Quelle: imago/blickwinkel)
Mit 120 Tieren wieder heimisch in Brandenburg: der Wolf.

"Wir werden lernen müssen, mit dem Wolf zu leben", sagt Jörg Vogelsänger, Brandenburgs Agrar- und Umweltminister. "Das ist nicht konfliktfrei, gerade wenn Schafe oder Kälber gerissen werden." Trotz steigender Wolfspopulation ist die Zahl der gerissenen Nutztiere durch entsprechende Schutzmaßnahmen seit 2011 rückläufig, sagt Andreas Piela vom Artenschutzreferat am Umweltministerium.

Im Schnitt werden in Brandenburg jährlich 50 bis 60 Schafe vom Wolf gerissen. Für den Landwirt ist jedes Schaf zu viel, dennoch ist der Anteil gerissener Nutztiere mit Blick auf den Bestand verschwindend gering. 2013 gab es laut Statistischem Jahrbuch 90.400 Schafe in Brandenburg, gerissen wurden 46. Im Jahr 2015 waren es bis Ende November 66 Schafe.

Insgesamt hat der Wolf seit 2007 in Brandenburg 13 Kälber gerissen. Demgegenüber stehen nach Angaben von SecAnim, einer Firma für Tierkörperbeseitigung, jährlich 11.000 anderweitig verendete Kälber. Das Umweltministerium plädiert deshalb für eine "angemessene Betrachtung der Relationen und Behandlung im Schadensmanagement".

Durch Wölfe gerissene Nutztiere in Brandenburg (Zeitraum: 2007 bis 2015)

Darüber hinaus ist Axel Kruschat vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) der Meinung: "Jetzt, da die EU-Förderung läuft, gibt es eigentlich keinen Grund mehr, warum Weidezäune stehen, die nicht wolfsicher sind." Mit rund 132.000 Euro förderte der Naturschutzfonds 2015 Wolfsprävention in Brandenburg: wolfssichere Elektrozäune, Untergrabungsschutz sowie allgemeine Aufklärung. Für gerissene Nutztiere zahlte das Umweltministerium bis Ende November etwas mehr als 4.000 Euro Entschädigungen. Ab kommendem Jahr werden zusätzlich Herdenschutzhunde gefördert: "Wir beleben eine alte Tradition wieder, die es in Europa überall gab, aber hier total verloren gegangen ist", sagt Andreas Piela.

Ein Wolf reißt Damwild (Quelle: imago/blickwinkel)
Vor allem Landwirte fürchten den Nutztiere reißenden Wolf.

Befürchtungen, dass der Wolf bei einem täglichen Fleischkonsum von drei bis vier Kilogramm Wild den Bestand der Tiere angreift, haben sich bisher nicht bestätigt, so Piela. Einzig das Verhalten des schreckhaften Wilds verändere sich in den bis zu 25.000 Hektar großen Wolfsrevieren. Die Jäger müssten demnach ihre Jagdstrategien anpassen, denn das Wild verstecke sich mehr. "Rein ökologisch gesehen unterstützt der Wolf die Ziele der Forstwirtschaft den Bestand des Brandenburger Wilds in den kommenden Jahren zu verringern."

Mensch und Tier

Doch auch neben der Jagd kann der Mensch dem Tier gefährlich werden: auf Autobahnen und Landstraßen. Bis Ende November verzeichnet die Polizei Brandenburg rund 14.300 Wildunfälle; das sind rund 40 pro Tag. Bei etwa zehn Prozent der Zusammenstöße werden Personen verletzt - in diesem Jahr bisher ohne Todesfolge. Auf Seiten der Tiere sieht es anders aus. Gerade bei höheren Geschwindigkeiten wie auf Autobahnen oder Landstraßen überleben die Tiere die Zusammenstöße häufig nicht, sagt Georg Baumann vom Landesjagdverband.

Am meisten sind Rehe in Unfälle verwickelt: Etwa 90 Prozent der bundesweiten Zusammenstöße stehen im Zusammenhang mit den schreckhaften Tieren, so Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdverband.

Eine Wildbrücke über die A31 bei Dorsten (Quelle: imago/Hans Blossey)
Spezielle Brücken zur Vermeidung von Wildunfällen gibt es in Brandenburg nur wenige: Auf der A11 in der Uckermark, A13 Großräschen und A9 Niemegk.

Angesichts des zu großen und immer weiter steigenden Wildtiervorkommens in Brandenburg ist dies in Bezug auf Reh und Wildschwein ein "kleines Übel". Für den Wolf sieht es allerdings schlechter aus. 70 Prozent aller in Brandenburg zwischen 1991 und 2015 tot gefundenen Wölfe wurden überfahren - in diesem Jahr allein acht, der letzte erst vor kurzem auf der A24. Und immer wieder werden Wölfe Opfer von Wilderern - obwohl die illegale Tötung mit 10.000 bis 50.000 Euro bestraft wird.

Beitrag von Jule Kaden

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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