Überwachungskamera am Berliner U-Bahnhof Osloer Straße (Quelle: imago/Olaf Wagner)

Diskussion über Gefährdung nach Stoß vor Zug - "Berliner U-Bahn ist sicherer als die Straße"

Nach dem Tod einer 20-Jährigen durch einen Stoß vor den einfahrenden U-Bahn-Zug macht sich in Berlin Verunsicherung breit. Sind in der U-Bahn immer mehr Unberechenbare unterwegs?  Gibt es immer mehr Kriminalität? Mehr Rücksichtslosigkeit? Die BVG und der Fahrgastverband IGEB sehen das nicht so. Von Andrea Marshall

Berlin zeigt sich entsetzt nach dem jüngsten schweren Vorfall am Ernst-Reuter-Platz: Eine junge Frau (20) starb im U-Bahnhof, nachdem sie von einem Mann offenbar ohne jede Vorwarnung vor einen einfahrenden Zug gestoßen worden war.  Ein 28-jähriger Tatverdächtiger wurde festgenommen.

Dass U-Bahnfahren in Berlin gefährlicher geworden sei, kann man aus dieser Tat nach Ansicht der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und des Fahrgastverbands IGEB jedoch nicht schließen: Es handelt sich wohl um einen krassen Einzelfall.

Straftaten rückläufig – außer Taschendiebstähle

Mehr Überfälle oder ähnliches wurden jedenfalls 2015 nicht gemeldet. "Die Zahl der Straftaten in der BVG ist im vergangenen Jahr  – bezogen auf die verschiedenen Kategorien – entweder gleich geblieben oder sogar rückläufig, wenn man von Taschendiebstählen absieht", sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz.  Die Zahl der Taschendiebstähle habe tatsächlich eklatant zugenommen. Sexualdelikte seien dagegen weniger vorgekommen. Genauere Zahlen darf Reetz nicht nennen - das ist Sache der Berliner Polizei, die die Statistik aber erst Ende Februar veröffentlicht.

Schon im Jahr 2014 waren bei der BVG sehr viel mehr Taschendiebstähle und sehr viel mehr erwischte Schwarzfahrer als im Vorjahr gezählt worden. Beides trieb die Kriminalstatistik nach oben.

Straftaten in der BVG fallen zudem durch die Videoaufnahmen mehr auf als die an anderen Orten, etwa im Görlitzer Park, sagt Petra Reetz: "Wir liefern mit den Bildern die erhöhte Aufmerksamkeit." Ihr Fazit: "Die Berliner U-Bahn ist sicherer als die Straße." Von einer "guten und angenehmen Sicherheitslage" in öffentlichen Verkehrsmitteln spricht auch der Berliner Fahrgastverband.

Vollere Stadt – mehr Aggression?

Insgesamt aber sind Busse und Bahnen in Berlin deutlich voller geworden.  Eine Milliarde Fahrgäste hat die BVG nach eigenen Angaben 2015 befördert.  Das wären über 20 Millionen mehr als im Jahr zuvor - die genauen Angaben sind noch nicht veröffentlicht. Auch die Zahl der Fahrten sei  2015 gestiegen, heißt es, das Angebot wurde ausgeweitet.  Der Fahrgastverband fordert, dass möglichst bald auch mehr Fahrzeuge eingesetzt werden sollten – das helfe gegen Geschiebe und Gedränge.

Grund für die Steigerungen ist die insgesamt vollere Stadt: mehr Touristen, mehr Flüchtlinge, mehr Zuzügler. Möglich, dass sich bei manchem Fahrgast ein subjektives Unsicherheitsgefühl einstellt,  wenn er mit fremd aussehenden oder wirkenden Menschen im Gedränge unterwegs ist. Möglich, dass das Gedränge aggressiver und den allgemeinen Umgangston rauer macht als ohnehin bei der sprichwörtlichen "Berliner Schnauze" erwartbar. Möglich auch, dass sich heutzutage mehr Menschen allgemein gehetzt fühlen und deshalb rücksichtsloser sind, wie es die Ethnologie-Professorin Beate Binder von der Freien Universität Berlin kürzlich vermutete. In Zahlen messbar ist das nicht.

In der U-Bahn sei das "Wohlbefinden" vieler Menschen immer schon getrübt gewesen, meint Petra Reetz:  Das sei eine Art Urinstinkt.  Die Menschen wüssten instinktiv, dass Fluchtwege oft länger seien. "Keiner ist gerne unter der Erde."

