Zwei Männer halten sich an den Händen (© imago/Westend61)

Opfer und Täter sind meistens Männer - Wieder mehr homophobe Straftaten in Berlin

Berlin gilt als besonders tolerante Stadt. Doch Lesben, Schwule und Transgender empfinden dies oft ganz anders. Beleidigungen und Attacken auf offener Straße sind keine Seltenheit. Das zeigen auch die neusten Zahlen der Polizei, die dem rbb exklusiv vorliegen. Danach sind die homo- und transphoben Straftaten wieder gestiegen. Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

"Händchenhaltende Männer angegriffen", "Fußballfans attackieren homosexuelles Paar"  oder "Homophober Mob greift lesbisches Paar an": Schlagzeilen wie diese gibt es auch in Berlin immer wieder. Dabei gilt die Stadt eigentlich als besonders tolerant. Trotzdem ist die Zahl der Straftaten, die sich gegen Lesben, Schwule oder Transgender richten, im letzten Jahr gestiegen: von Januar bis Oktober 2015 zählte die Polizei 83 Fälle. Im gesamten Jahr 2014 waren es dagegen nur 74. Die Gesamtzahlen für 2015 veröffentlicht die Polizei traditionell erst Mitte des Jahres.

Vor allem die homophoben Gewalttaten sind gestiegen. Waren es 2014 noch 26, stieg die Zahl im vergangenen Jahr bis Ende Oktober auf 31. "Wir wissen aus soziologischen Studien, dass das Dunkelfeld überdurchschnittlich hoch ist. Man schätzt zwischen 80 und 90 Prozent", erklärt Maria Tischbier, die bei der Berliner Polizei Ansprechpartnerin für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle (LSBTI) ist. "Wenn bei der Polizei mehr Strafanzeigen eingehen, bedeutet das nicht, dass prinzipiell mehr passiert, sondern dass mehr Menschen zur Polizei kommen und Taten zur Anzeige bringen", glaubt Tischbier.

Schwules Anti-Gewalt-Projekt zählt mehr als dreimal so viele Taten

Die jährliche Schwankung der Zahlen komme durch viele Faktoren zustande: "Nach meiner Erfahrung kommt es zum Beispiel darauf an, wie sehr das Thema gerade in der Öffentlichkeit thematisiert wird", so Tischbier. Zudem gebe es verschiedene Fehlerquellen, durch die die Zahl der Taten eher unterschätzt werde: "Wenn ein Polizeibeamter vor Ort den homo- oder transphoben Hintergrund einer Straftat nicht erkennt, wird das nicht gemeldet und landet demensprechend nicht in der Statistik."

Neben der Berliner Polizei sammelt das Projekt "Maneo" vom Verein "Mann-O-Meter" Daten über Gewalt gegen Homosexuelle und Transgender, und das bereits seit 1990. "Uns werden jedes Jahr mehr als 700 Hinweise und Fälle gemeldet", erzählt Leiter Bastian Finke. "Allerdings nicht nur aus Berlin, sondern aus der gesamten Region, teilweise sogar aus ganz Deutschland."

Mit vielen ehrenamtlichen Helfern werden diese Fälle ausgewertet und schließlich eine finale Statistik nur für Berlin erstellt: So gab es 2014 insgesamt 225 Fälle, die laut "Maneo" mit Sicherheit einen homo- oder transphoben Hintergrund hatten. Das sind mehr als dreimal so viele Fälle, wie die Polizei in dem Jahr gezählt hat. "Wir sind mehr mit den Szenen vernetzt, vor allem aber eine unabhängige Stelle", erklärt sich Finke diesen Unterschied. "Trotzdem kann man nicht sofort über eine Zunahme von Gewalt sprechen, nur weil mehr Fälle bekannt werden. Allerdings gibt es auch keine Abnahme von Gewalt."

