Abdrücke von Händen. (Quelle: imago | CHROMORANGE)

Interview mit Professorin für Geschlechter und Rassismus - "Sexualisierte Gewalt demonstriert Macht"

Ungewollte Hände an der Brust, am Po und im Schritt. Sexuelle Gewalt erschüttert - immer und überall: auf dem Oktoberfest, an Karneval, in der Silvesternacht in Köln. Helgard Kramer forscht zum Thema Gender und Rassismus - im Interview spricht sie über die Gründe für sexuelle Übergriffe und fordert mehr Prävention gegen frauenfeindliche Gewalt.

Frau Kramer, inwieweit sind die Ereignisse in Köln Ihrer Meinung nach ein neues Phänomen für Deutschland?

Sexuelle Übergriffe passieren immer wieder auf Großveranstaltungen. Aber was mir im "Fall Köln" bedeutsam erscheint, ist, dass Justizminister Maas gesagt hat, da sei organisierte Kriminalität am Werk gewesen. Die Berichte, wonach "tausende nordafrikanisch aussehende Männer" sich versammelt haben und aus dieser Menge heraus Übergriffe begangen wurden, das hat mir doch zu denken gegeben, weil das ja schon ein neues Phänomen ist: dass so massiv gleichzeitig gestohlen, geraubt und bestimmte sexuelle Übergriffe begangen wurden.

Hat dieses Empfinden etwas damit zu tun, dass das Aussehen der mutmaßlichen Täter - angesichts der jetzigen gesellschaftlichen Debatte - beschrieben wurde?

Ich denke, dass überhaupt erwähnt wird, wie sie aussahen, spricht schon sehr für die Vereinnahmung für eine bestimmte Argumentation gegen Flüchtlinge und Migranten. Ein Polizei-Beamter in Köln hat gesagt, dass das "den Rechten in die Hände spielen wird", wenn die Ereignisse als "Konsequenz" der wachsenden Flüchtlingszahlen ausgegeben werden.

Was sagen Sie dazu?

Ob das nun eine organisierte Sache war - man vermutet ja, dass sich die Täter vorher verabredet haben - oder eben einfach junge Männer, die zu viel getrunken haben und dann erst auf die Idee kamen Leuten die Handtaschen und Handys zu klauen, oder Frauen anzutatschen: Das ist kein Phänomen, das irgendwie systematisch etwas mit nordafrikanisch aussehenden Männern oder Flüchtlingen zu tun hätte. Denn nordafrikanisch oder arabisch aussehende Männer neigen in keiner Weise stärker zu solchen Straftaten, als Männer, die nicht afrikanisch oder sonstwie aussehen.

Womit hat es dann etwas zu tun?

Nun, wenn sehr angetrunkene Männer, die den Alkohol vielleicht auch nicht so gewohnt sind, zusammen sind, dann gibt es öfter sexuelle Übergriffe. Das wäre jetzt also der Versuch, auf einen Vorfall zurückzuführen, wie er auch auf dem Oktoberfest oder im Kölner Karneval nicht so selten vorkommt.

Wie kommt es zu sexualisierter Gewalt gegen Frauen?

Frauen werden am ehesten in der Familie und im Bekanntenkreis Opfer von sexuellen Übergriffen, das stimmt für alle EU-Länder. Bei Untersuchungen von sexueller Gewalt und Vergewaltigungen, die auch ausführlich vor Gericht zur Sprache gekommen sind und wo die Täter von Psychologen untersucht wurden, ist immer recht klar, dass das weniger mit sexuellen Wünschen zu tun hat, als mit der Ausübung von Macht. Dass sich die Täter selbst über die Frauen stellen und sie zum Opfer machen können, durch sexuelle Anspielungen und Übergriffe. Das hat mit bestimmten patriarchalischen Zügen zu tun, die aber nicht nur in nordafrikanischen Kulturen und arabischen Ländern vorkommen, sondern die auch bei uns vorkommen. Ich würde sagen, dass bei Übergriffen, die im Familien- oder Bekanntenkreis begangen werden, sehr oft die Selbstvergrößerung das individuelle Motiv eines Vergewaltigers ist und das Gefühl, jemandem anderen etwas antun zu können.

Die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder hat getwittert, dass wir uns mit den angeblich "gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen" in der muslimischer Kultur auseinandersetzen müssten. Stimmen Sie zu?

Irgendeine Religion per se als frauenfeindlich zu bezeichnen, finde ich nicht gut. Allerdings gibt es in allen Weltreligionen, der christlichen, jüdischen und der muslimischen, eine systematische Unterordnung von Frauen in bestimmten Texten. Wobei das nicht heißt, dass die Kirchen und die Religionen in ihrer Entwicklung dabei stehengeblieben sein müssen. Aber "gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen" sind an keinen muslimischen Kontext gebunden. Überall wo die Frau zum Beispiel ihrem Vater und ihren Brüdern untergeordnet ist, ist das ein Ausweis für ein sehr restriktives Geschlechterarrangement.

Die Oberbürgermeisterin von Köln, Henriette Reker, hat Frauen empfohlen bei anderen Großveranstaltungen, wie dem Karneval, "eine Armlänge Abstand zu Fremden zu halten" …

Ich finde, dass das eine unglückliche Formulierung ist. Im Karneval ist es doch das Prinzip, dass alle fremd werden, weil sie sich verkleiden. Dieser Unterschied "Fremder" und "Vertrauter" - der fällt doch gerade im Karneval. Auch mit diesen massiven Besäufnissen wird eine soziale Distanz, die sonst zu anderen Leuten da ist, aufgelöst. Frauen sollten natürlich schauen, mit welchen Männern sie in engeren Kontakt treten, aber im Prinzip gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, dass Fremde gefährlicher sind als Nicht-Fremde.

Wie sollte man jetzt weiter vorgehen?

Ich finde es gut, wenn thematisiert wird, dass es gewaltverherrlichende und frauenfeindliche Männlichkeitsnormen gibt. Das sollte durchaus diskutiert und kritisiert werden. Wenn sich z.B. Frauengruppen und Verbände, die besonders Interessen von Frauen vertreten, in die Diskussion einschalten, ist das sehr zu begrüßen. Aber jede Konzentration darauf zu sagen: Es sind Nordafrikaner oder es sind Araber, die besonders übergriffig sind - das würde in die Irre führen.

Was könnte konkret gemacht werden?

Ich denke, dass Programme zur Gewaltprävention verstärkt werden müssen. Es gibt ja auch schon solche Programme, bei denen versucht wird, straffällig gewordenen Männern beizubringen anders mit ihrer Körperlichkeit umzugehen und nicht zuzuschlagen oder eine Frau einfach anzutatschen. Solche Dinge müssen verstärkt gemacht werden. Und falls man einige der Täter von Köln oder anderen Städten bekommt, dann sollten die für ihre Strafe ein Resozialisierungsprogramm bekommen, das sich mit diesen Männlichkeitsnormen in kritischer Weise auseinandersetzt.

Das Gespräch mit Helgard Kramer führte Mara Nolte, rbb online.  

Das könnte Sie auch interessieren