Ausschnitt vom Werbevideo "BVG "Is mir egal" (feat. Kazim Akboga)" der Kamapgne "Weil wir dich lieben" auf Youtube (Quelle: Screenshot von "BVG "Is mir egal" (feat. Kazim Akboga)" auf Youtube)

BVG soll "Ist uns doch egal"-Eindruck vermeiden

Vom Fahrgastverband IGEB kommt noch eine andere Erklärung für das diffuse Gefühl mancher Berliner, dass es in der U-Bahn immer gefährlicher werde. "Die BVG setzt ihr Hausrecht auf den Bahnhöfen nicht genug durch", sagt Sprecher Jens Wieseke. "Es wird geraucht, Alkohol getrunken, gelärmt – und keiner schreitet ein." Dadurch entstehe der Eindruck, auch bei Kriminalität werde die BVG nicht aktiv. Motto: "Ist uns doch egal". Die Imagekampagne des Unternehmens mit ihrem sehr populären Song "Is' mir egal" leiste dem noch Vorschub, sagt Wieseke.

Als Konsequenz fordert der Verband mehr und aktiveres Personal auf den Bahnhöfen.  Die derzeit eingesetzten mobilen Teams seien "flink, aber scheu": Man sehe sie nicht, sagt Wieseke. Mehr Betreuer in Dienstkleidung, die wie eine Uniform wirke, könnten die Schwelle für Straftaten erhöhen und das subjektive Sicherheitsgefühl verbessern. Einen so schweren Vorfall wie den am Ernst-Reuter-Platz hätte aber auch mehr BVG-Personal nicht verhindern können, räumt Wieseke ein.

Bahnsteigtüren kosten Milliarden

Dem Opfer des "U-Bahn-Schubsers" hätten dagegen so genannte Bahnsteigtüren geholfen – transparente Schutzwände an der Bahnsteigkante, wie sie im japanischen Kyoto und teilweise in Paris und London eingesetzt werden. Sie bleiben so lange geschlossen, bis der eingefahrene Zug dahinter zum Stillstand gekommen ist und seinerseits die Türen öffnet. Vor die U-Bahn gestoßen werden kann dann niemand.

Für Berlin seien solche Bahnsteigtüren aber unrealistisch, sagt BVG-Sprecherin Reetz. Nicht alle Fahrzeugtypen könnten "millimetergenau" halten, wie es für ein solches System erforderlich wäre. Auch die jeweils individuelle Architektur der Bahnhöfe spreche dagegen - im Fall einer Nachrüstung gäbe es unter anderem Denkmalschutz-Auflagen. "Für Schutzwände müssten wir uns ein komplett neues U-Bahn-System bauen", sagt Reetz. Mit Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe.

Tipp: "Grundaufmerksamkeit" und Trillerpfeife

Was kann man nun als Fahrgast tun, um sich zu schützen? Im Fall einer Krise an der Notrufsäule auf dem Bahnsteig Hilfe holen, rät die BVG.

Jens Wieseke rät zu einer "Grundaufmerksamkeit":  "Immer wieder prüfen, ob ich mich in der jeweiligen Situation angemessen verhalte. Wer sich um 23 Uhr alleine auf dem Bahnsteig aufhalte, solle möglichst nicht auch noch in einer dunklen Ecke stehen und sich mit Musik aus dem Kopfhörer ablenken. Kämen dagegen zufällig zwei Polizisten dazu, sei das dagegen sehr wohl möglich.

Den Rat aus früheren Tagen, dass Frauen möglichst weit vorn in den Zug einsteigen sollten, um im Notfall den Zugführer um Hilfe zu bitten, hält Wieseke für zu allgemein. Wenn weiter hinten eine vertrauenserweckende Gruppe Menschen einsteige, sei man dort womöglich besser aufgehoben.

Auch von Pfefferspray hält Wieseke nichts, von echten Waffen ganz zu schweigen: Sie könnten die Situation eskalieren. Das Spray könne man kaum gezielt einsetzen, es treffe womöglich den Falschen und verletzte die Umstehenden.  Sinnvoller sei dagegen eine Trillerpfeife am Schlüsselring:  Um die Aufmerksamkeit potenzieller Helfer zu erzielen.

Der BVG rät Wieseke, die Fahrgäste besser als bisher über Verspätungen und Ausfälle zu informieren. "Informierte Bürger sind weniger unsicher."

Beitrag von Andrea Marshall

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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