Viele Opfer erstatten keine Anzeige

Die Bandbreite der Taten ist groß, laut Finke sind es meistens Beleidigungen und Belästigungen auf der Straße. "Das hört sich harmlos an, aber Menschen, die das wieder und wieder erfahren, verändern sich dadurch in ihrem Verhalten und ihrem Wesen", so Finke. Auch schwere Körperverletzungen gibt es immer wieder: "Ich erinnere mich an einen Fall, wo ein Travestiekünstler auf der Straße erst beleidigt wurde und später sein Augenlicht verloren hat", erzählt Maria Tischbier von der Berliner Polizei. "Das hat mich schwer erschüttert."

Dass nur wenige homosexuelle Opfer von Straftaten überhaupt eine Anzeige erstatten, sei problematisch. Dadurch sei die Wahrscheinlichkeit geringer, dass die Täter gefunden werden, selbst wenn sofort die Polizei gerufen wird. Trotzdem appelliert Kriminaloberkommissarin Tischbier, auch bei verhältnismäßig kleinen Vergehen wie Beleidigungen die Polizei zu benachrichtigen. Denn: "Leute, die andere Menschen auf der Straße derart angehen und attackieren, machen das nicht nur einmal", sagt Tischbier. Darum könnten verschiedene Informationen von mehreren Opfern letztlich zum gesuchten Täter führen. Die Aufklärungsquote bei den Taten, die der Polizei gemeldet werden, ist verhältnismäßig gut: Im Jahr 2014 konnte etwas mehr als jeder zweite Fall aufgeklärt werden.

Opfer und Täter sind fast immer männlich

Der Bezirk mit den meisten homo- und transphoben Straftaten war laut Polizei 2013 noch Mitte, 2014 war es dann Tempelhof-Schöneberg. Die meisten von "Maneo" erfassten Taten fanden in beiden Jahren dagegen mit großem Abstand in Schöneberg statt - und damit ausgerechnet dort, wo besonders viele Homosexuelle und Transgender leben und ausgehen. "Das ist ein Kiez, in dem man offen damit umgeht und sich frei zeigt, was ja auch richtig und gut ist", sagt Maria Tischbier. Aber gerade da, wo schwule Männer sichtbar sind, fühlten sich die Täter provoziert, meint "Maneo"-Leiter Finke. Die meisten Fälle passieren nämlich in der Öffentlichkeit: "Es ist keine versteckte Gewalt, sie spielt sich oftmals vor vielen Zeugen ab, und wird dann auch so hingenommen", so Finke.

Die Opfer, aber auch die Täter bei homo- und transphoben Taten, sind fast immer Männer. "Wir leben noch immer in einer von Männern dominierten Gesellschaft, in der der öffentliche Raum ein männlich dominierter Raum ist", glaubt Finke. "Männer, die aus den Rollenbildern tanzen, bekommen die Folgen zu spüren."

Hamburg und Köln führen keine Statistiken

Ein Vergleich der Berliner Zahlen mit anderen deutschen Großstädten ist schwierig: Hamburg und Köln erheben keine Statistiken, obwohl beide Städte durchaus für eine große LSBTI-Szene bekannt sind. In München wurden von Januar bis Oktober 2015 nur sieben Fälle bei der Polizei registriert, im Jahr zuvor waren es noch 28. Auch dort haben Gewaltdelikte jedoch zugenommen: Wurde 2013 noch kein einziges und 2014 nur eines erfasst, waren es 2015 drei. Im Gegensatz zu Berlin hat München allerdings auch keine offiziellen Ansprechpartner für Homosexuelle - auch das könnte ein Grund für die deutlich geringeren Zahlen sein.

Dass die Zahlen der Polizei die tatsächliche Dimension homo- und transphober Taten wahrscheinlich nicht widerspiegeln, zeigt auch ein Blick in die bundesweite Statistik: 2014 gab es laut Bundeskriminalamt 184 Fälle in ganz Deutschland, deren Opfer Homosexuelle oder Transgender waren - und damit 41 weniger als "Maneo" im gleichen Jahr allein für Berlin gezählt hat.

Beitrag von Klaas-Wilhelm Brandenburg

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